Michael Hundt ist Förster in Köln

Förster in Köln: "Wir müssen mal durch Ihre Garage, im Garten steht ein Hirsch"

Köln: Unterwegs mit dem Großstadtförster

Wildschweine im Tennisclub und Hirsche im Garten - auch die Großstadt Köln braucht einen Förster. Doch wenn Michael Hundt durch sein Revier streift, hat er die Autobahn immer im Ohr.

Vor ein paar Jahren dachte eine Kölner Erzieherin, dass es doch schön für die kleinen Stadtkinder sein könnte, Bekanntschaft mit einer Krähe zu machen. Die junge Frau hatte den Vogel verletzt gefunden und sich um ihn gekümmert, sein gebrochener Flügel wurde geschient und wuchs gut zusammen. Das Tier wurde so zahm, dass die Erzieherin ihn mit in die Kita im Kölner Stadtteil Langel nehmen konnte. Doch wenn die Krähe Hunger hatte, wurde sie rabiat. Einmal pickte sie derart auf die Kinder ein, dass die Kita-Leiterin die Polizei alarmierte. Doch die beiden Polizistinnen, die dann kamen, waren für den Job nicht die Richtigen.

Als schließlich Michael Hundt ins Spiel kam, war die Rede von einem "Terror-Raben", der "mehrere Kinder und zwei Polizeibeamtinnen angegriffen hat". Der Stadtförster machte sich auf den Weg zur Kita. "Ich dachte: Was machst du jetzt? Ich konnte die Krähe ja nicht vor versammelter Mannschaft abschießen", sagt er. Er fing den Raben ein und brachte ihn zu einer Greifvogelstation nach Porz. Unter Raubvögeln wie Mäusebussard, Falke und Habicht fand sich der Terror-Rabe ganz gut zurecht, sagt Hundt.

Michael Hundt ist einer von zwei Kölner Stadtförstern. Mit seiner Frau und den beiden Kindern (16, 18) lebt er im Forsthaus in Volkhoven-Weiler. Der alte Hof liegt nicht mitten im Wald, sondern ist das erste Haus in einer ganz normalen Wohnstraße. Wenn Hundt in den Wald will, muss er erst ins Dienstauto steigen. Sein Revier auf der linken Rheinseite umfasst 2000 Hektar Wald. Der Forstbotanische Garten in Rodenkirchen gehört dazu, der Worringer Bruch, aber auch der Tierpark in Lindenthal. Der 49-Jährige trägt keine jägergrüne Lodenjacke, wenn er in sein Revier aufbricht. Er hat auch keinen Hut mit Fasanenfeder — einziges Försterklischee ist sein schwarzer Dackel Jacky, der immer an seiner Seite ist.

Eine Millionenstadt ist auf den ersten Blick kein Ort, an dem sich Fuchs und Hase im Abendrot Gut Nacht sagen. Aber je mehr eine Stadt wächst, desto weiter rückt die Bebauung an die Natur heran. "Die Tiere sind außerdem klug genug, um zu wissen, dass es in der Nähe von Menschen Futter gibt", sagt Hundt. Und so verirrt sich schon mal ein Wildschweinkeiler im Marienburger Tennis- und Hockeyclub oder pflügt eine ganze Rotte auf der Suche nach Egerlingen komplette Vorgarten-Siedlungen um. Hundt nennt die Tiere "Stadtrandwildschweine". Wie viele es in Köln gibt, kann er nur schätzen. "Aber sie haben eine Vermehrungsrate von 300 Prozent."

Hundt ist Stadtförster und Vorsitzender der Kölner Jägerschaft. "Im Prinzip wird hier nicht groß gejagt", sagt er. Und wenn, dann eher in Form von "Trouble Shooting", um angefahrene Dachse oder Rehe zu töten, oder um die Population von Wildschweinen im Gleichgewicht zu halten, "in einem umweltverträglichen Maß", sagt Hundt. Etwa 300 wurden im vergangenen Jahr in Köln geschossen.

Wildkaninchen können bis zu fünf Würfe im Jahr haben. Sie leben etwa auf Kölns größtem Friedhof Melaten in den Gruften auf der Millionärsallee und fressen die Blumen von den Gräbern. "Auf Melaten gibt es auch Füchse", sagt Hundt. "Nicht jeder findet es schön, wenn er die Oma besucht und am Grab ein Fuchs seinen Bau hat."

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In der Stadt hat ein Fuchs keine natürlichen Feinde. "Im Grunde ist Köln ein Paradies für Füchse", sagt Hundt. "Füchse sind schlau, die laufen einfach die Hausgärten ab und fressen einen Katzennapf nach dem nächsten leer." Der Fuchs hat auch abseits vom Dosenfutter ein ähnliches Beutespektrum wie die Hauskatze. "Eigentlich hilft er dabei, die Kaninchenpopulation im Griff zu halten."

Der Stadtmensch neigt dazu, die Natur zu romantisieren. Manche rufen Michael Hundt an und erzählen ihm, sie hätten eine verletzte Ente gefunden. "Dafür bin ich nicht zuständig, dafür ist der Fuchs zuständig", sagt er dann. "Das klingt hart, aber das sind einfach natürliche Zusammenhänge und Prozesse." Er fährt auch nicht raus, wenn jemand anruft und sagt: "Hier liegt ein totes Kaninchen im Garten. Können Sie das einsammeln?"

Michael Hundt mag den Kontakt zu den Kölnern aber, denn den hat ein Stadtförster fast jeden Tag. Er mag auch den "Stadtsound", während er mit Dackel Jacky durch das Vogelwädchen im Nüssenberger Busch im Kölner Westen streift, um den Baumbestand zu kontrollieren. Der Stadtsound, das ist das gleichmäßige Rauschen der Autobahn 1. Hundt bestimmt, welche Bäume gefällt werden müssen, etwa weil sie krank sind oder andere beim Wachsen bedrängen. Manche Bäume müssen weg, damit andere Baumarten wachsen können, die Mischung im Laubwald ausgewogen ist.

"Manchmal würde ich mir mehr Verständnis wünschen", sagt er. "Die Leute denken: Wenn der einen Baum fällt, dann muss er doch auch einen neuen pflanzen." Dass es besser ist, heimisches Holz zu nutzen, "um ein Regal zu bauen", als Tropenholz, erklärt Hundt den Leuten dann. An manchen Tagen sitzt er aber bloß im Büro. Er muss über alles Protokoll führen und etwa Ausschreibungen verschicken, wenn das Forstamt Holz zu verkaufen hat.

Hundt weiß die Momente, die er abends mal allein auf dem Hochsitz verbringt, besonders deshalb zu schätzen, weil sein Revier eben "kein Wald ist, in dem man alle drei Tage mal einen Menschen trifft". "Im Kölner Wald ist man eigentlich nirgendwo allein." Aber wer Großstadtförster wird, weiß das. Und das Damwild in einer Stadt steht meistens nicht auf einer Waldlichtung, sondern ist eingezäunt — so wie im Lindenthaler Tierpark. Als vor einigen Jahren vier Damhirsche von dort ausgebüxt waren, musste Hundt nachts um drei Uhr die Bewohner eines Hauses wach klingeln und ihnen sagen: "Entschuldigen Sie, wir müssten mal durch ihre Garage, in Ihrem Garten steht ein Hirsch."

Das Handy des Försters ist immer eingeschaltet. Wenn jemand nachts anruft und sagt: "Hier liegt ein totes Wildschwein auf der Straße", dann weiß Hundt, "dass das in neun von zehn Fällen kein Wildschwein ist, sondern ein Dachs." Doch wenn die Wildschweine auf der Suche nach Futter weiter in die Stadt kommen, wird die Unterscheidung sicher bald leichter fallen. In Berlin standen schon zwei Wildschweine mitten auf dem Alexanderplatz.

(hsr)