Korschenbroich: Stolpersteine säubern - im Gedenken an die Reichspogromnacht

Stolpersteine in Korschenbroich : Schrubben gegen das Vergessen

In Korschenbroich und Glehn sind in diesen Tagen Realschüler und Gymnasiasten unterwegs. Sie pflegen die insgesamt 30 Stolpersteine, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Und halten das Gedenken lebendig.

30 Tafeln. 30 Namen. 30 Schicksale. In ganz Korschenbroich finden sich Stolpersteine, die an Menschen erinnern. Dort wo sie zuletzt gewohnt haben, bevor sie von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Der Künstler Gunter Demnig hatte die Aktion einst ins Leben gerufen. Seit 2008 beteiligt sich auch Korschenbroich. Als eine von heute 1265 Kommunen in Deutschland.

Einmal im Jahr werden die Erinnerungsstücke geschrubbt, poliert und wieder zu altem Glanz gebracht. Initiiert von Wolfgang Skiba. Er kümmert sich schon so lange um die Erinnerungskultur, dass er Sätze sagt wie: „Ich wohne erst seit 29 Jahren in Korschenbroich.“ Zuvor war er in Meerbusch-Büderich in der Friedensarbeit aktiv. Schon damals habe ihn das Thema interessiert.

Immer rund um den Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November ist Skiba unterwegs und geht die Stolpersteine ab. Dabei begleiten ihn Schüler der Korschenbroicher Realschule und des Gymnasiums. Am Montag in Glehn sind sie zu sechst, auch weil der Termin kurzfristig um einen Tag vorgezogen wurde. Skiba, drei Schüler, eine Lehrerin und Klaus Fischer. Die Schüler schrubben, Skiba erzählt vom Schicksal der jeweiligen Menschen. Und Fischer poliert.

Der Prädikant der evangelischen Kirche Glehn hielt im Januar eine Predigt zum Holocaust-Gedenktag. Er traf auf Skiba und ist mit seiner Poliermaschine erstmals bei dem Rundgang dabei. „Das Gedenken ist wichtig“, sagt Fischer. „Gerade wenn mehr Menschen ihre Stimme gewissen Parteien geben.“ Gerade in Glehn gebe es für seinen Geschmack zu viele Mitbürger, die schon AfD gewählt haben. Das beunruhige ihn. „Auch wenn das mancher nicht hören will“, wie er sagt.

Die Lehrerin Eva Hermanns, Leiterin der „Geschichtswerkstatt“ an der Realschule Korschenbroich beobachtet ebenfalls, wie sich die Stimmung verändert hat. Jeder Schüler besucht in der achten oder neunten Klasse die Gedenkstätte Bergen-Belsen. In den Ruinen des ehemaligen Konzentrationslagers soll für die Jugendlichen Geschichte greifbar werden. „Früher war die Fahrt unumstritten“, sagt Hermanns. „Heute kommt es auch einmal vor das Eltern sagen: Irgendwann muss doch gut sein.“ Es sei die Minderheit. Glücklicherweise, wie sie sagt. Und doch: Die Erinnerungskultur wird zunehmend in Frage gestellt.

Es gibt aber auch noch Schüler wie Lina Freitag, Enya Gerards und Justin Koch. Sie engagieren sich freiwillig in der Geschichtswerkstatt und sind an diesem Montag dabei. „Viele Schüler können mit den Stolpersteinen gar nichts anfangen“, sagt Freitag. Dabei sei es wichtig, die Erinnerung aufrecht zu erhalten.

Für die Erinnerung gibt es an diesem Tag Skiba und seine Mappe. Der Großteil der ermordeten Korschenbroicher Juden stammte aus dem Ortsteil Glehn. Skiba kennt die Geschichte von manchen von ihnen. Wie sie ihr Haus unter Wert verkaufen musste, wie sie deportiert wurden. Und wie in der Reichspogromnacht ihre Synagoge nicht abgebrannt wurde. Nicht aus Menschlichkeit. Der Feuerwehrchef hatte wohl schlicht Angst, dass der Brand auf Nachbarhäuser übergreifen könnte. Häuser von Nicht-Juden.

Skiba sieht immer noch viel Interesse für Aktionen wie die Gedenkveranstaltung am 9. November. Doch er weiß noch nicht, wer seine Arbeit einmal aufrecht erhält. „Deswegen ist es ja so gut, dass es das Engagement der Schüler gibt“, sagt er.

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