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Korschenbroich: Pesch soll eine mutige Gemeinde sein

Korschenbroich : Pesch soll eine mutige Gemeinde sein

Die Gemeinde St. Marien will mit neuen Gottesdienst- und Veranstaltungsformen neue Zielgruppen erreichen. Laut einer Studie sind nur neun Prozent aller Pescher ausgeprägte Traditionalisten. Der Pfarrgemeinderat will mutig ein Profil entwickeln und so den Fortbestand der Gemeinde sichern.

PESCH Die Frühmeditation war ein erster Versuch. "Wir haben uns auch gefragt: Wer steht morgens um halb Fünf auf, um in die Kirche zu gehen? Wir hatten auch für möglich gehalten, dass wir nur mit fünf oder sechs Leuten in der Kirche gesessen hätten", gesteht Christoph Sochart. Doch dann war der Vize-Vorsitzende des Pfarrgemeinderates von St. Marien Pesch überrascht über den Erfolg der Meditations-Premiere. Als Mitte Mai die Veranstaltung mit Texten, Orgelmusik, einer Entspannungsübung und einem abschließenden gemeinsamen Frühstück in aller Herrgottsfrühe in St. Marien begann, waren 60 Besucher da – aus ganz Korschenbroich und sogar aus Mönchengladbach. Ein gelungenes Experiment, finden Sochart und Pfarrgemeinderatsvorsitzender Dr. Theo Kohlbecher. Und ein Beispiel für neue Veranstaltungsformen, mit denen die Gemeinde St. Marien neue Zielgruppen für die Kirche interessieren möchte.

Gemeindestruktur im Wandel

Dass die Gemeinde neue Wege gehen muss, um überleben zu können, davon sind Kohlbecher und Sochart überzeugt. "Die Zeiten, in denen man selbstverständlich jeden Sonntag zum Gottesdienst ging, sind vorbei", sagt Kohlbecher. Das wird nicht nur augenscheinlich, wenn viele Kirchenbänke in der Messe leer bleiben. Es lässt sich auch aus einer Studie ablesen, die in allen Korschenbroicher und Mönchengladbacher Gemeinden die Bevölkerungsstruktur untersucht und in Milieus eingeteilt hat. Das Ergebnis dieser Sinus-Studie in Pesch verblüffte zunächst auch den Pfarrgemeinderat: Traditionalisten, die regelmäßig Gottesdienste in ihrer Heimatgemeinde besuchen und altgewohnte Frömmigkeitsformen pflegen, machen in Pesch gerade mal neun Prozent der Bewohner aus.

Ein Befund, den sich Sochart mit den vielen oft aus großstädtischen Räumen Zugezogenen erklärt. Diese Lesart macht auch begreiflich, warum die Milieus der "Etablierten" und "Postmateriellen" zusammen 59 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Diese Menschen gehören laut Sinus-Studie der oberen Mittelschicht an und sind zwar arbeits- und leistungsorientiert. Mit traditioneller Volksfrömmigkeit können sie jedoch wenig bis nichts anfangen. Ansprechbar sind sie jedoch mit Projekten, die zur Mitarbeit einladen, Kunst und Veranstaltungen wie der Frühmediation. "Sie mit Diskussionen über Themen und Lebenspläne gewinnen, aus denen sie auch einen Nutzwert ziehen können", sagt Sochart.

Darum will der Pfarrgemeinderat auch über seine neuen Konzepte mit den Menschen in der Gemeinde diskutieren. Das geschieht in intensiven Gesprächen mit fast 40 Personen aus dem Ort. Und es soll auch im Internet passieren. Wer möchte, kann demnächst Meinungen und Wünsche unter www.pesch-aktuell.de abgeben. In der Kirche nimmt eine "Ideenbox" Anregungen auf. Schließlich möchte der Pfarrgemeinderat möglichst viele Gemeindemitglieder "mitnehmen" – auch möglichst viele "Traditionalisten".

Ideen, was sich ändern könnte, gibt es natürlich schon: neue Gebets- und Gesprächsformate mit Bildern und Musik, Konzerte und Ausstellungen, Diskussionsrunden, ein neu gestaltetes Gemeindefest oder eine Kunst-Aktion, bei der an einem Tag mehrere Menschen Kunstwerke in ihren Häusern Besuchern vorstellen und bei der auch St. Marien eine Station des Rundgangs wäre. Aber auch delikatere Gedanken hegt der Pfarrgemeinderat: Ein Teil der Kirchenbänke könnte weggeräumt werden, meint Sochart, dann würde Raum für Veranstaltungen in der Kirche entstehen. Die große Rückwand von St. Marien könnte als Projektionsfläche genutzt werden. Vergrätzen will der Pfarrgemeinderat eher traditionell denkende Pescher nicht. Aber allzu zaghaft soll der Wandel auch nicht angegangen werden. "Wir wollen mutig sein, innovativ und professionell", sagt Sochart.

Auf Erwachsene konzentrieren

Das Ergebnis solcher Veränderungen wäre ein ganz eigenes Profil der Gemeinde: Eine Gemeinde, die sich auf den Dialog mit Erwachsenen konzentriert. Will heißen: Während Gottesdiensten und Veranstaltungen wird zwar eine Kinderbetreuung angeboten, damit sich die Eltern auf das Geschehen einlassen können. Auf Kindergottesdienste verzichtet St. Marien Pesch jedoch. Die Arbeit mit Kindern wäre dann ein inhaltlicher Schwerpunkt, den sich eine andere der fünf Korschenbroicher Gemeinden zu eigen macht. Nach Ansicht Kohlbechers wäre das auch eine gute Überlebensstrategie: "Wenn jede Gemeinde so ihr eigenes Profil entwickelt, dann hat jede ihre eigene Berechtigung und eine Chance, ihren Bestand zu sichern."

(RP)