Korschenbroich: Thomas Siegers und Albert Richter im Interview

Korschenbroicher Fraktionsvorsitzende im Interview: „Wir müssen die Ortsteile im Auge behalten“

Der CDU-Fraktionschef und der SPD-Vize über Zusammenarbeit in der Kommunalpolitik, Baugebiete, Familienrabatt und Neubürger.

CDU und SPD waren einst die klassischen Gegner. In Korschenbroich arbeiten Sie seit 2009 zusammen. Funktioniert´ s ? Sind Sie heute die natürlichen Partner?

Richter In der Politik gibt es keine natürlichen Partner. Warum geht man in die Kommunalpolitik? Doch um etwas für die Bürger zu erreichen, bestimmte Ziele durchzusetzen. Und dazu muss man die Partner finden, die ähnlich denken. Natürlich kann man nie hundert Prozent umsetzen, aber die Kompromisse, die man schließt, sollten für beide einen Erfolg darstellen. Das funktioniert in unserer Zusammenarbeit gut.

Siegers Meinungsverschiedenheiten gehören natürlich dazu, sonst könnten wir ja fusionieren. Aber wir haben einen Auftrag und wollen Dinge umsetzen, dazu braucht man Partner, wenn man keine eigene Mehrheit hat. Wenn man eine Mehrheit hat, ist es übrigens auch nicht immer leichter, denn auch innerhalb der Fraktion wird intensiv diskutiert. Wir arbeiten gut zusammen und können nun auch die Früchte dessen ernten, was wir vor längerer Zeit angestoßen haben.

Das heißt, Sie blicken auf eine erfolgreiche Kooperation zurück. Wird das in Korschenbroich auch so wahrgenommen?

Siegers Korschenbroich ist überschaubar und Erfolge werden auch wahrgenommen, aber es ist immer wichtig, auch im persönlichen Gespräch zu überzeugen. Man muss Entscheidungen und Kompromisse erklären. Wir sind als Kommunalpolitiker ja nicht vollständig frei in unseren Entscheidungen. Es gibt Normen zu beachten und verschiedene Interessen abzuwägen. Ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn man das darstellt, können die Bürger es auch nachvollziehen.

Richter Positive Entwicklungen werden in unserer Gesellschaft tatsächlich oft nicht so wahrgenommen wie Negatives. Es scheint interessanter zu sein, darüber zu reden, was nicht geht. Erfolge sind selbstverständlich. Das ist in der Bundespolitik übrigens genauso. Dass die SPD zum Beispiel den Mindestlohn durchgesetzt hat, haben anscheinend alle vergessen.

Welche positiven Projekte und Entwicklungen können Sie sich denn an die Fahne heften?

Richter Ich finde besonders wichtig, dass in jedem Neubaugebiet eine Quote von zwanzig Prozent für den öffentlich geförderten Wohnungsbau besteht. Auch dass die Stadt Korschenbroich ein eigenes Mietobjekt baut, gehört zu den positiven Entwicklungen.

Siegers Das sind alles Punkte, die wir gemeinsam umgesetzt haben. Ich würde noch die Haushaltskonsolidierung nennen. Wir sind dem Stärkungspakt beigetreten und stehen heute deutlich besser da als früher. Wir konnten so zum Beispiel die Grundsteuer seit 2015 konstant halten. Trotzdem hatten und haben wir keinen Stillstand in Korschenbroich: Schulen, Kitas und Sportplätze werden instand gehalten und ausgebaut. Die Wirtschaftsförderung funktioniert, wir haben steigende Einnahmen durch die Gewerbesteuer.

Dennoch ist Korschenbroich eine Auspendlerstadt. Müsste nicht mehr in den Wirtschaftsstandort investiert werden, um Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen?

Siegers Die Pendlerbilanz wird nie ausgewogen sein, aber wir bauen die Gewerbegebiete aus und entwickeln sie weiter. Dabei setzen wir weniger auf ganz große Unternehmen, sondern eher auf kleine und mittlere. Die schaffen auch Arbeitsplätze vor Ort.

Richter In Korschenbroich müssen wir einen anderen Fokus setzen als in Großstädten. Kleine und mittlere Unternehmen sind viel konjunkturunabhängiger als große. Wir haben sehr gute Firmen vor Ort, wollen aber durch den Breitbandausbau noch bessere Strukturen schaffen. Unser Ziel ist eine gesunde mittelständische, handwerklich geprägte Wirtschaftsstruktur.

Es gibt Neubaugebiete und viele Familien ziehen zu. Wie bindet man die Zugezogenen erfolgreich ein? Wie erklärt man Düsseldorfern Unges Pengste?

Richter Unges Pengste oder jedes andere Schützenfest. Wir haben viele Ortsteile und eine sehr vielfältige Kultur der Schützen und Vereine. Die Zugezogenen einzubinden funktioniert im Allgemeinen hervorragend über die Kindergärten. Wenn die Eltern beim St. Martinsumzug mitgehen, sind sie auch ganz schnell bei anderen Veranstaltungen dabei.

Siegers Wir haben sehr gut funktionierende Ortsgemeinschaften, in denen Pfarrgemeinden, Bruderschaften und zahlreiche Vereine aktiv sind. Da ist für jeden etwas dabei.

Richter Außerdem ziehen nicht nur Düsseldorfer in die Neubaugebiete. Unser Entwicklungskonzept sieht ein Punktesystem vor, von dem Familien mit Kindern profitieren, auch Korschenbroicher Familien nutzen das Angebot. Das ist uns sehr wichtig.

Wie ist die Entwicklung bei Immobilienpreisen und Bauland?

Richter Die Preise liegen bei etwa 300 Euro pro Quadratmeter in der besten Lage. Mit einem Rabattsystem sorgen wir dafür, dass Familien weniger zahlen. Bei drei Kindern wird beispielsweise der Kaufpreis um 15 Prozent auf 255 Euro für bis zu 230 qm reduziert.

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Ist Korschenbroich eine wachsende Stadt? Oder werden Sie gar von Neubürgern überrannt?

Siegers Wir wollen nicht unbedingt wachsen, aber wir müssen der demografischen Entwicklung entgegenwirken. Deswegen ist es wichtig, ein Angebot für junge Familien zu schaffen. Das muss jedoch Schritt für Schritt geschehen.

Richter Deswegen entwickeln wir auch nicht alle Neubaugebiete gleichzeitig. Das Neubaugebiet an der Niersaue hätte auch doppelt so groß ausfallen können und es hätten sich Interessenten gefunden. Aber das wollten wir nicht.

Wenn Familien zuziehen, werden auch Kita-Plätze gebraucht. Wie steht Korschenbroich da?

Siegers Wir erfüllen die Quote, aber wir müssen uns strecken. Gefühlt ist der Kita-Ausbau ein Fass ohne Boden. Aber mit der Lebenshilfe oder der Diakonie haben wir gute Partner und halten Schritt. Die Kita an der Niersaue beispielsweise wird fünfgruppig.

Richter Wichtig ist, dass in Korschenbroich jedes Kind eine Betreuung bekommt – in der Kita oder durch eine Tagesmutter.

Korschenbroich besteht nicht nur aus der Stadt Korschenbroich, sondern auch aus Ortsteilen wie Kleinenbroich, Glehn oder Liedberg.

Richter Ja, wir tragen Verantwortung für die gesamte Stadt und müssen die eigenständige Entwicklung aller Ortsteile im Auge behalten.

Siegers Und mit Augenmaß vorgehen. Wenn wir die Verwaltungsnebenstellen in Kleinenbroich und Glehn schließen, ist das wirtschaftlich gesehen vernünftig, aber es darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Leute in den Ortsteilen alleingelassen werden. Wir müssen vernünftig erklären, dass alle von einer soliden Haushaltslage profitieren.

Was wird für die Ortsteile getan?

Siegers Wir investieren natürlich auch dort in die Infrastruktur – in das Glehner Gewerbegebiet genauso wie in die Kleinenbroicher Sportstätten.

Gibt es noch genügend Nahversorgungsangebote, Treffpunkte, Schulen?

Siegers Was die Nahversorgung angeht, sind die Ortsteile gut ausgestattet. Es gibt sogar Nachfragen für weitere Ansiedlungen. Und wir wollen auf jeden Fall die Schulen in den Ortsteilen erhalten.

Richter In Korschenbroich und Kleinenbroich haben wir ein gutes Angebot und die Kaufkraft bleibt auch in der Stadt. Allerdings brauchen wir noch Lösungen für die älterwerdende Gesellschaft. Angebote des Betreuten Wohnens beispielsweise und einen Ausbau des ÖPNV in allen Ortsteilen .

Sie dürfen träumen: was wünschen Sie sich für Korschenbroich in zehn Jahren?

Siegers Schuldenfreiheit wäre toll. Die Schulden sind schon ein Damoklesschwert, das über uns hängt.

Richter Die Sperrung der Strasse Rhedung für den LKW Verkehr und Straßen ohne Schlaglöcher wären ein Traum.

Das Gespräch führten Denisa Richters, Dieter Weber, Christian Lingen und Angela Rietdorf

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