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Rainer Maria Woelki: Keine Freiheit ohne Liebe

Glauben : Keine Freiheit ohne Liebe

Glaube und Vernunft bedingen einander, sagt der künftige Erzbischof von Köln. Aufgabe der Christen sei es, den Blick offenzuhalten für Gott. Ein Gastbeitrag

Auch wenn ich jetzt schon mehr als zwei Jahre ein Berliner bin, ist das Brandenburger Tor nach wie vor ein Ort, der mich nicht gleichgültig lässt. Ich bin nicht sicher, ob jedem, der heute wie selbstverständlich durch das Tor geht, bewusst ist, was das bedeutet. Johannes Paul II. hat es 1996 bei seinem Besuch in Berlin so formuliert: "Das geschlossene Brandenburger Tor stand da wie ein Symbol der Trennung; als es endlich geöffnet wurde, wurde es zum Symbol der Einheit und zum Zeichen dafür, dass die Forderung des Grundgesetzes nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands in freier Selbstbestimmung erfüllt ist. So kann man zu Recht sagen: Das Brandenburger Tor ist zum Tor der Freiheit geworden!" Die, die dabei waren, berichten davon, dass der Papst unbedingt dorthin wollte, um sich selbst davon zu überzeugen, dass der Zweite Weltkrieg wirklich zu Ende ist. Ein verschlossenes Brandenburger Tor konnte keinen Frieden bedeuten. Johannes Paul II. glaubte man, wenn er von der Freiheit sprach, denn er stand dafür mit seinem ganzen Leben ein.

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Das Brandenburger Tor ist insofern das beste Wahrzeichen für Berlin, vielleicht für ganz Deutschland, weil es für die Freiheit steht. Der Fall der Mauer, das offen zugängliche Brandenburger Tor - all das zeigt, welch große Bedeutung der Freiheitserfahrung in Berlin zukommt.

Die Freiheit, für die die Menschen in der "friedlichen Revolution" gekämpft haben, ist die gleiche, um die wir in unserem Alltag ringen, wie wir uns in unserem Alltag frei oder unfrei fühlen: "Ich bin frei/will, dies oder jenes (zu) tun". In all diesen Fällen meinen wir unsere Handlungs- oder Willensfreiheit. Der Determinismus widerspricht: "Stimmt nicht, alles ist vorherbestimmt." Diese Weltsicht ist mit der Vorstellung vom freien Willen und persönlicher Verantwortung unvereinbar. Wir sehen: Die Freiheitsfrage ist eine Frage, die uns nicht loslässt, wir haben ihr im November 2013 eine hochkarätige Tagung im Rahmen des "Vorhofs der Völker" gewidmet. Gläubige und Ungläubige, Skeptiker und Atheisten haben sich darüber auf hohem Niveau und auf beeindruckende Weise auseinandergesetzt.

Was sich dabei auch gezeigt hat: Die Frage nach der Freiheit ist nicht zu trennen von der Suche nach der Wahrheit. Das wusste schon Paulus, als er in Athen seine Sicht der Dinge dort kundtat, wo Zeitgenossen leidenschaftlich um die großen Fragen des Lebens von Freiheit und Wahrheit, aber auch von Gesellschaft und Politik rangen. Ich habe mir als Bischof den Spruch aus der Apostelgeschichte gewählt: "Wir sind Zeugen." Paulus verstand sich als ein solcher Zeuge. Er scheute nicht das Gespräch, als er damals den Menschen seine Hoffnung skizzierte - die Hoffnung auf ein ewiges Leben bei Gott dank der Auferstehung Jesu Christi. Die Reaktionen waren ganz verschieden. Es gab Gelächter. Es gab aber auch diejenigen, die etwas in dieser Botschaft vorfanden, das sie faszinierte und hoffen ließ.

Dies ist bis heute die Grundmotivation von Christen: Menschen ein Angebot zu unterbreiten, das ihnen eine Hoffnungsperspektive schenkt. Es geht um ein echtes "Mehr", welches sich nicht rein materiell messen lässt. Den Blick offenzuhalten für Gott, für die transzendente Dimension der gesamten Wirklichkeit, bleibt die erste und genuine Berufung von Christen. Sich dabei an alle Menschen zu wenden, liegt begründet im Glauben an einen Gott, der die Sonne über Guten und Bösen - also allen Menschen - aufgehen lässt (vgl. Mt 5, 45), sowie der Verknüpfung von Gottes- und Nächstenliebe. Für Christen gehören beide Dimensionen zusammen, selbst wenn sie hinter diesem Anspruch bisweilen zurückbleiben. Dennoch vertrauen sie, dass die Liebeszusage Gottes allen gilt: "Er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen" (1 Tim 2, 3). Der Heilszuspruch verbindet sich für sie damit ganz konkret mit der Frage nach der Wahrheit.

Ich weiß: Die Frage nach der Wahrheit ist wie die Frage nach der Freiheit eines der ganz großen Themen unserer Geistesgeschichte. Und vermutlich stehen heute beide Gruppen, Gläubige wie Atheisten, vor der gleichen Herausforderung. Schon Nietzsche bemerkte spitz, "dass auch wir Aufklärer, wir freien Geister des 19. Jahrhunderts, unser Feuer noch von dem Christenglauben nehmen, der auch der Glauben Platons war, dass Gott die Wahrheit, dass die Wahrheit göttlich ist". Es bleibt auch heute wichtig, über die großen Fragen der Menschheit miteinander im intensiven Gespräch zu bleiben. Wir Christen tun dies aus der Überzeugung heraus, dass sich in der 2000-jährigen Geschichte des Christentums Antworten auf diese großen Fragen finden, auf die Fragen nach Freiheit, nach Liebe, nach dem Ursprung des Bösen, der Herkunft und dem Ziel des Menschen. Gerade in einem postmodernen Kontext geht es hier auch um Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit - im Dialog mit Wissenschaft, Kunst und Politik; offenbart sich doch die göttliche Vernunft in all diesen Bereichen. Glauben und Vernunft bedingen einander.

Wo der Blick auf den Himmel verlorengeht, wächst die Gefahr für den Menschen. Der menschengemachte Himmel des 20. Jahrhunderts erwies sich allzu oft als Inferno. Eine Welt ohne Gott wäre also nicht unbedingt behaglicher. Die unschuldigen Opfer der Geschichte kann kein Mensch auferwecken. Christen glauben, dass auch diese Opfer ein versöhnliches Ende erfahren dürfen, dass Not, Leid und Tod nicht das letzte Wort haben. Dieser Blick fehlt einer rein innerweltlichen Perspektive, ist ihr "blinder Fleck". Und umgekehrt bedarf der Glauben der Vernunft, soll der Glaubende nicht der Versuchung von Fundamentalismus oder Sektierertum unterliegen. Zweifel? Auch die kennen Christen. Schon damals hegte etwa mancher Apostel Zweifel an der Auferstehung Jesu. Zweifel kommen uns heute, wenn wir Nöte und Leiden sehen und erfahren. Hiobs Echo bleibt auch im 21. Jahrhundert weithin hörbar.

Zweifel halten Christen jedoch nicht davon ab, christliche Nächstenliebe konkret zu leben. In unserer Stadt geschieht dies an vielen Orten: in Pfarreien, in Einrichtungen der Caritas, in Krankenhäusern und Ausbildungsstätten. Dort ereignet sich Begegnung, dort wächst Vertrauen untereinander in der Offenheit gegenüber allen Menschen. Christen sind nicht einfach nur nette Menschen, sie verstehen sich vielmehr als "neue Menschen", die einen anderen Blick mitbringen wollen. "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt" (1 Petr 3, 15). Das gilt gleichermaßen für Theorie und Praxis.

Ich erlebe in Berlin große Gemeinsamkeiten zwischen Gläubigen und Ungläubigen. Dass wir gemeinsam ringen um die Würde des Menschen, seine unveräußerlichen Freiheitsrechte, im Bemühen um weltweiten Frieden, im Kampf gegen Armut und Hunger, im Blick auf den Umgang mit Flüchtlingen oder mit unserem Planeten und seinen Ressourcen. Mehr Zusammenarbeit ist möglich und notwendig für ein gutes und friedvolles Miteinander. Das gegenseitige Zuhören, das Miteinander-Sprechen hilft uns allen, selbst wenn im Diesseits leidenschaftlich gerungen und gestritten wird. Das Jenseits ist sowohl für Gläubige als auch Ungläubige tröstlich: Im Himmel bedarf es nämlich keines Glaubens mehr, denn dann werden wir sehen, wie Gott ist (vgl. 1 Joh 3, 2).

25 Jahre nach dem Fall der Mauer können wir dankbar darauf zurückblicken, dass der Kalte Krieg nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen vorbei ist, dass wir miteinander reden wollen und auch können. Und so gelten die Worte von Papst Johannes Paul II. letztlich allen Menschen: "Haltet dieses Tor geöffnet für euch und alle Menschen! Haltet es geöffnet durch den Geist der Liebe, durch den Geist der Gerechtigkeit und den Geist des Friedens! Haltet das Tor offen durch die Öffnung eurer Herzen! Es gibt keine Freiheit ohne Liebe."

Dieser Text ist kürzlich erschienen in der Festschrift zum 90. Geburtstag von Dr. Esther Betz: "Ein Plädoyer für die Wissensgesellschaft. Warum wir guten Journalismus brauchen". Droste-Verlag, 2014, 207 Seiten mit 16-seitigem Bildteil, 19,95 Euro

Einen Kommentar zur Ernennung von Rainer Maria Woelki zum Kölner Kardinal lesen Sie hier.

Hier geht es zur Infostrecke: Stimmen zur Ernennung Rainer Maria Woelki zum Kardinal

(RP)