1. NRW
  2. Städte
  3. Korschenbroich

Korschenbroich: Landwirte müssen global denken

Korschenbroich : Landwirte müssen global denken

Interview Wolfgang Wappenschmidt, Vorsitzender der Kreisbauernschaft, erklärt, warum Landwirte heute nicht mehr ohne Computer und Internet auskommen. Er spricht über aktuelle Herausforderungen und sagt, was er von Sendungen wie "Bauer sucht Frau" hält.

Herr Wappenschmidt, wie weit sind Sie bei der Ernte?

Wappenschmidt In unserem Betrieb haben wir letzte Woche in einem Gewaltakt von Dienstagnachmittag bis Mittwochmorgen durchgearbeitet und sind daher fast fertig. Momentan ist die Arbeit allerdings unterbrochen. Das unbeständige Wetter ist natürlich ein großes Problem für die Getreideernte.

Wie sieht es bei Ihren Kollegen aus?

Wappenschmidt Gerste, Triticale und Roggen sind gemäht, beim Raps wohl mehr als die Hälfte. Beim Weizen, der allerdings ungefähr 75% des Getreides im Raum Mönchengladbach ausmacht, dürfte knapp die Hälfte geerntet sein.

Erleben Sie und Ihre Kollegen aufgrund des schlechten Wetters einen Einbruch bei der Ernte?

Wappenschmidt Aufgrund des extrem trockenen Frühjahrs hängt der Ertrag in diesem Jahr stark von der Bodenqualität ab. Bei leichten, also schlechteren Böden dürfte der Ertragsausfall teilweise bei über 50 Prozent liegen. Bei guten Böden vielleicht bei zehn bis 15 Prozent.

Finanziell muss das doch stark zu spüren sein?

Wappenschmidt Das wissen wir erst, wenn wir abgerechnet haben. Getreide ist ein Weltmarkt, und in den letzten Wochen schwankte der Preis stark. Wir waren allerdings auf einem erfreulich hohen Niveau.

Landwirte müssen global denken?

Wappenschmidt Aber ja, natürlich. Obwohl dies für uns noch eine relativ neue Erfahrung ist.

Der Landwirt ist sozusagen also auch "Rohstoffhändler"?

Wappenschmidt Richtig, er ist nicht nur Produzent, sondern auch Vermarkter seines eigenen Produkts. Fast alle Landwirte sind heute Unternehmer, die ohne Computer und Internet nicht arbeiten könnten. Viele haben ihre Betriebe etwa durch Pensionspferdehaltung, Direktvermarktung oder Sonderkulturen zukunftsfähig gemacht.

Wie sieht die Zukunft der Landwirtschaft aus?

Wappenschmidt Grundsätzlich ist die Landwirtschaft eine Zukunftsbranche, die aktuellen Herausforderungen wie Welternährung, Energieversorgung, Klimaschutz und Umweltschutz sind ohne Landwirtschaft nicht zu lösen. Konkret vor Ort hängt die Zukunft der Landwirtschaft stark von politischen Entscheidungen auf allen Ebenen ab, insbesondere von solchen aus Brüssel. Rund 50 Prozent des Einkommens der Landwirte besteht nach wie vor aus europäischen Direktzahlungen, im Interesse der Verbraucher und niedriger Nahrungsmittelpreise. Über die Ausrichtung dieser Politik nach 2013 wird zur Zeit intensiv gestritten.

Sie haben ein Schild mitgebracht, auf dem "Stoppt Landfraß" steht...

Wappenschmidt Das ist eine gemeinsame Aktion der Landwirte. 100 Hektar Ackerfläche gehen am Tag in Deutschland verloren. In Nordrhein-Westfalen sind es ungefähr 15 Hektar am Tag. Für jedes neue Gewerbegebiet muss zusätzlich eine so genannte ökologische Ausgleichsfläche bereitgestellt werden, zu Lasten der landwirtschaftlichen Fläche.

Der Verbrauch landwirtschaftlicher Flächen muss gedrosselt werden, und wir wollen bei der Bewertung dieser Ersatzflächen stärker involviert sein. Die Maßnahmen sollten mit uns besprochen werden. Landwirtschaftliche Flächen sind nicht, wie viele heute noch meinen, einfache ,Restflächen'; Land ist nicht vermehrbar. Wir brauchen es dringend für Nahrungsmittelerzeugung und nachwachsende Rohstoffe, insbesondere in Zeiten der Energiewende.

Zum Beispiel für eine Biogasanlage, wie sie in Wanlo geplant war?

Wappenschmidt Es ist mehr als ärgerlich, dass die Anlage nicht gebaut wird.

Sind Sie auch sauer auf die CDU, in der sie ja aktiv sind?

Wappenschmidt Ja, zumal die Entscheidung nach meiner Wahrnehmung in keiner Weise an der Sache orientiert war. Das war politisch-taktisches Spiel!

Ist jeder Landwirt heutzutage ein bisschen "Bio"?

Wappenschmidt In einem gewissen Sinne schon. Auch im konventionellen Anbau wird der Umweltschutz äußerst intensiv verfolgt. Der nachhaltige Anbau, der Erhalt der Bodenfruchtbarkeit, der Schutz des Grundwassers ist wichtig für uns. Es ist ärgerlich, wenn einzelne Skandale wie aktuell Dioxin oder EHEC das ganze System zu Unrecht in Verruf bringen. Dann werden vorschnell weitere Auflagen erlassen, ohne Rücksicht darauf, ob diese überhaupt sinnvoll und umsetzbar sind.

Bio heißt ja auch nicht, dass man überhaupt kein Schädlingsbekämpfungsmittel einsetzen darf...

Wappenschmidt Nein, das heißt es eben nicht. Da wird immer ein falscher Eindruck erweckt. Als Leitbild für die gesamte Landwirtschaft sehen wir den biologischen Anbau daher auch nicht. Die Folge wären Ertragsverluste, die nicht zwingend sind. Aber der biologische Landbau hat seine Berechtigung, denn wir richten uns natürlich nach dem Verbraucher. Auch in Mönchengladbach gibt es gut geführte biologisch wirtschaftende Betriebe.

Und wie sieht es mit der Tierhaltung in der Landwirtschaft des Kreises aus?

Wappenschmidt Wir sind hier eine Ackerbauregion. Die Tierhaltung, mit Ausnahme der Pensionspferdehaltung, geht seit Jahren stark zurück. Aktuell steht der Schweinemarkt unter Druck, die Margen werden aufgrund der internationalen Konkurrenz immer kleiner.

Sie haben vier Kinder, von denen aber nur der Zweitälteste im Betrieb arbeitet. Gibt es genau Nachwuchs?

Wappenschmidt Ich kenne viele Betriebe, bei denen die Kinder Freude an der Landwirtschaft haben und den Betrieb weiterführen wollen. Aber die meisten erhalten vorher eine gute Ausbildung und gehen erst danach in den Betrieb.

Letzte Frage: Was halten Sie von der TV-Sendung "Bauer sucht Frau"?

Wappenschmidt (lacht) Na ja, die suchen sich ja da schon ganz spezielle Typen. Das fördert nicht unbedingt das Bild vom modernen Landwirt. Aber ich persönlich habe kein großes Problem damit. Es ist schlicht Unterhaltung.

Fabian Eickstädt, Nadine Fischer, Gabi Peters und Dieter Weber führten das Gespräch.

(RP)