Korschenbroich: Jurist will Aufklärung im NSU-Prozess um Beate Zschäpe

NSU-Prozess um Beate Zschäpe: Korschenbroicher Jurist fordert lückenlose Aufklärung

Der Korschenbroicher Rechtsanwalt Aziz Sariyar vertritt im NSU-Prozess sechs Angehörige eines Opfers. Nach der Verkündung des Urteils fängt die Arbeit für den Nebenkläger erst richtig an.

Nach der Urteilsverkündung ist das Thema „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) für Aziz Sariyar keinesfalls vom Tisch. Er fordert die lückenlose Aufklärung des NSU-Komplexes, die der jetzt zuende gegangene Mammutprozess aus seiner Sicht nicht habe leisten können. „Der Prozess konnte nicht Untersuchungsausschuss, Polizeibehörde, Bundesanwaltschaft und Gericht auf einmal sein“, sagt der Korschenbroicher Jurist, der als Nebenkläger-Anwalt sechs Angehörige des 2005 von den NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos ermordeten Ismail Yasar vertritt. Sariyar verdeutlicht: „Die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt.“

Der Nürnberger Imbiss-Besitzer Ismail Yasar ist eines von zehn Mordopfern des NSU-Trios, zu dem auch Beate Zschäpe zählt. Sie ist nach dem Tod der beiden Uwes, die die Taten ausgeführt haben sollen, die Hauptangeklagte im NSU-Prozess und wurde jetzt zu lebenslanger Haft verurteilt. Neben ihr wurden vier weitere Angeklagte verurteilt, darunter Ralf Wohlleben, der eine Waffe besorgt haben soll. Er wurde jetzt zu zehn Jahren Haft verurteilt, drei weitere Männer zu jeweils zweieinhalb beziehungsweise drei Jahren.

Rechtsanwalt Aziz Sariyar warnt vor zu hohen Erwartungen an die Urteile in dem Prozess. Das tat er auch im türkischen Fernsehen: Nach der Urteilsverkündung hatte das türkische Außenministerium die Urteile als „nicht zufriedenstellend“ bezeichnet, weil kaum etwas über die Rolle des Staates und über Hintermänner bekannt wurde. Sariyar hofft, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Zusage hält, alles Mögliche für eine lückenlose Aufklärung in die Wege zu leiten.

Einen Schlussstrich unter das Thema zu ziehen, hält Aziz Sariyar für falsch. Auch er ist sicher, dass es Hintermänner gibt. „Diese müssen für ihre Straftaten ebenfalls zur Verantwortung gezogen werden“, sagt der Opfer-Anwalt. Er ist sich zudem sicher, dass etwa André E. - einer der vier Angeklagten neben der Hauptangeklagten Beate Zschäpe - eine deutlich bedeutendere Rolle im NSU gespielt hat, als man es ihm nachweisen konnte.

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Das Urteil gegen den bekennenden Neonazi hält er deshalb für „zu milde“. Rein juristisch betrachtet kann er es aber nachvollziehen. „Es fehlt schlichtweg an stichfesten Beweisen gegen ihn.“ Anders sehen die Richter des Oberlandesgerichts München dies bei der Hauptangeklagten Zschäpe: Sie wurde vom Gericht als Mittäterin zu lebenslanger Haft verurteilt, außerdem stellten die Richter die besondere Schwere der Schuld fest. „Das ist absolut richtig“, sagt Aziz Sariyar, der in Bezug auf Zschäpe ein solches Urteil erwartet hatte. Juristisch hält er es für „nachvollziehbar“, dass ihr Verteidiger in Revision gegen das Urteil geht. „Würde er das nicht tun, wäre er ein schlechter Verteidiger.“ Auch der Strafverteidiger von Ralf Wohlleben, der wegen Beihilfe zum Mord zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde, kündigte Revision an.

Die Verbrechen des NSU werden Aziz Sariyar damit auch ganz konkret weiter beschäftigen. „Ich rechne damit, dass ich im Falle eines Revisionsverfahrens eine Stellungnahme beim Bundesgerichtshof abgeben muss“, sagt Sariyar, für den der NSU-Prozess einer der wichtigsten Prozesse seiner Karriere ist. „Auch für mich persönlich ist das ein sehr wichtiger Prozess.“ Weit über 100 Mal reiste Sariyar in den vergangenen fünf Jahren nach München, saß etliche Verhandlungstage auch Beate Zschäpe gegenüber. „Auf mich macht sie nicht den Eindruck, als würde sie die Tat bereuen“, erzählt der 49-Jährige.

Zschäpes teils lächelnde Auftritte musste Sariyar auch den in der Türkei lebenden Angehörigen, die er vor Gericht vertritt, erklären. „Ich habe nach der Urteilsverkündung mit dem ältesten Bruder von Ismail Yasar gesprochen. Die Familie ist froh, dass jetzt endlich Urteile gesprochen wurden. Damit wurde noch einmal deutlich, dass Ismail Yasar ein Opfer rechter Terroristen ist.“ Die Polizei war nach dem brutalen Mord an Yasar zunächst davon ausgegangen, dass er in Drogengeschäfte verwickelt gewesen war. „Das hat die Familie sehr belastet“, berichtet Sariyar. Die Vermutungen erwiesen sich als haltlos.