Korschenbroich: Die NS-Überlebende Eva Weyl sprach am Gymnasium

Vortrag der NS-Überlebenden Eva Weyl in Korschenbroich : „Ihr seid für die Zukunft verantwortlich“

Die NS-Überlebende Eva Weyl sprach am Dienstag vor 200 Schülern in der Aula des Gymnasiums Korschenbroich. Sie erzählte von ihren Kindheitserfahrungen als Jüdin unter dem Nazi-Regime. Und mahnte ihre Zuhörer zur Achtsamkeit.

Der Einstieg war ein Comic. Ein älterer Mann sitzt auf einer Bank, auf seinem Arm ein Tattoo aus Zahlen. Ein Junge wundert sich darüber. Der Mann erzählt. Vom Holocaust, seiner Häftlingsnummer. Er habe das Tattoo behalten, um junge Menschen an all das zu erinnern. Genau das ist auch das Ziel von Eva Weyl. Deswegen hält sie bis heute Vorträge. Am Dienstag war die NS-Überlebende am Gymnasium Korschenbroich zu Gast. 200 Schüler hörten zu.

„So etwas darf nie wieder geschehen und es ist eure Aufgabe, dafür zu sorgen. Ihr seid nicht für die Vergangenheit verantwortlich, aber für die Zukunft“, appellierte Weyl. Und begann von ihren eigenen Erlebnissen und denen ihrer Familie zu erzählen. Den meisten Juden sei das Ausmaß der Gefahr, in der sie sich befanden, erst nach der Reichspogromnacht 1938 richtig bewusst geworden. Viele Juden seien in dieser Nacht ermordert, 30.000 in Konzentrationslager verschleppt worden.

Im Januar 1942 traf es dann auch ihre Familie: Sie wurden in das Übergangslager Westerbork deportiert. „Wir Kinder wurden immer vor der Wahrheit beschützt. Meine Eltern sagten mir damals nur: Wir ziehen um, und ich freute mich sogar darüber“, sagte Weyl. In Westerbork lebte die Familie in einer perfiden Scheinwelt, die der Kommandant Albert Konrad Gemmeker errichtete. „Er wollte Disziplin von uns. Um das zu erreichen, hatte er drei Regeln: Immer genug zu Essen, viel Arbeit, und Ablenkung mit Vorträgen und Kabaretts. In keinem anderen Lager bekam man bis zu fünf Brote zum Frühstück oder konnte zur Schule gehen“, sagt Weyl.

Die größte Scheinwelt sei aber das Krankenhaus gewesen. Verletzte und Kranke seien mit größter Mühe versorgt worden. Ein schwer verletzter Mann sei drei Monate lang gepflegt worden. Ein krankes Kind habe Gemmeker sogar in die Uniklinik bringen lassen, um es zu retten. „Und dann wurden die gleichen Leute kurze Zeit später nach Auschwitz geschickt und ermordet“, sagt Weyl. So habe es Gemmeker geschafft, dass die Juden im Lager stillhielten und nicht an die Gerüchte über die Konzentrationslager glaubten. „Er war ein furchtbarer, aber schlauer und kalkulierter Mensch. Wenn ich ihn heute treffen würde, würde ich mich einfach umdrehen und wegrennen“, sagtE sie.

Trotz allem, was Eva Weyl erleben musste, setzt sie auf Versöhnung. Vor fünf Jahren traf sie eine Schülerin, die Urenkelin von Gemmeker. Sie trat mit ihrer Familie in Kontakt und ist heute sogar mit der Enkelin Gemmekers befreundet. Gemeinsam halten die beiden Vorträge. „Wir sind beide Opfer. Sie litt sehr unter dem Wissen, was ihr Großvater getan hatte“, sagte Weyl.

Im Anschluss an den Vortrag durften die Schüler eigene Fragen stellen. Sichtlich beeindruckt von dem, was sie gehört hatten, zeigten sie großes Interesse. Auf die Frage, was Weyl von aktuellen politischen Entwicklungen halte, betonte sie erneut: „Ich hoffe natürlich, dass ihr bei Wahlen gut nachdenkt und die richtige Entscheidung trefft. So etwas wie der Holocaust darf nie wieder passieren und ich zähle auf euch, dass ihr dabei helft.“ Die 19-jährige Sarah Wolff zeigte sich von Weyls Auftritt beeindruckt. Zwar hab sie in der Schule viel über den Nationalsozialismus gelernt. „Aber das von jemandem zu hören, der den Holocaust selbst miterlebt hat, ist schon etwas anderes“, sagte sie.