Prozess in Köln: Mutmaßliche Geldautomaten-Sprenger vor Gericht

Automatenknacker in NRW: Bande soll Airbnb-Wohnungen als Versteck genutzt haben

Geradezu filmreif sollen sieben mutmaßliche Geldautomatenknacker auf ihren Raubzügen in NRW vorgegangen sein. Gehören die Niederländer zur berüchtigten Audi-Bande? Seit Dienstag läuft der Prozess in Köln.

Der Zeitpunkt für die Tat war gut gewählt: Am späten Abend des 7. Juli 2016 saß halb Köln vor dem Fernseher. EM-Halbfinale, Deutschland spielte gegen Frankreich. Um 22.17 Uhr leiteten zwei Männer Gas in einen Geldautomaten im Kölner Stadtteil Gremberghoven und jagten den Automaten mit einem lauten Knall in die Luft. Die Beute: 130.400 Euro. Als die Polizei kam, waren sie bereits auf der Flucht, zuerst mit einem Roller der Marke Piaggio Beverly, dann mit einem gemieteten Mercedes.

Sechs Männer und eine Frau aus den Niederlanden müssen sich seit Dienstag vor dem Kölner Landgericht verantworten — sie sollen für die Sprengung im Sommer 2016 und für vier weitere Fälle in Nordrhein-Westfalen verantwortlich sein. Die Bande soll insgesamt 558.560 Euro erbeutet haben, bei Automatensprengungen in Köln, Essen und Hagen.

Die Anklage ist überzeugt, dass die Brüder Rachid (31) und Hassan A. (43) mit zwei Komplizen (26, 33) in wechselnder Konstellation Tatorte ausgekundschaftet und dann als Sprenger fungiert haben. Ein 24 -jähriger Angeklagter war erst kurz vor den Festnahmen zur der Bande gestoßen und sollte — so die Überzeugung der Staatsanwaltschaft — angelernt werden.

Angemietete Garagen dienten als Zwischenlager

Der 43-jährige Jan R. und Charlotte B., 24 Jahre alt, sollen für die Logistik zuständig gewesen sein: Sie mieteten laut Anklage Garagen und PS-starke Fluchtautos, aber auch Airbnb-Wohnungen, die nach den Taten als Unterschlupf dienten. Die Garagen nutzten sie als Zwischenlager für Gasflaschen, Werkzeug und Unterstand für die Fluchtfahrzeuge, unter anderem einen Audi RS 6.

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Die Bande gilt laut Anklage als polizeierfahren. So haben die Täter etwa die Garagen markiert, um zu überprüfen, ob sie oberserviert werden. Sie steckten dazu Kippen oder kleine Äste zwischen Tür und Wand, um zu sehen, ob jemand die Garage während ihrer Abwesenheit geöffnet hatte.

Im Rheinland und im Ruhrgebiet kommt es seit einigen Jahren regelmäßig zu Automatensprengungen, einige Banken sperren deshalb nachts den Zugang zu ihren Vorräumen. Oft flüchten die Täter in PS-starken Autos. Besonders die sogenannte Audi-Bande aus den Niederlanden sorgt immer wieder für Schlagzeilen: Allein 2016 soll sie in NRW mehr als 140 Automaten aufgesprengt haben.

Am ersten Prozesstag schwiegen die Angeklagten. Die Vorsitzende Richterin der 14. Großen Strafkammer bezeichnete den Fall als "sehr komplex". Sollten die Angeklagten mit glaubhaften Geständnissen dazu beitragen, dass der Prozess verkürzt werden kann, könnten sie mit Strafen zwischen einem Jahr und zehn Monaten und vier Jahren und vier Monaten rechnen. Wenn sich während des Verfahrens der Verdacht bestätigt, dass die Angeklagten bandenmäßig agiert haben und möglicherweise zur "Audi-Bande" gehören, der Ermittler bis zu 200 Mitglieder zurechnen, könnte das die Strafen aber erhöhen.

Charlotte B. ist als Einzige nicht in Haft. Die Kosmetikerin hatte vor den Festnahmen seit eineinhalb Jahren eine Affäre mit dem verheirateten Familienvater Rachid A. und wurde von der Haft verschont, weil sie ein Kind von dem 31-Jährigen erwartete, das inzwischen geboren wurde.

Ein Urteil wird spätestens Anfang Februar erwartet.

(hsr)