Jeden Dienstag hat die Tafel in Kleinenbroich offen

Die Tafel in Kleinenbroich : Wo Lebensmittel an Bedürftige verteilt werden

Seit zwei Jahren gibt es die Tafel in Kleinenbroich. Die Hemmschwelle auf dem Dorf ist größer, als die in der Stadt. Viele, die eigentlich auf die Hilfe angewiesen sind, trauen sich nicht, das Angebot wahrzunehmen - aus Scham, dass sie jemand dabei sieht. Jeden Dienstag hat die Tafel geöffnet.

Es ist Dienstag, 15 Uhr. In Kleinenbroich ist Ausgabetag bei der Tafel, Am Hallenbad 66. Ein Korb voller Möhren, eine Kiste mit Paprika, daneben liegen Zucchini und ein paar Stangen frischer Spargel. Die Kiste mit dem Brot ist heute relativ gut gefüllt. „Es gibt aber Tage, an denen wir durchaus mehr Brot zur Verfügung haben“, sagt Martina Kaufmann, die einmal in der Woche ehrenamtlich bei der Tafel in Kleinenbroich mit anpackt. Kurz bevor die ersten Kunden eintreffen, sortieren die Ehrenamtler noch die Kopfsalate. Salate, die nicht mehr gut aussehen, werden aussortiert. So wird das mit allen Lebensmitteln gemacht. Sind die Bananen oder Erdbeeren matschig, kommen sie nicht auf den Ausgabetisch. „Wir geben nur das heraus, was wir selbst essen würden“, sagt Kaufmann.

Seit zwei Jahren gibt es die Tafel in Kleinenbroich. Sie ist eine Zweigstelle der Neusser Tafel. Die gibt es seit 22 Jahren. Rebecca Schuh hat die Tafel aus einem ganz bestimmten Grund ins Leben gerufen: „Ich habe damals jedem Bettler eine Mark gegeben“, so Schuh. In der Zeitung las sie von der Düsseldorfer Tafel. Da wurde ihr schnell klar, dass Neuss auch eine Lebensmittelausgabe brauche. Eine Entscheidung, die sie bis heute nicht bereue. „Die Tafel, die Kollegen – das alles hat mir schon in verschiedensten Situationen unglaublich viel Halt gegeben.“ Doch mindestens genauso viel Halt geben Schuh und ihre ehrenamtlichen Kollegen auch den Menschen, die auf ihre Hilfe angewiesen sind. „Wir sind hier auch mehr als nur eine Lebensmittelausgabe. Wir dienen gleichzeitig als Kommunikationsmöglichkeit.“ Meist stünden die Menschen schon eine halbe Stunde vor Ausgabebeginn vor der Türe, um miteinander zu sprechen und sich auszutauschen. „Für ein Treffen im Café reicht das Geld ja meist leider nicht.“ Aber wie unterscheidet sich die Tafel in der Stadt von der Tafel auf dem Dorf? „In Kleinenbroich kennen sich die Leute. Manche trauen sich nicht, schämen sich, und möchten nicht gesehen werden“, erklärt Schuh.

Zurück in Kleinenbroich: Vor der Türe der "Aktion Freizeit Behinderter Korschenbroich" warten die ersten Abnehmer. Um Punkt 15 Uhr ist Einlass. In kleinen Gruppen werden die Menschen rein gelassen, damit kein Durcheinander entsteht. Kommt jemand zum ersten Mal, muss er sich bei einem der Ehrenamtler anmelden. In Kleinenbroich sind es um die 20 Freiwillige, die sich abwechselnd um die Sortierung, die Ausgabe und das Aufräumen kümmern. Zur Anmeldung braucht man einen Bewilligungsbescheid vom Amt – dann erhält man eine Karte, die man bei jedem Tafelbesuch bei sich tragen muss. Doch wer zuerst kommt, malt zuerst? „Wir regeln das mithilfe eines Farbensystems“, sagt Siegfried Jansen vom Vorstand der Tafel. Damit werden die Einkaufszeiten der Abnehmer geregelt. Der Fairness halber wechseln sie jede Woche die Zeiten, sodass jeder Tafel-Nutzer mal als erstes an der Reihe ist.

Heute darf ein junger Mann als erstes einkaufen. Einkaufen, da von allen Tafel-Nutzern auch ein Obolus gezahlt wird. „Wir leben alleine von Spenden und sind darauf angewiesen“, sagt Schuh. Ein positiver Nebeneffekt sei die Steigerung des Selbstwertgefühls der Käufer. „Das gibt ihnen das Gefühl, noch etwas wert zu sein.“ In seinen Händen trägt der Mann ein Körbchen, welches er am Eingang erhalten hat. Dort müssen die Waren sichtbar rein gelegt werden. Er entscheidet sich für zwei Paprika und bestellt noch Zwiebeln. Obst und ein Joghurt kommen in sein Körbchen. Zum Schluss bekommt er frische Brötchen, die vom ansässigen Bäcker gespendet wurden. Auch einen Kopfsalat händigt ihm ein Ehrenamtler aus. Danach geht es an einen freien Tisch, an dem die Ware in die mitgebrachte Tüte gepackt werden kann.

Viele Tafel-Nutzer in Kleinenbroich sind Migranten. Eine ausländische Frau bringt ihre kleine Tochter mit, die für sie die Waren bestellt. Aber auch Kleinenbroicher nutzen das Angebot der Lebensmittelausgabe, oftmals auch viele ältere Menschen. Doch lange nicht jeder traut sich, weiß Kaufmann. „Ein Mann war nur einmal hier. Er hatte Angst, gesehen zu werden. Und das, obwohl er die Unterstützung gebrauchen könnte.“

Schon gegen vier Uhr sind die Körbe teils leer. „Heute haben wir nicht so viel von den Supermärkten bekommen“, sagt Kaufmann. Siegfried Jansen und Ulrich Lange, sein Kollege aus dem Vorstand, waren am Vormittag bei umliegenden Supermärkten, um dort zur Ausgabe geeignete Lebensmittel zu holen. Das machen sie jede Woche. An diesem Dienstag scheinen nicht mehr viele Kunden zu kommen.

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