Grundstück für Flüchtlingsunterkunft in Kleinenbroich „Wir haben im guten Glauben das Areal verkauft“

Korschenbroich · Es ist gut drei Wochen her, dass der Notarvertrag für den Verkauf des Geländes am Püllenweg unterschrieben worden ist. Zwei Käufer haben das Areal zu gleichen Teilen erworben. Der bisherige Besitzer würde den Verkauf am liebsten rückgängig machen. Er befürchtet, zu gutgläubig gewesen zu sein.

 Wo jetzt noch unzählige Lkw stehen, könnte eine Zentrale Unterbringungseinrichtung für Flüchtlinge im Gewerbegebiet Püllenweg in Kleinenbroich entstehen. Das Areal befindet sich an der Fuggerstraße.

Wo jetzt noch unzählige Lkw stehen, könnte eine Zentrale Unterbringungseinrichtung für Flüchtlinge im Gewerbegebiet Püllenweg in Kleinenbroich entstehen. Das Areal befindet sich an der Fuggerstraße.

Foto: Bärbel Broer

Wäre er zurzeit nicht auf Gehstützen angewiesen, dann hätte Thomas von Schreitter der Verwaltung gerne einige Fragen gestellt. Doch der Weg bis zum Mikro bei der Bürgerversammlung in der voll besetzten Aula des Gymnasiums war ihm zu beschwerlich. Dabei hätten die Anmerkungen des 64-Jährigen vermutlich einige interessiert, die zur Kostenpflichtiger Inhalt Informationsveranstaltung zur geplanten Flüchtlingsunterkunft in Kleinenbroich gekommen waren.

Denn das Areal im Gewerbegebiet Püllenweg, auf dem die Zentrale Flüchtlingseinrichtung (ZUE) geplant ist, gehörte bis vor kurzem Thomas von Schreitter und seinem Bruder. „Das Grundstück haben wir am 13. November 2023 per Notarvertrag an zwei Käufer zu gleichen Teilen verkauft“, sagt er. In die entsprechenden Papiere durfte unsere Redaktion Einblick nehmen.

Bislang hatten die Brüder das gesamte Gelände an das Unternehmen Frigo Fahrzeug Service (FFS) GmbH vermietet. Die Firma, die laut eigener Website auf Vermietung, Verkauf, Reparatur und Lackierung von Nutzfahrzeugen spezialisiert ist, hat unzählige Lkw auf dem Areal geparkt. Die Geschäftsführerin von FFS habe eine Hälfte des Grundstücks erworben, teilt von Schreitter mit. Den anderen Teil des Areals habe ein Bauträger erworben.

Die Verwaltung sprach in dem Zusammenhang bislang immer von einem „privaten Investor“. Dieser wolle namentlich nicht genannt werden, hatte Bürgermeister Marc Venten bei der Informationsveranstaltung erklärt. Dieser Investor wolle vermutlich selbst die ZUE errichten, diese dann ans Land vermieten und damit Geld verdienen, hatte Venten weiter ausgeführt. Dass überhaupt der Standort im Gewerbegebiet Püllenweg für eine mögliche ZUE infrage kam, sei dadurch entstanden, dass ebendieser Investor das Gespräch mit der Stadt gesucht habe.

„Ich verstehe nicht, wie die Stadt den Eindruck erwecken kann, als würde die gesamte Fläche für eine ZUE zur Verfügung stehen“, sagt von Schreitter. Die Besitzverhältnisse vom November 2023 sagen etwas anderes aus, meint er. „Der Investor hat derzeit keine Verfügungsgewalt über das gesamte Grundstück“, davon ist von Schreitter überzeugt – zumindest war dies bislang seine Überzeugung.

Denn die Auskunft, die die Stadt auf Anfrage unserer Redaktion gibt, lautet anders: „Nach unseren Informationen hat der Investor Zugriff auf das gesamte Grundstück. Das wurde der Stadt von beiden Käufern bestätigt“, teilt die Verwaltung mit.

Für Thomas von Schreitter wäre das „ein absoluter Vertrauensbruch. Ich habe den Aussagen unseres langjährigen Mieters vertraut“, sagt der 64-Jährige. Er sei fest davon ausgegangen, dass das Unternehmen kein Interesse daran haben dürfte, auf seinen Anteil an der Fläche zu verzichten. „Das Gelände ist voller Lastwagen, und es gab einen Mietvertrag über fünf Jahre.“ Den Mietvertrag mag es zwar geben, aber offensichtlich spielt er keine Rolle mehr. Denn auf Anfrage erklärt die Stadt: „Uns liegen andere Informationen vonseiten der Käuferin vor. Von einer Laufzeit von fünf Jahren ist nichts bekannt. Es liegen schriftliche Mitteilungen beider Käufer vor, wonach der Mietvertrag einer kurzfristigen Umsetzung nicht entgegensteht.“

Von Schreitter sieht sich getäuscht. Die Argumente von FFS, lieber Eigentümer als Mieter des Areals sein zu wollen und ein existenzielles Interesse daran zu haben, seien glaubwürdig gewesen, sagt er. Doch inzwischen habe er große Zweifel, räumt er ein. Ursprünglich habe die Käuferin das ganze Grundstück erwerben wollen. „Dann aber hat sie den anderen Interessenten als Käufer reingebracht.“ Misstrauisch sei er auch da nicht geworden. „Es gab für uns keinerlei Indizien dafür, dass die Käufer das Grundstück als zentrale Flüchtlingsunterkunft anbieten würden.“

Unsere Redaktion hat sowohl die Geschäftsführung der FFS GmbH als auch den Geschäftsführer des Bauträgers – den „privaten Investor“ – telefonisch kontaktiert. Zu sprechen waren sie nicht, und den Fragenkatalog unserer Redaktion per Mail ließen sie bis Dienstagabend unbeantwortet.

Thomas von Schreitter passt das alles überhaupt nicht. Schließlich hatte seine Familie das 12.000 Quadratmeter große Gelände 1999 von der Stadt gekauft, damit die seinerzeit dort existierenden Flüchtlingsunterkünfte verschwinden. „Damals stand dort eine Containersiedlung mit Flüchtlingen. Ständig gab es Ärger.“ Genau gegenüber diesem Areal hat die Firma Barth & Co an der Fuggerstraße ihren Sitz. Von Schreitter ist einer der sechs Geschäftsführer. „Um die Containersiedlungen wegzubekommen, hatte mein Vater damals Kredite aufgenommen für den Kauf des Grundstücks.“

Seine Familie wäre „maximal betroffen, wenn dort nun wieder eine Flüchtlingsunterkunft hinkommt“, sagt er. „Wir hatten keine Not, verkaufen zu müssen. Wir haben im guten Glauben verkauft.“ Nun hat er die Sorge, zu gutgläubig gewesen zu sein. Gegen eine Flüchtlingsunterkunft habe er grundsätzlich nichts. „Wohl aber gegen eine ZUE, das ist zu groß.“

Inzwischen bedauert er den Verkauf. Doch ein Rücktritt sei nicht möglich, sagt er. Es sei denn, die beiden Käufer geben ihr Einverständnis dazu. „Dann würden wir sofort alles rückgängig machen.“

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