Korschenbroich: Kleinenbroich ist der zweigeteilte Ort

Serie Mein Korschenbroich : Kleinenbroich, der zweigeteilte Ort

Die frühe Anbindung an das Schienennetz hat Kleinenbroich geprägt. Doch die Bahnlinie hat nicht nur Gutes bewirkt. Der Ort wächst zwar stetig, doch ein lebendiges Zentrum fehlt.

Historische Postkarten, alte Uniformen und Ortsschilder: In der ersten Etage des alten Bahnhofs in Kleinenbroich wird der Besucher in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt. Der Heimatverein hat in den Räumen, in denen früher einmal der Bahnhofsvorsteher wohnte, ein kleines Museum eingerichtet. Ein idealer Ort, um mehr über Kleinenbroch zu erfahren. Denn nichts hat den Korschenbroicher Stadtteil mehr geprägt wie der Bahnhof.

„Die Korschenbroicher haben sich schön geärgert, dass Kleinenbroich früher einen Bahnhof bekam“, erzählt Rolf Schmier (68), zweiter Vorsitzende des Heimatvereins und Ur-Kleinenbroicher, mit einem Lächeln. 1853 wurde der Bahnhof eröffnet und war damit der erste Haltepunkt zwischen Mönchengladbach und Neuss. So musste der Postbote die Post, die von auswärts kam, mit der Schubkarre in Kleinenbroich abholen, bis  Korschenbroich 1870 einen eigenen Bahnhof erhielt.

Kleinenbroich profitierte sehr von seiner Anbindung an das Schienennetz. Der Ort wurde mit Gütern versorgt, Leute aus der Stadt kamen zum Handeln aufs Land, zudem ließen sich viele Betriebe in Kleinenbroich nieder. Das war auch noch so, als Marlene Hoesen (75) und Gisela Gorontzy (76) – beide sind ebenfalls im Heimatverein aktiv – noch Kinder waren. „Ich habe zwar mit meiner Familie weiter draußen an der Tannenstraße gewohnt, aber das Leben spielte sich für uns immer im Ort ab“, erzählt Gisela Gorontzy. Doch dies hat sich in den vergangenen Jahrzehnten geändert – und auch daran hatte die Bahn ihren Anteil.

Die Kirche St. Dionysius ist von weitem sichtbar. Foto: Jana Bauch

„Als die Bahnunterführung für Autos an der Hoch- und Nord­straße gebaut wurde, hat das nicht nur Gutes bewirkt. Vielmehr ist das Dorf dadurch in zwei Teile zerrissen worden“, sagt Marlene Hoesen. Jenseits der Bahnlinie entwickelte sich ein zweiter Ortskern mit dem Geschäftszentrum Auf den Kempen. „Die Leute sind nicht mehr zu den Geschäften an der Bahnhofsstraße gekommen. Aber das neue Zentrum ist auch nicht richtig angenommen worden. So ist viel kaputt gegangen. Da ist Korschenbroich mit seinem klar erkennbaren Ortszentrum besser dran“, sagt Schmier.

Für den Außenstehenden mag es paradox klingen: Kleinenbroich wächst beständig, junge Familien ziehen in die neuen Wohngebiete. Doch das Ortsleben kommt den alteingesessenen Kleinenbroichern immer trister vor. „Wir werden zum verschlafenen Dorf. Viele Leute arbeiten in den Städten und sind nur zum Schlafen in Kleinenbroich. Am Vereinsleben nehmen sie nicht teil“, sagt Gisela Gorontzy. Dabei hatte der Ort diesbezüglich immer viel zu bieten. Ob Schützenbruderschaft, Karnevals- oder Männergesangsverein: Die Gruppen prägten über Jahrzehnte das Leben im Ort.

Ein zweiter Ortskern: das Geschäftszentrum Auf den Kempen. Foto: Thomas Grulke

„Wie überall wird es aber auch bei uns immer weniger, es fehlt einfach an Nachwuchs“, sagt Schmier, der sich auch für den Heimatverein frisches Blut wünschen würde. Da der Posten des Vorsitzenden derzeit vakant ist, macht der 68-Jährige diese Arbeit gleich mit. 215 Mitglieder hat der Verein noch – zu Beginn im Jahr 1979 waren es 369 –, und mit Mundart-Abenden oder der Organisation des Martins-Zuges halten sie wichtige Traditionen am Leben.

Zudem kümmert sich der Verein um die Erhaltung der Denkmäler. Derzeit ist die Restauration des Hagelkreuzes an der Kreuzung der Landstraßen 381/361 das dringlichste Projekt, mit dem Hochkreuz auf dem alten Friedhof soll es weiter gehen. Für die Mitglieder des Vereins ist das ein wichtiger Beitrag, um historische Elemente des Ortsbildes und damit ihrer Heimat zu erhalten. Denn auch wenn Kleinenbroich heutzutage ein lebendiger Ortskern fehlt, eines ist für Schmier, Gorontzy und Hoesen klar: Wegziehen würden sie niemals. „Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, dann nach Kleinenbroich zurückkomme und den Kirchturm von St. Dionysius sehe, dann weiß ich, dass ich zuhause bin“, sagt Marlene Hoesen.

Mehr von RP ONLINE