Korschenbroich: So erlebte die Stadt den Ersten Weltkrieg

Historisches aus Korschenbroich : Der Erste Weltkrieg in Korschenbroich

Vor 100 Jahren ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Auch Menschen aus dem Stadtgebiet waren daran beteiligt. In Schul- und Kirchenchroniken fand Michaele Messmann nun Aufzeichnungen über die damalige Stimmung in der Stadt.

Eine fast lyrische, sehr emotionale Schilderung der dramatischen Ereignisse am Vorabend des Ersten Weltkrieges hat Michaele Messmann, die in der Verwaltung unter anderem das Stadtarchiv leitet, in der Korschenbroicher Schulchronik gefunden. Dort gibt es fast tägliche Eintragungen zum weiteren Fortgang des politischen Geschehens bis zur offiziellen Erklärung des Krieges. Interessant werden die Aufzeichnungen des Chronisten, wenn sie das örtliche Geschehen und die Stimmung der Menschen vor Ort beschreiben.

„So erfahren wir, dass die Korschenbroicher am Morgen des 1. August 1914 in Extrablättern, die an der Litfaßsäule gegenüber dem Haupteingang der Kirche angebracht und bei Buchhändler Roß, der die Vertretung der Westdeutschen Landeszeitung hatte, erhältlich waren, die Ansprache des Kaisers lesen konnten“, sagt Messmann. Das Postamt habe die telegraphische Meldung der Mobilmachung von Heer und Marine erhalten. Daraufhin seien die Bürger von der Ortsbehörde durch „Ausschellen“ über den Befehl informiert worden. Abends habe ein Militärauto des Bezirkskommandos Rheydt die detaillierten Bestimmungen zum Einzug des Landsturms gebracht. „Die ersten Soldaten befanden sich 24 Stunden später an der belgisch-luxemburgischen Grenze und hatten die Aufgabe, die Bahnstrecken zu schützen."

Michaele Messmann hat nicht nur die Schulchonik gelesen, um diese Zeit nachzuvollziehen. Von einer Begeisterung der Bevölkerung werde nicht nur dort gesprochen. Auch Pfarrer Julius Otto habe in der Pfarrchronik von Aufregung der Bevölkerung einerseits und „Begeisterung aller Stände für das bedrohte Vaterland“ geschrieben, andererseits aber auch: „Ergreifend und rührend war aber auch der mächtige religiöse Zug, der durchs Volk ging. Die zu den Fahnen Gerufenen stärkten sich zum ersten Gange schwerer Pflichterfüllung durch den Empfang der heiligen Sakramente.“ Eine von Patriotismus und Nationalismus getragene Euphorie wie in Korschenbroich herrschte in ganz Deutschland. „Man glaubte fest daran, diesen Krieg zu gewinnen“, so Messmann. Schon bald habe es die ersten Meldungen von Gefallenen gegeben und Verwundete seien von der Front zurückgekehrt. „Bereits Anfang Oktober waren in Korschenbroich zwei Lazarette eingerichtet worden, im Krankenhaus sowie im neu gebauten Schulgebäude an der Steinstraße. Sie waren durchschnittlich mit 40 Verwundeten belegt.“

Im November 1914 habe sich der „Vaterländische Frauenverein“ gegründet, dessen Vorsitz die Ehefrau des Bürgermeisters Schumacher übernommen habe. Aufgabe des Vereins sei es gewesen, die Familien der Soldaten zu unterstützen, Geld zu sammeln und Soldaten mit selbst gestrickten Strümpfen, Handschuhen und Pulswärmern zu versorgen. Wie Messmann weiter berichtet, erhielten die Familien der Einberufenen finanzielle Unterstützung von der Gemeinde – Ehefrauen 70 Pfennig, Kinder über zehn Jahren 50 Pfennig und Kinder unter zehn Jahren 40 Pfennig. täglich. Auch der katholische Arbeiterverein zahlte Beihilfen zur Unterstützung der durch den Krieg arbeitslos Gewordenen. In der Pfarrchronik berichtet Pfarrer Otto, dass Webereien und Spinnereien zunächst stillgelegt worden waren und deshalb viele Frauen arbeitslos wurden. Der kurzerhand gebildeten Ortsgruppe eines Gewerkvereins der Heimarbeiterinnen gelang es, den Frauen Arbeit und Verdienst zu verschaffen. Auch an vielen anderen Stellen des öffentlichen Lebens mussten Frauen die sonst Männern vorbehaltene Arbeit übernehmen.

Die Finanzierung des Krieges sowie die Blockade für den Import führten zu einer wachsenden Knappheit an Lebensmitteln und Rohstoffen. Der „Steckrübenwinter“

1916/1917 verschlechterte die Versorgungslage dramatisch. Die Kartoffelernte war so gering, dass es als Ersatz Mehl, Teigwaren und Steckrüben gab, die wohl früher nur als Viehfutter verwendet worden waren. Der Unterricht musste wegen Kohlenknappheit ausfallen. Da es auch an Rohstoffen für die Rüstungsindustrie mangelte, wurde am 15. Oktober 1917 mit dem Abbau der beiden größten Kirchenglocken der St. Andreas-Kirche begonnen, so dass sie am 7. November abtransportiert werden konnten. 1918 glaubte man in der Bevölkerung nicht mehr an einen Sieg Deutschlands. Hauptlehrer Schumacher aus Pesch schrieb: „Das Elend wird immer größer. Die Unzufriedenheit wächst stets und ständig. Man hört viele Leute sagen: Der Krieg muß aufhören, die Soldaten sollten doch nicht mehr mittuen. Auf dem ganzen Volk liegt ein beständiger Druck, eine schwüle Luft herrscht im ganzen Lande, die nur durch ein gewaltiges Gewitter verschwinden kann.“

Dieses Gewitter kam mit der Revolution am 9. November 1918.. Aus Korschenbroich und Pesch waren 123 Soldaten im Ersten Weltkrieg gefallen.

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