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Kalligraphie: Schreibmanufaktur „Feder und Tinte“ in Korschenbroich

Korschenbroicherin beherrscht über 100 Schriftarten : Das Schönschreiben zum Beruf gemacht

Die Kunst der Kalligraphie erfordert Geduld. Ulrike Freier weiß: Das Schreiben mit der Hand wirkt sich positiv auf das Gehirn und die feinmotorischen Fähigkeiten aus.

Die Kunst des Schönschreibens verlangt Geduld und damit eine in schnelllebiger Zeit fast bedroht anmutende Eigenschaft. Kalligraphin Ulrike Freier aber findet in ihrer Profession Bereicherung und Erfüllung. Die Bereitschaft, sich zum Schreiben Zeit zu nehmen, empfindet sie als Zeichen großer Wertschätzung an den Adressaten.

„Das Schreiben ist fast meditativ. Wenn man sich konzentriert, vergisst man Zeit und Raum. Das ist gerade das Schöne“, sagt die Inhaberin der Schreibmanufaktur „Feder und Tinte“ an der Steinstraße. Das Geschäft hat sie nach ihren liebsten Arbeitsutensilien benannt: „Mit Feder und Tinte zu schreiben, ist noch einmal ein ganzer Sprung mehr als mit Füller und Tinte“, sagt die 49-Jährige.

Sie beherrscht über hundert Schriftarten von der alten Frakturschrift bis hin zu modernen Zeichen. Zudem hat sie eigene Schriften erfunden. Seit 20 Jahren arbeitet Freier als selbstständige Kalligraphin. Vor zehn Jahren eröffnete sie den Laden, nachdem sie sich über Events einen Namen gemacht und einen Kundenstamm aufgebaut hatte.

„Damals haben mir einige Leute gesagt, mit Schreiben lässt sich doch kein Geld verdienen“, erinnert sich die Geschäftsfrau. Die Zweifel der Skeptiker konnte sie erfolgreich widerlegen. Freier bietet mit Schreibgeräten, diversen, teilweise mit Düften versehenen Tinten sowie besonderen Papeterie-Artikeln ein El Dorado für Freunde hochwertiger Schreibwaren. Normalerweise veranstaltet sie zudem Kurse in Kalligraphie, Handschriftverbesserung und Handlettering. Wegen des Lockdowns müssen sich lernwillige Interessenten zurzeit allerdings besonders gedulden.

Erst vor wenigen Tagen, am 23. Januar sei der Tag der Handschrift gewesen, sagt Freier, der die Wertschätzung dieses Kulturguts ein Anliegen ist. „Handschrift zeigt Persönlichkeit und hat einen Ausdruck. Das Schreiben mit der Hand wirkt sich positiv auf feinmotorische Fähigkeiten und das Gehirn aus. Zudem freut sich doch jeder über einen kleinen Brief mit handgeschriebenen Zeilen. Eine meiner Kundinnen meinte, dass gerade in dieser Zeit diese Form der Wertschätzung enorm an Bedeutung gewonnen hat“, betont Freier.

Sie erzählt, dass die Kalligraphie kein klassischer Lehrberuf mehr ist. Schriftarten zählen zwar zum Grafikdesign, in diesem Bereich aber nicht als Handschrift. Doch gerade die Handschrift hat es ihr angetan. „Ich habe immer schon gerne geschrieben, viel gezeichnet und gemalt und bin in Kirchen gegangen, wo alte Schriften zu sehen waren. Das hat mich von jeher fasziniert“, sagt Freier.

Sie hat bei vielen Kalligraphen gelernt, in Deutschland, aber auch in Frankreich, England, Belgien und in den USA. In den USA sei der Gang zum Kalligraphen für Hochzeiter ein absolutes Muss. Die Begleitung einer Hochzeit und die Möglichkeit, Einladungen, Tischkarten, „Give aways“, Gästebuch und Danksagungen als ein Gesamterscheinungsbild aufeinander abzustimmen, zählt die Korschenbroicherin zu den Highlights ihrer Arbeit.

Zu ihrem Kundenstamm gehören zudem Unternehmen, besonders aus der Modebranche, die Wert auf personalisierte Einladungen, Grüße und Geschenke legen. Auf die ausgeführte Bestellung personalisierter Christbaumkugeln habe sie kürzlich eine ganz besondere Resonanz erfahren. „Der Bedarf ist da. Louis Vuitton hat in Frankreich eigens einen Kalligraphen eingestellt“, sagt Freier.

Sie hat zum Beispiel für die hiesige Vuitton-Filiale eine neue Schrift erfunden und die Eröffnung der Düsseldorfer Dior-Filiale an der Kö kalligraphisch begleitet. Von den vielen Geschichten, die Freier erzählen könnte, berühren sie vor allem die zwischenmenschlichen Begegnungen, wie etwa der Auftrag eines älteren Mannes, der wegen eines Zitterns in der Hand nicht mehr selbst schreiben konnte. Ebenso hat sie Kunden, die einen Lieblingsspruch in Auftrag geben.

Eine schwere Krankheit ließ sie vor fünf Jahren verstärkt nachdenken, was ihr besonders wichtig ist. Dazu zählt ganz klar die Kalligraphie. Freier: „Damals habe ich mich noch einmal ganz bewusst für meine Arbeit entschieden, da sie mich erfüllt“.