Korschenbroich: Fotograf Frank Wiedemeier besucht Tageszentrum in Bulgarien

Fotograf aus Korschenbroich : Geschichten mit der Kamera erzählt

Frank Wiedemeier aus Steinhausen besuchte im Auftrag der FeG-Auslandshilfe ein bulgarisches Tageszentrum für Menschen mit Behinderungen. In einer multimedialen Reportage gibt der Fotograf Einblick in Lebenssituationen.

Ein vielleicht elf Jahre alter Junge betrachtet gedankenversunken einen Spielstein. Vergessen sind die Betreuerin und der Fotograf in unmittelbarer Nähe. Der Steinhausener Frank Wiedemeier fing den Augenblick mit der Kamera ein und fügte die kleine Szene ein in eine Broschüre über das therapeutische Tageszentrum für Menschen mit Behinderungen „Zeichen der Liebe“ in Bulgarien. Für die Darstellung reiste der freie Fotograf mit dem Wuppertaler Kollegen Taro Kataoka im Auftrag der Auslandshilfe des Bundes Freier evangelischer Gemeinden (FeG-Auslandshilfe) nach Gotse Delchev. Das Ergebnis ist eine Reportage mit Text, Fotografien, 360-Grad-Aufnahmen, Ton- und Videobeiträgen. Über QR-Codes ist das klassische Printmedium mit der Online-Welt verbunden, so dass die gedruckte Version um bewegte Bilder und Stimmen ergänzt ist.

„Ich wollte hinter die Kulissen schauen und zeigen, wofür das Tageszentrum Spenden sammelt. Meine Idee war, uns Zeit zu nehmen für die Menschen, um eine Geschichte zu machen, die tieferen Einblick gibt“, sagt der 50-Jährige. Er arbeitet gerne mit Festbrennweiten, um dem Motiv nahe zu sein. „Fotografie bedeutet für mich Nähe“, sagt der Vater einer Tochter, und diese Einstellung ist den Aufnahmen anzumerken. Wie der kleine Junge mit dem Spielstein wirken auch die übrigen Protagonisten auf den Fotos unverstellt und authentisch eingebunden in ihre Lebenssituation.

Zunächst habe die Kamera die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich gezogen, doch bald hätten sie diese nicht mehr wahrgenommen, erzählt Wiedemeier. Mangels gemeinsamer Sprachkenntnisse war eine Verständigung über Gesten und Mimik nötig. Auch so habe sich ein Vertrauensverhältnis entwickelt, während die Bilder wie „nebenbei“ entstanden seien, sagt der Fotograf. Diese Spontaneität im Arbeitsprozess steht im Kontrast zu seinen beruflichen Schwerpunkten Industrie- und Produktfotografie sowie Businessporträts. „Das sind Bilder, die eine Aufbauarbeit benötigen“, sagt er über die Aufnahmen, die Unternehmen zur Außendarstellung nutzen.

Für Businessporträts inszeniert er die Protagonisten, um sie auch über ein auf sie abgestimmtes Umfeld zu charakterisieren. Er ist überzeugt, dass Zeit und Vertrauen wichtige Voraussetzungen für ein gutes Porträt sind. „Der Fotograf nimmt ja etwas von dem Porträtierten mit“, sagt Wiedemeier. Im engen Zeittakt von Managern hapert es oft an der Zeit. Da ist der 50-Jährige schon dankbar für Augenblicke, in denen ein kleiner Witz, ein kurzes Gespräch zu Türöffnern werden. „Die Bilder werden dann einfach besser. Ich habe es in der Regel nicht mit Menschen zu tun, die professionell modeln“, betont er. Er empfindet es als Privileg, über seine Arbeit in fremde Lebenswelten eintauchen und hinter Kulissen schauen zu dürfen.

Als große Liebe bezeichnet er die Landschaftsfotografie. „Ich habe Geographie studiert, bin gerne draußen. Ein Fotograf ist immer auch Sammler und Jäger“, erzählt Wiedemeier. Er gibt seine Erfahrungen in Workshops weiter und sucht seinerseits den kollegialen Austausch. „Ich finde es spannend zu sehen, was andere machen. Jeder hat einen anderen Blick auf Wirklichkeit.“

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