Pferde im Karneval: Brauchtum oder Tierquälerei? Eine Reiterin berichtet

Erfahrene Reiterin über Pferde im Karnevalszug: "Man nimmt ja auch keinen Hund mit zum Zug"

Pferde in Karnevalszügen - ist das schützenswertes Brauchtum oder Tierquälerei? Wir haben eine Frau gefragt, die 25 Jahre in einem Reitercorps in NRW aktiv war. Das berichtet die erfahrene Reiterin.

Als ich gestern von dem Unfall im Kölner Rosenmontagszug gehört habe, bin ich als Reiterin erst einmal erschrocken. Mir tun die Tiere einfach leid. Ich hab mir den Zug im Fernsehen angesehen und schon bei einigen Pferden gesehen, wie nass geschwitzt sie waren vor lauter Stress und Aufregung.

Foto: Claudia Hauser

Es sind Fluchttiere — das haben wir nun schon ein paar Mal gehört, sie bekommen einfach Panik, wenn es ihnen zu eng wird. Dann der Lärm aus allen Richtungen, den sie nicht identifizieren können - es ist deren Natur, auf solche Dinge ängstlich zu reagieren.

Diesen einen Fall mal rausgepickt: Man weiß nie, ob diese Tiere in den Wochen vor dem Rosenmontagszug genug Bewegung hatten. Waren sie auf einer Winterweide oder im Stall? Im Sommer ist Weidezeit, da haben die Tiere Bewegung. Die fängt ab Mai an. Im Winter haben sie meist sehr viel weniger Bewegung, die Konsistenz der Böden durch Witterungseinflüsse lässt das oft nicht zu: zu nass und tief oder gefroren und zu hart — das birgt immer Verletzungsrisiken, die man logischerweise vermeiden möchte.

"Für ein Pferd kommt da viel Ungünstiges zusammen"

Ein Pferd im Winter ist für jeden Reiter immer eine Herausforderung, die wenigsten Ställe haben genug geeignete Auslaufflächen für die Pferde. Sie haben Bewegungsmangel — aber den Drang, sich zu bewegen. Die Grundvoraussetzung ist im Winter eine ganz andere. Bevor wir mit unseren Pferden früher im Sommer zum Schützenzug losgeritten sind, konnten die Tiere sich austoben und waren von der Grundstimmung her ganz anders drauf. Entpuppte sich ein Pferd doch als zu nervös, ging es den Umzug erst gar nicht mit, sondern wurde von Helfern oder dem Reiter selbst zurück in den Stall gebracht.

In einem Schützenumzug gehen die Reitercorps fast immer ganz hinten. Die haben dann Platz, nach hinten wegzugehen, wenn irgendetwas wäre. Die Regimentsführung mit zwei oder drei Pferden, sowie wenige Kutschen sind vorne oder in der Mitte platziert.

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Im Karnevalszug hingegen sind vorne, seitlich neben den Pferden und hinten Menschen. Dazu kommt jede Menge Lärm, dann kreist auch oft noch ein Hubschrauber. Für ein Pferd kommt da viel Ungünstiges zusammen — wenn dann tatsächlich noch jemand etwas auf eines der Tiere geworfen hat, was sich ja noch zeigen muss, dann ist es doch völlig klar, dass ein Pferd so reagiert.

Pferde sind in solchen Situationen immer unberechenbar, das sieht man an dem neuesten Fall ja nun wieder. So etwas kann immer passieren. Und es wundert mich, dass nicht mehr passiert ist. Die wenigsten Pferde sind so nervenstark, dass ihnen ein solcher Trubel nichts ausmacht. Das Widersinnige ist für mich: Wenn unbedingt Pferde in Umzügen mitgehen müssen, dann sollte man auch Beruhigungsmittel zulassen, damit sie gelassen sind. Wenn ich auch eigentlich der Meinung bin, dass ein Sedierungsmittel nichts in einem gesunden Pferd zu suchen hat. Ich hab vor Jahren erlebt, dass ein sediertes Pferd unter einer Reiterin zusammengebrochen ist.

Zudem müssen manche Zugpferde und Kutschenpferde stundenlang in einer erzwungenen, tiefen Kopfhaltung gehen — man nennt das Rollkur. Das Pferd berührt dabei fast mit den Nüstern die Brust. Das ist für die Tiere nicht nur eine unnatürliche Haltung, sondern lässt ihnen auch kaum Luft zum Atmen, da die Luftröhre abgequetscht wird. Ihr Sichtfeld wird stark beeinträchtigt, der Hals überdehnt. Das ist Tierquälerei.

Ich wäre dafür, die Kutschen sofort aus den Zügen verschwinden zu lassen und durch Traktoren oder andere geeignete Fahrzeuge zu ersetzen — so wie man das auf dem Land auch macht. Die Reitercorps in Karnevalsumzügen sollten nach und nach verkleinert und an den Schluss der Züge gesetzt werden — wenn man sie denn unbedingt im Zug haben will.

Inmitten von lauter Musik, fliegenden Süßigkeiten und Betrunkenen haben Pferde aber eigentlich nichts verloren. Viele Städte haben das ja bereits erkannt, die Karnevalshochburgen sollten auch darüber nachdenken. Ich sitze auf dem Pferd, seit ich elf Jahre alt bin. In einem Rosenmontagszug würde ich niemals mitgehen. Ich finde das unverantwortlich. Man nimmt ja auch keinen Hund mit zum Zug.

Das Protokoll von Christina K. wurde von Claudia Hauser aufgezeichnet. Der volle Name der Reiterin ist der Redaktion bekannt, sie wollte jedoch nur ohne Nennung ihres Namen mit uns über das Thema reden. Es sei ein sensibles Thema, sagt sie, sie fürchte negative Reaktionen aus den Karnevalsgesellschaften.

(hsr)