Jüchen: Die Meisings - ein Duo prägt Jüchen

Jüchen : Die Meisings - ein Duo prägt Jüchen

Im zweiten Teil unserer Bürgermeister-Serie stellen wir Wilhelm und Ernst Meising vor. Vater und Sohn bestimmten 60 Jahre lang als Verwaltungschefs das Leben in Jüchen. Ohne die Meisings hätte Jüchen wohl keinen Bahnanschluss. Ihr Abschied aus dem Amt war aber geräuschvoll.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war der rheinische Bürgermeister gemeinhin ein preußischer Beamter — pflichtbewusst, diszipliniert und obrigkeitshörig. Da machte Wilhelm Meising keine Ausnahme.

Am 29. Juli 1842 in Wesel geboren, schlug der Sohn eines Lehrers eine typische Verwaltungslaufbahn ein. Als Volontär des Weseler Landrates bereitete er sich zielgerichtet auf eine Anstellung als Bürgermeister vor. Im Abschlusszeugnis von Meising schreibt Landrat Doenhoff: "Herr Wilhelm Meising ist ein wissenschaftlich gebildeter, anspruchsloser, durchaus moralischer junger Mann von 25 Jahren. "

Demzufolge war es also ein außerordentlicher Glücksfall für Jüchen und Kelzenberg, als die preußische Regierung den jungen Meising am 13. Juni 1870 kommissarisch mit der Verwaltung der beiden Gemeinden beauftragte.

Der Bürgermeister im Bordell?

Allerdings mussten die Jüchener noch ein weiteres Jahr warten, ehe Meising tatsächlich die Nachfolge von Gustav von Meenen antreten konnte. Kurzfristig wurde er zum Kriegsdienst gegen Frankreich berufen — wenn die Pflicht ruft, marschiert der Preuße.

"Diese Haltung ist ganz charakteristisch für die Amtsträger der damaligen Zeit. Und diese Hörigkeit sollte letztlich auch das Ende von Wilhelm Meisings einläuten", erklärt Axel Bayer, promovierter Historiker und Gemeindearchivar in Jüchen.

Doch davon später mehr: Zunächst kehrte Meising unversehrt vom Schlachtfeld nach Jüchen zurück. In der Wilhelmstraße 2, einem bereits 1716 erbauten Hof mit repräsentativen Barockgiebeln fand Wilhelm Meising ein angemessenes Privathaus, das gleichzeitig seine Dienststelle wurde.

Doch obwohl er mit Wilhelmine Gymnich die Tochter des ansässigen Friedensrichters heiratete, machten die Jüchener ihm das Leben schwer. 1881 schwärzte eine Gruppe um Ratsmitglied August Lindgens den Bürgermeister beim Landrat an: Wilhelm Meising sei regelmäßiger Kunde eines einschlägigen Etablissements in der Düsseldorfer Bäckerstraße. Die zuständigen Behörden in Düsseldorf ermittelten gewissenhaft. "Und sie kamen zu dem Schluss, dass Meising unschuldig sei", sagt Bayer.

Wilhelm Meising konnte sich also wesentlichen Projekten widmen, den Anschluss Jüchen an die Bahnlinie etwa. Die Bergisch-Märkische Gesellschaft hatte die Bahnstrecke aus Venlo zwar 1873 von Gladbach über Rheydt nach Odenkirchen verlängert, ließ die Strecke aber in Hochneukirch in Richtung Jülich abknicken.

Der Jüchener Textilfabrikant Peter Busch hatte sich bereits lautstark für einen Jüchener Bahnhof ausgesprochen. Und auch wenn den Katholiken Meising mit dem Protestanten Busch sonst nicht allzu viel Sympathien verband — in der Sache zogen sie an einem Strang. In einer Protestnote an die Regierung in Berlin beklagte Meising die Vernachlässigung der Jüchener Interessen. Sollte die Bahnlinie nicht nach Jüchen kommen, könne er eine "sozialdemokratische Agitation" im Ort nicht ausschließen. Eine ziemlich halbherzige Drohung.

Doch 1889 war die eingleisige Strecke bis Grevenbroich fertiggestellt und Meising notierte zufrieden: "Sie macht einen recht soliden Eindruck." Sechs Jahre später war es mit Meisings guter Laune allerdings vorbei. Ein harscher Brief aus Düsseldorf, in dem Regierungspräsident von der Recke den Jüchener Bürgermeister scharf für die Missachtung der Revision des Krankenversicherungsgesetzes kritisierte, traf Meising tief in seiner Beamtenehre. "Seine Arbeit ließ spürbar nach, die Handschrift wurde fahrig. 1901 ist Wilhelm Meising wohl tief gekränkt gestorben", erzählt Axel Bayer.

Wie gut, dass Meising senior die Nachfolge bereits zu Lebzeiten geregelt hatte. Mit Ernst Meising übernahm der 1875 geborene Sohn die Amtsgeschäfte. "Er hat sich besonders um den Ausbau der Kanalisation verdient gemacht. Zuvor war es etwa im Bereich des Schlachthofs üblich, das Blut in den Jüchener Bach zu kippen", weiß Archivar Bayer.

Doch während Vater Wilhelm einen politischen Skandal vermeiden konnte, ist das Ende von Ernst Meisings Amtszeit von offensichtlichen Spannungen begleitet. 1931 befürwortete der amtierende Landrat das Projekt der kommunalen Zusammenlegung von Jüchen, Kelzenberg und Bedburdyck.

Ernst Meising scheint kein Freund dieses Gedankens gewesen zu sein. Auf Druck des Landrats musste er bereits am 13. März 1931 Urlaub vom Dienst nehmen, der schließlich in seine Pensionierung überleitete. Die Ära Meising war zu Ende.

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