Lesung in Korschenbroich mit Autor Bart van Es und Lien de Jong

Literarischer Sommer in Korschenbroich : Lesung mit einer ergreifenden Lebensgeschichte

Autor Bart van Es hatte seine Romanfigur Lien de Jong zur Lesung in Korschenbroich mitgebracht. Im Buch „Das Mädchen mit dem Poesiealbum schildert er ihre Lebensgeschichte.

„Du wirst eine Weile woanders wohnen“ lautete der harmlos klingende Satz, der Lien de Jongs Leben von Grund auf veränderte. Mit dem „woanders wohnen“ unternahmen Liens jüdische Eltern den verzweifelten Versuch, ihre Tochter vor Verfolgung und Deportation zu retten, indem sie sie an die ihnen unbekannte Familie van Es in Dordrecht übergab. Die Zahl der später sogenannten „hidden children“, der nicht nur in den Niederlanden versteckten jüdischen Kinder, beträgt knapp 5000.

Lesung in Korschenbroich: Rita Mielke, Claudia Büchel (hinten von links), Bart van Es und Lien de Jong (vorne). Foto: Ilgner Detlef (ilg)

Bart van Es, Literaturprofessor in Oxford, hat die Geschichte des versteckten Kindes Lien de Jong aufgeschrieben. „Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ lautet der deutsche Titel des Buches. Anlässlich einer Lesung im Rahmen des Literarischen Sommers 2019 war der Autor gemeinsam mit Lien de Jong in der Evangelischen Kirche in Korschenbroich zu Gast. Zum ersten Mal beteiligte sich die Stadt an diesem Festival. Lesungen aus dem Buch und von Rita Mielke moderierte Gespräche mit van Es und de Jong wechselten sich ab.

Für den Autor war es eine ebenso sehr persönliche, aber auch eine politische Geschichte. Denn es waren die Großeltern von Bart van Es, bei der Lien de Jong zunächst ein halbes Jahr während des Krieges und dann nach dem Krieg gelebt hat. Eine vage Erinnerung verband er mit ihr. Als van Es‘ Onkel vor einigen Jahren starb, wurde ihm klar, dass die Menschen, die die Familienerinnerungen bewahren, im Verschwinden begriffen waren und er etwas dagegen unternehmen musste.

Der „Zustand der Welt“ mit steigendem Extremismus und Antisemitismus, sagte van Es, war ein weiterer Impuls für das Buch. So schickte er im Dezember 2014 eine E-Mail an Lien de Jong in Amsterdam und begab sich auf eine bewegende Spurensuche. Über viele Stunden erzählte Lien de Jong Bart van Es ihre Geschichte, für die sie viele Jahre lang gar keine Worte gefunden hatte. Obwohl schwer traumatisiert, bezeichnet sie sich nicht als ein Opfer, sondern als ein Mensch, der Erfahrungen von Elternlosigkeit, Versteckt-Werden und Verlust gemacht und damit zu leben gelernt hat.

Nach den fast zwei Stunden Lesung war es sehr still in der evangelischen Kirche in Korschenbroich. Die Ergriffenheit und die Betroffenheit der Zuhörer waren greifbar.

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