Mehr Gewalt gegen Mitarbeiter der Deutschen Bahn

Gewalt gegen Mitarbeiter der Deutschen Bahn : Beleidigt, bespuckt und geschlagen

Mitarbeiter der Deutschen Bahn werden immer häufiger Opfer von Angriffen - bundesweit werden bis zu sieben körperliche Angriffe täglich gemeldet. Der Konzern setzt auf Deeskalationstrainings und rüstet seine Leute mit Reizgas aus.

Es brauchte gar nicht viel, damit ein 32-jähriger Fahrgast Ende Mai dieses Jahres in einem Intercity ausrastete. Eigentlich hatte die Zugbegleiterin ihn nur nach seinem Fahrschein gefragt. Der Mann hatte aber kein Ticket und wollte auch keins kaufen. Also forderte die Frau ihn auf, den Zug zu verlassen. Er schlug ihr ins Gesicht, sprang im Kölner Hauptbahnhof ins Gleisbett und bewarf die Zugbegleiterin und einige Reisende mit großen Schottersteinen. Die Frau musste ihren Dienst verletzt abbrechen. Die Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung.

Die Tat ist kein Einzelfall. „Angriffe auf Mitarbeiter der Deutschen Bahn haben enorm zugenommen“, sagt Oliver Kaufhold von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft in Berlin. Bundesweit wurden im vergangenen Jahr 2550 DB-Mitarbeiter Opfer von Übergriffen, 2016 waren es 2374 Fälle. „Wir reden aktuell über sieben Vorfälle am Tag – alles Körperverletzungen.“ Die Fälle, in denen Zugbegleiter oder Service-Kräfte an den Infoschaltern beschimpft, beleidigt oder bespuckt werden, kommen noch dazu.

Drei Männer schlagen Schaffner krankenhausreif

Am häufigsten angegriffen wird das Sicherheitspersonal, wie ein Bahnsprecher aus Düsseldorf sagt. Die Sicherheitsleute sind in etwa der Hälfte aller Fälle betroffen. In NRW gab es im vergangenen Jahr 550 Fälle, das sind 100 mehr als im Vorjahr. „Das reicht von Rempeleien bis hin zu Verletzungen, die zur Arbeitsunfähigkeit führen“, sagt der Sprecher. „Schwere Verletzungen sind zum Glück die Ausnahme, leider aber auch Realität.“

Im Dezember 2017 schlugen drei Fahrgäste einen Schaffner in einem Regionalexpress krankenhausreif. Der 58-Jährige hatte sie gebeten, sich in dem Zug nach Dortmund an das Rauchverbot zu halten und ihre Zigaretten auszumachen. Zwei hielten den Zugbegleiter daraufhin fest, der Dritte schlug und trat auf ihn ein.

„Die Gewaltbereitschaft hat zugenommen, das Stresslevel der meisten Leute ist hoch, die Hemmschwellen gesunken“, sagt Kaufhold. Betroffen sind nicht nur Bahner: Auch Polizisten, Feuerwehrleute oder Rettungskräfte klagen über Respektlosigkeiten und Angriffe. „Früher vermittelte eine Dienstuniform Autorität – heute löst sie offenbar einen besonderen Reiz aus, den Menschen darin zu provozieren und anzugreifen.“

Auch die Tätergruppe hat sich verändert: „Es gibt nicht die eine Problemgruppe“, sagt Kaufhold. Etwa den betrunkenen Fußballfan, der nach einem verlorenen Auswärtsspiel seiner Mannschaft auf dem Weg nach Hause ist. „Auch ganz normale Fahrgäste rasten aus, Anzugträger, Mütter mit Kindern, Rentner oder Jugendliche.“ Die Gründe sind wie in den genannten Fällen meist völlig banal: Frust wegen eines verspäteten Zuges oder Ärger darüber, dass ein Anschlusszug nicht warten konnte etwa. „Und der Zorn trifft Servicepersonal oder Zugbegleiter, die am wenigsten für die Situation können“, sagt Kaufhold.

Stichschutzwesten und Tierabwehrsprays

Um die Mitarbeiter zu wappnen, stattet die Bahn die Sicherheitskräfte nach und nach mit Bodycams auf, die abschreckend wirken sollen und Taten aufzeichnen können. In Köln sind die Kameras schon im Einsatz. 3000 der insgesamt 4000 Sicherheitskräfte im Bundesgebiet tragen ein Tierabwehrspray bei sich, um sich sicherer zu fühlen und im Notfall verteidigen zu können. „Der testweise Einsatz hat gezeigt, dass das Reizgas nur selten eingesetzt werden musste“, sagt der Bahnsprecher. „Viele kritische Situationen konnten aber entschärft werden, als unsere Leute mit dem Einsatz des Sprays gedroht haben.“ Alle Sicherheitskräfte haben seit 2017 zudem Stichschutzwesten.

Die 40.000 Mitarbeiter bundesweit, die täglich mit Kunden in Kontakt sind, sind seit diesem Jahr verpflichtet, an Deeskalationstrainings teilzunehmen. „Sie lernen, Situationen richtig einzuschätzen, selbstbewusst aufzutreten und Konflikte zu beruhigen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen“, sagt der Bahnsprecher. Alle drei Jahre steht ein solches Training an, die Sicherheitsleute lernen außerdem Selbstverteidigung, vielen werden im Dienst Hunde an die Seite gestellt.

Wer Opfer eines Übergriffs wurde, kann sich beim Mitarbeiter-Unterstützungsteam (MUT) psychologische Hilfe holen. Die Bahn setzt außerdem auf Videoüberwachung: 28.000 Kameras haben die Innenräume von mehr als der Hälfte aller Nahverkehrs- und S-Bahnzüge im Visier. Auswerten darf die Aufnahmen im Verdachtsfall nur die Bundespolizei.

Für Hans-Hilmar Rischke, der den Bereich Konzernsicherheit der DB leitet, sind die zunehmenden Übergriffe „ein gesellschaftliches Problem, das die Deutsche Bahn nicht allein lösen kann.“ Um die Konflikte im öffentlichen Raum – und damit auch an Bahnhöfen und in Zügen in den Griff zu kriegen, sei auch die Politik gefordert.

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