Missbrauch-Studie: NRW-Bistümer reagieren „tief beschämt“

Hunderte Betroffene : NRW-Bistümer reagieren „tief beschämt“ auf Missbrauchsstudie

Laut einer Untersuchung ist sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche über Jahrzehnte hinweg weit verbreitet gewesen und vertuscht worden. Allein im Erzbistum Köln soll es mindestens 135 Betroffene und 87 beschuldigte Priester gegeben haben.

Die katholischen Bistümer in Nordrhein-Westfalen haben „tief beschämt“ und „unendlich traurig“ auf die Ergebnisse der Studie zum Umgang der Kirche mit sexuellem Missbrauch reagiert. Die Studie, die am Dienstag von der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda vorgestellt wurde, sei ein Dokument für das „dramatische Leid“, das die Kirche Menschen angetan habe, sagte der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer. Der Kölner Generalvikar Markus Hofmann bezeichnete die Zahlen als „erschütternd“. Der Generalvikar des Bistums Münster, Norbert Köster, forderte: „Wir brauchen kirchlicher- wie staatlicherseits härtere Strafen und brauchen ein Ende der Verjährungsfristen bei sexuellem Missbrauch.“

Die Studie ergab unter anderem, dass zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 Minderjährige missbraucht haben sollen. Der Wissenschaftler Harald Dreßing, der die Studie geleitet hat, beklagte einen mangelnden Aufklärungswillen in weiten Teilen der Kirche. Er betonte auch, dass die Missbrauchsthematik keineswegs überwunden sei.

  • Zahlen für das Erzbistum Köln

Im Rahmen der Missbrauchsstudie der deutschen Bischöfe verzeichnet das Erzbistum Köln mindestens 135 Betroffene und 87 beschuldigte Priester in den Jahren 1946 bis 2014. Das entspreche vier Prozent der durchgesehenen Akten, gab das Erzbistum am Dienstag in Köln bekannt.

Von den 87 beschuldigten Priestern sind 40 verstorben, wie es hieß. In 21 Fällen gab es Maßnahmen oder Sanktionen. In 33 Fällen erfolgten keine Sanktionen: So ließ sich in zwei Fällen eine Unschuld nachweisen; in 27 Fällen fehlten konkrete Tatnachweis; vier Meldungen waren anonym, so dass dort keine Klärung möglich war.

Das Erzbistum hat eigenen Angaben zufolge seit 2011 an Missbrauchsbetroffene insgesamt 620.635 Euro in Anerkennung ihres Leids gezahlt, davon 150.804 Euro für Therapien von 22 Personen.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hatte bereits am Wochenende eine weitere unabhängige Untersuchung des sexuellen Missbrauchs in seinem Erzbistum angekündigt. Die bundesweite Studie der Deutschen Bischofskonferenz habe nur stichprobenartig gearbeitet, begründete er seine Entscheidung. Zudem seien nur zehn Bistümer in einer Tiefenstudie vertreten gewesen. Das Erzbistum Köln hatte nicht zu diesen Diözesen gehört.

  • Zahlen für das Erzbistum Essen

Im Bistum Essen gab es mindestens 85 "Opfer von sexuellen Übergriffen" und 60 beschuldigte Kleriker seit seiner Gründung 1958. Die Zahlen gab die Diözese am Dienstag bekannt. 19 Priester wurden verurteilt: sieben von ihnen straf- und kirchenrechtlich, vier nur strafrechtlich und acht nur kirchenrechtlich. Für die anderen 41 Priester gebe es ernstzunehmende Hinweise auf Missbrauchstaten. 4,5 Prozent aller lebenden und verstorbenen Priester im Ruhrbistum waren aller Wahrscheinlichkeit nach Missbrauchtäter.

Als Anerkennung des Leids zahlte das Ruhrbistum Missbrauchsopfern von Priestern bislang 262.400 Euro, wie es hieß. Abhängig vom jeweiligen Fall lag die Höhe der individuellen Zahlungen zwischen 1.000 und 15.000 Euro.

  • Zahlen für das Bistum Aachen

m Rahmen der Missbrauchsstudie der deutschen Bischöfe verzeichnet das Bistum Aachen mindestens 86 Betroffene und 55 beschuldigte Kleriker. Die Zahlen gab die Diözese am Dienstag bekannt. Ausgewertet wurden 886 Personalakten von 1934 bis 2016 und 64 Anträge auf Anerkennung des Leids. Damit gehe das Bistum Aachen über den vom Forscherkonsortium geforderten Zeitrahmen hinaus, hieß es.

Nur bei 22 Betroffenen sei die Tat in der Personalakte des Beschuldigten vermerkt gewesen. "Ganz offensichtlich ist auch im Bistum Aachen bis in die späten siebziger Jahre der Schutz der Institution Kirche über den Schutz der Betroffenen gestellt worden", sagte Generalvikar Andreas Frick. "Dieses institutionelle Versagen der katholischen Kirche empfinde ich als skandalös, denn es steht im absoluten Gegensatz zu dem, woran wir glauben." Als Anerkennung des Leids zahlte die Diözese Missbrauchsopfern 320.000 Euro, wie es hieß.

  • Zahlen für das Erzbistum Münster

Laut Studie verzeichnet das Bistum Münster mindestens 450 Betroffene und 138 Beschuldigte in den Jahren 1946 bis 2015. Die Zahlen gab die Diözese am Dienstag bekannt. Insgesamt wurden die Personalakten von 1708 Klerikern ausgewertet. 285 der Beschuldigten sind Kleriker aus dem niedersächsischen Teil der Diözese. Die Zahl der vom Missbrauch dieser Geistlichen betroffenen Menschen ist nicht bekannt.

Untersucht wurden nach den Angaben im Bistum alle Personalakten von Priestern, hauptamtlichen Diakonen und Ordensgeistlichen mit Gestellungsvertrag, die zwischen Anfang 2000 und Ende 2015 im Bistum Münster eine Funktion ausübten oder sich im Ruhestand befanden. Zusätzlich wurde das Geheimarchiv des Bistums hinsichtlich der bereits bekannten Fälle sexuellen Missbrauchs durch Kleriker von 1946 bis Ende 2015 ausgewertet.

Seit 2011 erhielten 158 Missbrauchsopfer Zahlungen zur Anerkennung des Leids, wie es hieß. Die Gesamtsumme beläuft sich auf 937.800 Euro. Hinzukommen Übernahmen von Therapiekosten in Höhe von 186.807 Euro und soziale Unterstützungen von 106.952 Euro.

  • Zahlen für das Erzbistum Paderborn

Das Erzbistum Paderborn verzeichnet mindestens 197 Betroffene und 111 beschuldigte Kleriker in den Jahren 1946 bis 2014. Die Zahlen gab die Erzdiözese bekannt. In 125 Fällen (63,5 Prozent) liegen Hinweise auf einen männlichen Betroffenen und in 64 Fällen (32,5 Prozent) auf eine weibliche Betroffene vor. Acht Fälle lassen keine Geschlechtszuordnung der Betroffenen zu.

Insgesamt wurden nach den Angaben Akten zu 2.502 Klerikern durchgesehen, die zwischen dem 1.1.1946 und dem 31.12.2015 im Erzbistum Paderborn tätig waren oder im Ruhestand lebten. Die 111 Beschuldigten bildeten einen Anteil von 4,44 Prozent. Von ihnen seien 82 verstorben. In älteren Aktenbeständen fänden sich zahlreiche Lücken, hieß es. Eine systematische Bereinigung bestimmter Kategorien von Personen sei aber nicht erkennbar.

16 Verfahren wurden entsprechend der Verfahrensordnung an die Glaubenskongregation gemeldet, wie es hieß. In fünf Fällen wurden die kirchenrechtlichen Verfahren ohne Ergebnis eingestellt. In zwei Fällen erfolgte eine strafweise Entlassung aus dem Klerikerstand. In einem weiteren Fall legte der Beschuldigte selbst sein Amt nieder. In anderen Fällen wurden verschiedene Maßnahmen wie Amtsverlust, Zelebrationsverbote, Geldbußen oder Kontaktverbote verfügt.

Die Erzdiözese hat nach eigenen Angaben bislang 456.500 Euro in Anerkennung des Leids an Betroffene sexuellen Missbrauchs gezahlt, davon 301.000 Euro in Fällen, in denen ein Kleriker der Beschuldigte war. Seit 2013 haben 31.151 Personen aus den Gemeinden, Diensten und Einrichtungen an Informations- und Präventionsschulungen teilgenommen.

(wer/dpa/kna)
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