Mittelalterlich Phantasie Spectaculum in Köln: Was ich als Burgfräulein erlebte

Fühlinger See : Was ich als Burgfräulein auf einem Mittelalter-Festival erlebte

Zehntausende fliehen jedes Wochenende in eine Welt, in der Ritter gegeneinander kämpfen und Gaukler das Volk unterhalten. Was ist an diesem Leben so faszinierend? Unsere Autorin ist für einen Tag in die Mittelalterwelt eingetaucht.

Eine mit roten Pestpusteln übersäte und mit Dreck beschmierte Figur hüpft an meine Seite. Klar, meinen Baumstamm teile ich doch gerne. Zum Glück, denn so lerne ich den Star des Mittelalterfestivals kennen — Hans den Hässlichen. Später am Tag werde ich im Heerlager ausruhen, in ein mittelalterliches Gewand eingeschnürt und am Ende auch noch dem Tod begegnen. Da kann ich einen in der Mittelalterwelt erfahrenen Gefährten an meiner Seite gut gebrauchen.

In einer Welt, die ich nur aus dem Geschichtsunterricht kenne. Die mich mit ihren Legenden, bunten Figuren und dunklen Seiten fasziniert, aber nie ganz in ihren Bann gezogen hat. Vielleicht auch, weil ich mit meinem rötlichen Lockenkopf wohl eh auf dem Scheiterhaufen oder am Hexenrad gelandet wäre. Das wird mir heute wohl nicht passieren. Mittelalter-Rock schallt mir entgegen und schon bin ich drin.

Kräuterfrau, Burgfräulein oder doch eher Wikingerin?

Im Mittelalter-Dorf in Köln. Idyllisch gelegen am Fühlinger See. Meine Augen wandern zwischen Rittern, bunten orientalischen Stoffen, Mägden, Heeres-Fürsten, Edelsteinen, Silberschmuck hin und her. Eine Guillotine. Ein Kampfplatz. Lanzen und Schwerter. Gleich stürmen Kevin Costner und die Heerscharen aus Braveheart oder der "Ritter aus Leidenschaft" das Feld. Wundern würde es mich nicht. Noch bin ich eher staunende Zuschauerin des "Mittelalterlich Phantasie Spectaculums" als Teil der Szene.

Das muss sich ändern, will ich verstehen, was Tausende Menschen aus ganz Deutschland an diesen Tagen zu dem Mittelalterfestival führt. Ich muss raus aus meinen 21.-Jahrhundert-Klamotten. Aber wie werde ich zu einer Mittelalter-Dame? Was wäre ich in diesen Jahrhunderten wohl gewesen? Magd? Kräuterfrau? Burgfräulein? Oder doch eher eine Wikingerin?

Die Marktfrauen und Hofschneiderinnen von Capricorn haben mich längst von Weitem begutachtet und für würdig befunden, eine ihrer Mittelaltergewandungen zu tragen. Sie finden, zu mir passt etwas edles oder mystisches.

Zielstrebig fischt Kerstin Wecky ein edel verziertes blaues, fest gewebtes Baumwollkleid vom Ständer. Drei Minuten und ein paar professionelle Handgriffe der Verkäuferin später bin ich gut verschnürt zum Burgfräulein geworden. Ich stehe gleich viel aufrechter. Die weiten Ärmel des Kleides haben etwas Vornehmes, an das ich mich erst gewöhnen muss.

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Jetzt bin ich tatsächlich ein Teil dieses Festivals. Schwer ist das Kleid im ersten Moment und bei 27 Grad einigermaßen warm. Da bekomme ich die nächsten Stunden direkt einen Eindruck von den harten Seiten des Mittelalters, fürchte ich. Nix da mit kurzer Hose, T-Shirt oder Top. Immerhin erweist sich das Kleid als überraschend bequem. Deutlich bequemer als viele Kleider aus meinem eigenen Schrank. Und die brennende Sonne schirmt der Stoff auch ganz gut ab.

Was haben die Mittelalterstände zu bieten?

Also wandle ich los — die 160 Zelte, Marktstände, Tavernen, Baldachine zu erkunden. "Tolles Gewand, die Dame!”, sagt ein eher spärlich bekleideter Gladiator im Vorübergehen. "Danke.” Schon nach ein paar Metern gehört das Gewand irgendwie zu mir. Zwischen all den anderen mittelalterlich gekleideten Besuchern fühl ich mich schnell nicht mehr fremd.

Der Geruch von Feuer, Stroh und Leder liegt in der Luft. Leises Blöken klingt von dem Mini-Gehöft herüber, auf dem ein paar Schafe, Esel und Pferde die nächsten zwei Tage leben. Der Lederer bearbeitet mit Zange und Hammer einen neuen Gürtel. Der würde, zusammen mit einem kleinen Stoffbeutel, noch gut zu meinem Kleid passen, denke ich. Aber das muss warten. Erstmal will ich etwas von dem Fest sehen.

Aus der Ferne ist das klirren von Metall zu vernehmen. Auch Eisen werden hier also geschmiedet. Oder doch eher Kämpfe ausgefochten? Abwarten denke ich und bummel weiter. Zusammen mit den vielen Menschen, die inzwischen ihren Wegzoll gelassen haben und das Dorf besiedeln. Teils in mit liebevoller Handarbeit genähten mittelalterlichen Gewändern, teils in karnevalistischen Ritter- und Hexenkostümen.

Wer sind die Menschen, die das Festival besuchen und ausmachen?

"Bei uns ist jeder willkommen. Ob Mittelalter- oder Fantasiefan, ob mit oder ohne Gewand”, sagt Wolfgang Fuck. Der Duisburger kümmert sich bei dem Mittelalterlich Phantsie Spectaculum (MPS) um die Öffentlichkeitsarbeit. Das Festival habe gar nicht den Anspruch authentisch zu sein, sondern Freude am Mittelalter zu verbreiten. Und so gibt es auch ein Zelt, an dem man nicht nur Euro in Goldtaler umtauschen, sondern auch sein Smartphone laden kann.

Dröhnende Mittelalterklänge locken mich an. "Mehr Handgeklapper!”, wird gefordert. Die Menge vor der Festivalbühne applaudiert noch heftiger. Ritter auf Pferden stehen auf der Wiese. Zünfte, Lager und Fürsten präsentieren ihre Schilde und Fahnen. Bruder Rectus eröffnet das Mittelalter Spectaculum und teert und federt einen Knappen, der durch unrühmliches Verhalten am Lagerfeuer aufgefallen war. Das Volk grölt. Langweilig wird der Tag sicher nicht. Es geht um Spaß und Geselligkeit. Die Menschen hier nehmen sich und das Leben nicht allzu ernst an diesem Tag.

An der Taverne vor der Bühne tummelt sich allerhand Gevolk. Bei Bier oder Saft aus einem stilechten Tonkrug lässt es sich schnell ins Gespräch kommen. Mit vielen ungewöhnlichen Gestalten: Der weise Gandalf ist da, ein paar Mönche, Ausgestoßene, Piratenbräute ebenfalls. Und eine wirklich unübersehbare Fratze. "Gestatten meine Teuerste, Hans der Hässliche”, spricht er:

Hässlich ist er wirklich, der Bettler. Aber auch charmant, herzlich und lustig. Er ist eine Institution auf dem Mittelalter Spectaculum erfahre ich. Immer wieder unterbricht jemand unser Gespräch, um dem Hässlichen Hans kurz hallo zu sagen oder ein Foto zu machen. Geduldig strahlt der die Menschen an und hat für jeden in herzliches Wort parat. Seit elf Jahren zieht der Bettler über das Mittelalterfestival. Immer ohne Schuhe, immer mit mehreren Schichten zerfetzten Stoffen am Körper und roten Pusteln im Gesicht.

"Ich erfreue die Menschen mit meinen Grimassen und witzigen Sprüchen. Wir lachen viel gemeinsam und ich treffe ständig alte Freunde", sagt Hans der Hässliche. Es gebe aber auch Momente, da müsse er ein offenes Ohr für die Sorgen der Menschen haben. "Dann ist es auch mal gegeben, dass man eine Träne miteinander verdrückt und sich danach wieder am Leben erfreut", sagt Hans.

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Am Anfang sei er nur schweigend über die Festivals gelaufen, nach und nach entwickelte sich die Rolle aber weiter. "Wenn ich auf den Festen bin, bin ich der Bettler und das den ganzen Tag. Das muss man leben und so wie jede Person, entwickelt sich auch der Bettler jeden Tag weiter", spricht er und klimpert verzückt mit den Augen. Die Augäpfel springen dabei fast aus dem roten Gesicht.

Leben die Mittelalterfans ihre Leidenschaft auch im Alltag?

Im Alltag ist Hans der Hässliche Markus Gabriel aus Großburgwedel. Schauspieler und Vater. Ende der 90er Jahre sei er auf einem Mittelaltermarkt gewesen. "Da wusste ich, da gehöre ich hin”, sagt er. Damals spielte er bereits in einem Barocktheater und kam so zur Rolle des Bettlers. Zunächst sei er für Geschäftstermine gebucht worden, irgendwann habe ihn dann das Spectaculum entdeckt, das nun sein Leben bestimmt. Zusammen mit den anderen Walking Acts des Festivals lädt er zur Märchenstunde und improvisiert hier und da ein kurzes Theaterstück. Der eine oder andere Besucher erschreckt sich auch mal, wenn der Bettler auf den Weg hüpft.

"Die Menschen hier sind meine zweite Familie", sagt Gabriel. Und so passiere es auch mal, dass der Bettler auch im Alltag durchkommt. "Barfuß laufe ich immer und es ist schon mal vorgekommen, dass ich grübelnd vor dem Milchregal stand und wie der Hans den Mund verzog", sagt der Schauspieler. So ganz lässt das Mittelalter ihn nie los.

Ich müsse mir unbedingt die Ritterkämpfe anschauen, die seien auch sehr lustig — empfiehlt er mir. Also gut, als Burgfräulein ist der Programmpunkt ja quasi Pflicht. Ob die Ritter wohl so viel Schrecken verbreiten wie in den Geschichtsbüchern — oder eher Charme wie in Filmen?

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Gleich mehrere Wege führen entlang des Sees und über die Wiesen durch das Dorf, hin zum Reitplatz. Voll sind alle Wege. Gestresste Fußgänger gibt es nicht. Die Besucher bummeln von Stand zu Stand. Bleiben immer wieder für ein kurzes Gespräch stehen. Schauen sich Trink-Hörner, Lederschuhe oder Liköre und Essige nach alten Rezepten an. Eine Magd klopft mit einem kleinen Hammer einen Silberlöffel zu einem künstlerischen Armreifen, ein Schreiner hobelt in seiner Hütte ein Stück helles Holz. Seine langen, dunklen Haare kleben von Wärme und Arbeit an der Stirn. Er fertigt Schalen, Bretter, Löffel.

"Begrüßen Sie, aus der Mongolei zu uns gekommen, Riiiiiitter...”, schallt es über die Wiese. Der Kampfplatz kann also nicht mehr weit sein. Gerade rechtzeitig zum ersten Wettbewerb bin ich da. Die Pferde tragen Decken mit den Wappen der Ritter. Die liefern sich schon verbal einen Schlagabtausch, bevor sie dann vom Pferd aus kleine Holzklötze im Ritt umsäbeln. Der eine mimt einen betrunkenen Ritter, der andere den Bösen, der dritte den Frauenschwarm. Handgeklapper bekommen sie alle für ihren Auftritt hoch zu Ross. Amüsant ist das Theater der Ritter allemal. Aber das ganze, lange Ritterspiel, dass dann doch eher einer Komödie ähnelt, halte ich nicht durch. Dafür gibt es viel zu viel anderes zu entdecken bei dem Spectaculum.

Wie lebt es sich zum Beispiel so im Mittelalter? Wenn man nur das zur Verfügung hat, was es damals schon gab?

Direkt am Ufer des Fühlinger Sees beginnt das Heerlager. Piraten-Crews leben hier neben Wikinger-Stämmen, Ritterorden und kleinen Söldner-Lagern. Das Hochwasser am See hat die Wikinger von Yggdrasils Wurzeln und das befreundete britische Söldner-Lager Oir-Agus-Saorsa aus Schwelm zusammengeführt. So können sie sich Vorratszelte und Kochstellen teilen und Platz sparen. Alles ist etwas enger als sonst. Für Gäste ist aber immer noch genug Platz. Vorausgesetzt, sie sind gewandet. Glück gehabt, mit Jeansrock und T-Shirt dürfte ich das Lager jetzt nicht betreten. Rucksack und Kamera werden ausnahmsweise geduldet.

Kaffee köchelt über dem Feuer vor sich hin und die Damen der Stämme begrüßen mich freundlich. Die Lagergemeinschaft hat sich in der Mittagshitze in der Essensecke zusammengefunden. An der langen Tafel ist auch für mich noch ein Platz. Ein Trunk aus einer Tonkaraffe sorgt für eine willkommene Erfrischung. In der Mittelalterfeste-Saison seien sie fast jedes Wochenende mit dem Heerlager unterwegs, sagt Tyra. Ihr Mann ist der Jarl von Yggdrasils Wurzeln und damit Stammesoberhaupt dieses Wikingerlagers. Yggrdasil ist in der nordischen Mytologie der Name für den Weltenbaum, der den Kosmos verkörpert. Die Rollen und Aufgaben in der Gemeinschaft würden sich durch die Fähigkeiten der Einzelnen ergeben. Klare Hierarchien werden eingehalten. Die Lagerführer haben das Sagen.

Wie lange dauert es, bis man in der Mittelalterwelt ankommt?

Aber die Atmosphäre ist familiär, freundschaftlich, entspannt. Der Trubel der Außenwelt bleibt vor dem Zaun. "Wir haben im echten Leben alle stressige Jobs. Hier kann ich den Kopf einfach frei bekommen und mich erholen”, sagt Tyra. Ein Wochenende auf dem Mittelalterfestival bringe ihr mehr als zwei Wochen Urlaub auf Mallorca. Wenn sie das Gelände der Märkte oder Festivals betrete, sei sie sofort im Mittelalter. Man treffe immer Bekannte wieder, es gebe kein Gepöbel und alle seien eine Familie, sagt die Frau des Lagerführers, während sich das Anführerpaar des britischen Söldner Lagers im Schwertkampf übt. Schließlich sind sie ein Waffenstand und Schutztruppe für die Händler und Kaufleute — solche wie die Wikingerstämme es sind.

Ganz schön schwer sind die Schwerter und ich verstehe schnell, warum die Lagerbewohner sich über Mittelalter-Blockbuster nur amüsieren können. So schwungvoll wie bei Heath Ledger und Kevin Costner lassen sich diese Schwerter nicht durch die Luft wirbeln.

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Aber wie nah kommt das Leben im Heerlager dem Mittelalter wirklich?

Beide Stämme empfinden in etwa die gleiche Zeit nach. Zwischen 792 und 1066. Die Zeit der Händler und Kaufleute und des Ursprungs Schottlands, sagen sie. Alles, was es damals schon gab, darf im Lager benutzt werden. Tongefäße, Eisen, Felle, Holz. Die Kleidung fertigen die Mittelalterfreunde selbst. Vor allem im Winter treffen sie sich, um zu nähen und zu basteln. "Wir leben das Mittelalter und spielen es nicht”, sagt Tyra.