PollerWiesen in Köln: „Wir haben die Party elf Jahre lang am Ordnungsamt vorbei organisiert“

Interview mit „PollerWiesen“-Gründer: „Wir haben die Party elf Jahre lang am Ordnungsamt vorbei organisiert“

Draußen und sonntags - das ist das Motto des Outdoor-Techno-Festivals „PollerWiesen". Am kommenden Wochenende feiert die Kölner Partyreihe 25. Geburtstag. Veranstalter Patrick Peiki erzählt, wie ein Polizist die Party Jahre lang gedeckt hat und warum alles in Indien angefangen hat.

Sie haben wochenlang in Goa in Indien auf der Straße gelebt. Wie kam das?

Patrick Peiki Ich hatte mich damals auf die falschen Freunde eingelassen, habe Drogen genommen und wenig Geld gehabt. Dann erzählte ein Freund von seiner Reise nach Goa, und ich wusste, da will ich auch hin. Also kaufte ich mir von meinem letzten Geld ein Flugticket. Nur als ich dort ankam, hatte ich nicht mehr als die Kleider, die ich am Leib trug. Das war 1993 und eine besondere Zeit in meinem Leben.

Und dann?

Peiki Ich musste in privaten Gärten übernachten und tagsüber um ein paar Rupies für Essen betteln, und ich habe viel Zeit auf kostenlosen Goa-Partys verbracht, die draußen am Strand stattgefunden haben. Dabei ist auch die Idee zu den „PollerWiesen“ entstanden. Irgendwann wurde mir klar: Ich liebe elektronische Musik, ich habe gerne mit Menschen zu tun und ich kann gut organisieren. Wieso mache ich so etwas nicht in Köln?

Patrick Peiki ist der Gründer des Techno-Festivals PollerWiesen in Köln. Foto: Patrick Peiki

Also sind Sie zurück nach Köln?

Peiki Genau, letztlich habe ich es geschafft, genügend Geld für den Rückflug zusammenzukriegen. Die Zeit in Indien hatte mir gezeigt, dass ich wirklich etwas anders machen muss, wenn ich überleben will. Ich wechselte meine Wohnung, meine Telefonnummer und meinen Freundeskreis. Den vertrauenswürdigen Freunden sagte ich, wir machen jetzt Open-Air-Partys und zwar sonntags nach den Club-Events. So gehen die Leute morgens nicht verstreut zur After-Hour, sondern kommen gebündelt zu uns und können in der Sonne weiter feiern.

Wie haben Sie das organisiert?

Peiki Wir haben damals auf Thermopapier mit einem Faxgerät alle Städte und Kommunen angefaxt, sie möchten uns bitte Grillplätze für Familien in und um Köln nennen, wo wir sonntags mit unseren Kindern grillen können. Die Liste fuhren wir mit dem Auto ab, und der Grillplatz in Frechen Großkönigsdorf eignete sich am besten. Unser Startbudget lag bei 200 D-Mark. Dafür druckten wir Flyer, die wir zwei Wochen vor der Feier in den Clubs verteilten. So waren auf der ersten Party direkt 500 Leute. Und es lief so gut, dass wir im ersten Jahr zwei Partys gemacht haben, das Jahr darauf vier.

200 D-Mark ist nicht viel für eine Party. Wie haben Sie sich finanziert?

Peiki Alle haben zusammengeholfen. Wir haben die Anlage und einige Getränke auf Kommission bekommen und die Gäste haben Geld gespendet, damit die Partyreihe weitergehen kann. Es gab DJs, die damals nicht nur umsonst gespielt haben, sie haben sogar dafür bezahlt, dass sie auftreten können. Für sie war es Marketing, uns hat das die Anlage bezahlt. Ohne diesen Gemeinschaftsgeist, der die Szene damals ja auch ausgemacht hat, hätte die Party niemals so viele Jahre überlebt.

Was ist Techno für Sie?

Peiki Techno bedeutet für mich, jeden so zu akzeptieren, wie er ist. Ob er mit einem Staubsauger auf dem Rücken, mit einer Gasmaske im Gesicht, in Shorts, ganz in schwarz oder kunterbunt zur Party kommt. Alles ist in Ordnung. Und ich glaube, diese Freiheit davon, seine Mitmenschen ständig zu kritisieren, das ist der Kern der Subkultur, die sich in den 90er Jahren gebildet hat. Deshalb haben diese Partys auch viele Menschen positiv geprägt.

War der Geist wirklich frei von Bewertungen oder war er von Drogen beeinflusst?

Peiki Zugegeben natürlich beides. Viele Leute haben zu Techno ohne Drogen und Alkohol gefeiert. Viele haben aber auch das eine, das andere oder beides konsumiert. Drogen sind in der Gesellschaft nun mal ein riesiges Thema. Und wir Techno-Leute sind ein Teil dieser Gesellschaft. Wir können uns davon also auch nicht frei machen. Inzwischen bin ich allerdings auch älter und weiß: Keine Drogen, sind die besten Drogen.

Wie ist der Name „PollerWiesen“ entstanden?

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Peiki Als wir 1994 die zweite Party feiern wollten und zum Grillplatz kamen, stand dort der Bürgermeister mit einem Feuerwehr- und einem Polizeiwagen und sagte, der Grillplatz wäre geschlossen. Das stimmte natürlich nicht. Es war aber seine sehr nette Art uns zu sagen, dass wir doch bitte an einem anderen Ort feiern sollten.

Habt ihr euch daran gehalten?

Peiki Ich habe direkt die Poller Wiesen als neuen Standort vorgeschlagen. Das war für mich klar, weil der Blick von den Poller Wiesen über die Kölner Skyline samt Dom für mich magisch ist. Also sind wir da in einer Technokarawane hingefahren. 25 Autos, ich vorne weg, dahinter die Anlage. Jeder hatte sein Fenster auf. Überall dröhnte es nur bummbummbumm aus den Fenstern. Das ging von Frechen über die Aachener Straße bis zu den Poller Wiesen. Ein paar Stunden später standen wir mit 1000 Leuten dort und die Party ist ohne Probleme durchgelaufen. Da war der Name klar.

Trotz der vielen Besucher war die Party viele Jahre illegal. Wie war das möglich?

Peiki Wir haben elf Jahre lang um das Ordnungsamt herum organisiert. Außerdem gab es einen Polizisten, der uns gedeckt hat. Er hat seine Dienste extra zeitgleich zur Party einteilen lassen. Wenn sich jemand beschwert hat, kam er, hat das Problem gelöst und an die Zentrale gefunkt, dass die öffentliche Ordnung nicht gestört werden würde. Er mochte uns und war der Meinung, dass man der Jugend einen Platz zum Feiern geben müsse. Ihm haben wir sehr viel zu verdanken.

25 Jahre später heißt die Party immer noch „PollerWiesen“, findet dort aber nicht mehr statt. Wieso?

Peiki Die Party wurde einfach zu groß, um sie ohne Genehmigung zu veranstalten. Hätten wir sie zum Beispiel am Herkulesberg spontan beenden müssen, wären tausende Gäste gleichzeitig unkontrolliert aus dem Areal gelaufen und womöglich noch über die Autobahn.

Kannte man euch beim Ordnungsamt?

Peiki Definitiv. Wir mussten zum Ordnungshüter Robert Kilp, der galt als besonders streng. Er hat uns auch erst einmal eine ordentliche Standpauke gehalten, weil wir die Party elf Jahre lang am Ordnungsamt vorbei organisiert haben. Aber als er seinen Ärger losgeworden war, war seine erste Frage, wie er uns helfen könne. Und so kam es, dass wir von der Illegalität in die Legalität gekommen sind, im Jugendpark.

Wieso sind Sie mit der Party nie nach Düsseldorf gekommen?

Peiki Ich wollte gerne nach Düsseldorf. Es gibt dort eine tolle Location, die sich geeignet hätte. Aber in der Nähe waren Schrebergärten und deshalb wurde uns davon abgeraten. Es ist sehr schwierig Flächen zu finden, die sich für Partys in der Größe eignen.

Deutschland ist eine Techno-Hochburg. Warum passen die Deutschen und Techno so gut zusammen?

Peiki Techno wurde hier sogar mit erfunden. Ich glaube, Techno ist die künstlerische Verarbeitung einer Industrienation. Da trifft die Vertonung riesiger Fabrikmaschinen auf die hohe Geschwindigkeit, in der unsere Gesellschaft lebt. Eingebettet in diese industriellen Sounds kann man dann ausgelassen tanzen und seine Freizeit genießen.

Kann man zu alt für Techno sein?

Peiki Kann man zu alt für Musik sein? Nein. Wir feiern die „PollerWiesen“ in drei Techno-Generationen. Es gibt bis heute Gäste der ersten Stunde, die seit 25 Jahren zu uns kommen. Nein, man kann niemals zu alt dafür sein, Musik zu genießen und gemeinsam eine gute Zeit zu haben.

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