Korschenbroich: Interview mit Marcus Schaufenberg von der Niederrhein-Klinik

Interview mit Marcus Schaufenberg von der Niederrhein-Klinik : „Ein Schicksalsschlag kann jeden treffen“

Seit einem Jahr gibt es die neurologische Reha in der Niederrhein-Klinik in Korschenbroich. Der Chefarzt zieht ein erstes Fazit.

Welche Patienten kommen zu Ihnen?

Marcus Schaufenberg Wir sind eine neurologische Rehaabteilung. Die Patienten, die zu uns kommen, haben eine neurologische Erkrankung. In den meisten Fällen haben sie einen Schlaganfall erlitten und leiden seitdem unter einem Handicap. Ein Mix aus Lähmungen, Bewegungsstörungen, Sprachstörungen, Schluckstörungen oder Gedächtnisstörungen. Und es ist ja nicht nur der Schlaganfall. Unter anderem behandeln wir auch Patienten nach Schädel-Hirn Trauma, bei MS, Parkinson oder nach Neurochirurgischen Operationen.

Sind das dann vor allem ältere Menschen?

Schaufenberg Wir haben auch junge Patienten. Aber es ist schon so, dass die meisten über 70 Jahre alt sind. Es gibt jedoch auch jüngere Menschen, die erhebliche Schicksalsschläge erleiden. Der Jüngste, den wir hier behandelt haben, war 22 Jahre alt. Es kann jeden treffen.

Wie ist die Entwicklung von neurologischen Erkrankungen. Nimmt das eher zu, nimmt das ab?

Schaufenberg Generell nehmen neurologische Erkrankungen zu. Rund um Mönchengladbach und Korschenbroich gibt es im Jahr 1900 bis 2100 Schlaganfälle. Nicht alle Betroffenen benötigen eine stationäre Reha. Aber der Bedarf ist groß.

Warum ist das so? Nur weil die Menschen älter werden?

Schaufenberg Es liegt nicht nur am Alter der Patienten. Statistisch gesehen werden die schweren Schlaganfälle seltener, und die leichten häufiger. Das könnte sich auch durch eine bessere Erkennung der leichten Fälle erklären lassen. Sodass sich die schweren aufhalten lassen.

Also eine positive Entwicklung?

Schaufenberg Im Schweregrad ja, in der Menge nicht. Es werden mehr gefunden. Deswegen legen wir ja auch Wert auf die Vorsorge.

Ihren Bereich gibt es seit rund einem Jahr in der Niederrhein-Klinik. Wie werden sie von den Patienten angenommen?

Schaufenberg Wir waren innerhalb relativ kurzer Zeit voll ausgelastet. Insgesamt waren 2019 305 Patienten bei uns. Wir haben eine Belegung von über 90 Prozent, eigentlich seit Juni eine Vollauslastung. Und wenn man die Anmeldungen sieht, hört das auch eher nicht auf.

Wie hoch ist die Kapazität Ihres Bereichs?

Schaufenberg Wir können hier 32 Patienten neurologisch betreuen. Das sind typischerweise Patienten, die in einer bestimmten Reha-Phase sind. In der Neurologie nennt man das die C-Phase. Eine stationäre, pflegerisch noch aufwendige Reha. Die meisten Patienten werden dann so gut, dass sie auch in die D-Phase kommen, in der sie schon überwiegend selbstständig sind. Die dürfen wir dann auch weiter behandeln.

Wie verläuft der erste Tag, an dem ein Patient zu Ihnen kommt?

Schaufenberg Eigentlich passiert schon vorher etwas. Wir schauen uns die Anmeldungen von jedem Patienten genau an. Hat er die richtige Indikation, hat er eine positive Prognose? Dann vergeben wir einen Termin. Und wenn wir die Kostenzusage zu diesem Termin bekommen, wird er aufgenommen. Am ersten Tag hier wird nach der Untersuchung ein Therapieplan erstellt. Welche Dichte? Wie viel Gruppen-, wie viel Einzeltherapie? Und es werden gemeinsam Ziele vereinbart. Am zweiten Tag geht es los: Mit der Therapie, mit der täglichen Visite. Außerdem trifft sich einmal in der Woche das Behandlungsteam. Alle Therapeuten und Ärzte sprechen durch, was sie bislang gemacht haben und wie sie das erfolgreich fortsetzen können.

Gibt es Übungen oder Geräte, die für jeden Patienten passend sind?

Schaufenberg Im Moment fahren wir sehr individuell. Weil wir damit ein besseres Ergebnis haben. Wir haben mit 28 Tagen eine kürzere Liegezeit als viele andere Einrichtungen. Das schaffen wir nur, weil wir schauen: Wie ist das Umfeld? Muss der Patient zuhause Treppen steigen? Gibt es einen Aufzug? Wie ist der Eingang im Bad? Wir versuchen all das zu berücksichtigen. Manchmal hat der Patient auch falsche Vorstellungen. Und es ist für ihn sehr schwierig zu akzeptieren, dass er gewisse Dinge nicht mehr schafft. Indem wir realistische Ziele setzen, schaffen wir es häufig, wieder eine positive Stimmung zu erzeugen.

Was müssen Sie bei so einer Therapie alles trainieren?

Schaufenberg Das kommt auf die Schädigung an. Man kann in der Therapieplanung Bereiche unterschiedlich gewichten: Kräftigung, Alltagsvorbereitung. Es kann auch sein, dass die Sprache sehr betroffen ist. Da ist dann auch die Logopädie sehr wichtig. Es gibt in der Neurologie die Erkrankung der motorischen Aphasie. Das heißt: Die Patienten verstehen alles, aber können sich nicht äußern. Das ist natürlich sehr einschränkend und deprimierend. Oft schaffen wir es, dass die Patienten wieder richtig kommunizieren können. Wichtig ist auch die Schluckbehandlung. Aspiration ist eine der Hauptursachen, an denen Patienten nach einem Schlaganfall versterben. Wenn Speisen oder Flüssigkeiten in die Lunge gelangen und die Atemwege verlegt werden.

Das sind vielfältige Probleme. Haben sie für jeden Bereich einen Experten vor Ort?

Schaufenberg Neurologische Reha ist sowieso Teamarbeit. Das kann nicht einer alleine machen. Alle Fachtherapeuten tauschen sich miteinander aus. Hinzu kommt noch der Bereich des Sozialdiensts, auch das muss organisiert sein. Pflegegrad, Schwerbehindertenrecht, Ernährungsberatung. Das können nicht einzelne Therapeuten leisten.

Wie viele Menschen arbeiten hier?

Schaufenberg Es gibt derzeit 58 Mitarbeiter, die die 32 Patienten betreuen. Die Pflege hier ist auch zeitaufwendiger als in einem Krankenhaus. Die Patienten werden angeleitet, sich selbst zu versorgen. Damit sie auf Zuhause vorbereitet werden. Auch wenn sie ein Pfleger schneller alleine waschen oder anziehen könnte.

Nach einem Jahr als Chefarzt an der Niederrhein-Klinik: Wie fällt Ihr Fazit aus?

Schaufenberg Natürlich sind wir im Moment ein bisschen stolz, dass es hier so gut funktioniert. Es ist aber noch nicht alles perfekt, das kann es gar nicht sein. Wir haben auch den Hunger, uns noch weiterzuentwickeln. Wir wollen die Therapievariabilität noch weiter ausbauen. Wir haben zum Beispiel Physiotherapie-Schüler für die Neurologische dazubekommen. Und führen damit auch eigene neue Fachkräfte heran.

Spüren Sie den Fachkräftemangel?

Schaufenberg Gerade in der Pflege ist es schwierig, gutes Personal zu rekrutieren. Das ist schon sehr mühsam. Der Mangel wirkt sich allerdings auf alle Bereiche aus. Zunächst einmal sind wir aber gut aufgestellt.