Kölner Hauptbahnhof: Verletzte durch abschüssige Bahngleise

Kölner Hauptbahnhof : Verletzte durch abschüssige Bahngleise

Am Kölner Hauptbahnhof haben elf Bahnsteige ein leichtes Gefälle. Das führt dazu, dass Züge ins Rollen geraten können. Beim Umsteigen sind deswegen schon Fahrgäste verletzt worden. Die Probleme treten nicht nur in Köln auf.

Michael Pelzer (Name geändert) ist ein erfahrener Lokomotivführer, der seit mehr als 20 Jahren Intercitys und Hochgeschwindigkeitszüge quer durch die Republik steuert. Der Familienvater glaubte eigentlich, so ziemlich jede Eigenheit des Streckennetzes der Deutschen Bahn zu kennen. Doch dann berichteten ihm Kollegen von den Bahnsteigen am Kölner Hauptbahnhof, den er nur selten anfährt. "Sie erzählten mir, dass es dort ein leichtes Gefälle gibt, durch das die Züge, wenn sie stehen, ins Rollen geraten können", sagt Pelzer. "Wir Lokführer sind deswegen angewiesen, Reisezüge in Köln mit einer Zusatzbremse beim Stehen zu sichern."

Die Deutsche Bahn bestätigte die Probleme mit den abschüssigen Gleisanlagen, wodurch Züge ungewollt ins Rollen geraten. "Betroffen sind elf Bahnsteige in Richtung Osten zur Hohenzollernbrücke", sagt ein Bahnsprecher. In den vergangenen vier Jahren hat es in Köln mindestens 13 Zwischenfälle mit rollenden Zügen gegeben. Dabei wurden sechs Personen verletzt. Erstmals hatte sich im Kölner Hauptbahnhof am 17. März 2009 ein ICE selbstständig gemacht. In diesem Jahr gab es Zwischenfälle am 18. März mit einem Thalys, am 21. März und am 26. März mit ICE-Zügen. Schwierigkeiten mit schiefen Gleisanlagen haben vor allem schwere Reisezüge wie der Intercity, der ICE und der europäische Hochgeschwindigkeitszug Thalys. Gefahr für die Passagiere besteht besonders beim Ein- und Ausstieg.

Die Neigung am Kölner Hauptbahnhof beträgt laut Deutscher Bahn 7,9 Promille. Der Richtwert liegt bei 2,5 Promille. Festgelegt ist diese Norm in der Eisenbahn-, Bau- und Betriebsordnung (EBO). Die Sicherheitsauflage gilt für Neubauten. Beim Umbau des umstrittenen Hauptbahnhofs in Stuttgart ist dieser Wert deutlich überschritten worden — laut Eisenbahn-Bundesamt sogar um etwa das Fünffache des Erlaubten. Dort sind besonders die Bahnsteige selbst abschüssig, so dass Rollstühle und Kinderwagen in Bewegung geraten und auf die Gleise stürzen können. "Die Deutsche Bahn hat in ihrem gesamten Schienennetz örtlich Probleme mit Längsneigungen", sagt ein Sprecher des Eisenbahn-Bundesamtes. Häufig kommt es zu dem ungewollten Zurückrollen durch eine sogenannte Bremsprobe. Dabei werden auch Ladebrücken an den Speisewagen verschoben.

Die Deutsche Bahn betont, dass alle Gleisanlagen den Vorgaben der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung entsprechen. Bundesweit gibt es im Streckennetz mehr als 5 600 Bahnhöfe und Haltepunkte, darunter viele ältere, die nicht nach den heutigen Standards gebaut sind. "Somit unterscheiden sich auch die Gleisanlagen in den Stationen nach den jeweiligen regionalen Gegebenheiten vor Ort", sagt der Bahnsprecher. "Entscheidend ist, dass die Fahrzeuge beim Halten entsprechend gesichert sind." Welche und wie viele Bahnhöfe neben Köln genau betroffen sind, konnte die Bahn nicht sagen.

Eigentlich sollen automatische Feststellbremsen das unkontrollierte Rollen verhindern. Diese können von den Zugführern vorne in der Lok betätigt werden. "Das Problem daran ist, dass der Lokführer eines Intercity den Zug oft vom Steuerwagen am anderen Ende aus lenkt und deswegen dieses Bremssystem bei der Einfahrt nicht bedienen kann", sagt Michael Pelzer.

Der Fahrgastverband ProBahn wünscht sich, dass in den betroffenen Bahnhöfen Hinweisschilder aufgestellt werden, die die Fahrgäste vor den möglichen Gefahren warnen. Die Gewerkschaft der Lokomotivführer will sich hingegen nicht äußern. "Wir müssen die Angelegenheit erst genau prüfen, bevor wir eine Bewertung abgeben", sagt ein Sprecher.

Die Deutsche Bahn hat bereits Konsequenzen aus den Zwischenfällen gezogen und eine Reihe von Schutzmaßnahmen eingeleitet, um Unfälle in Zukunft zu vermeiden. Demnach wurden die Zwischenfälle mit den betroffenen Mitarbeitern aufgearbeitet und analysiert sowie Merkblätter mit Anweisungen an Lokführer verteilt. Zudem gibt es Nachschulungen. "Wir haben eine verbindliche Weisung zur Betätigung einer Zusatzbremse speziell bei der Bremsprobe herausgegeben", sagt der Bahnsprecher.

Michael Pelzer weiß, dass es am Ende auf ihn und seine Kollegen ankommt. "Wir Lokführer sind letztlich in der Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, dass wir alle Bremsen rechtzeitig ziehen", sagt er.

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(RP)
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