Bildungsdebatte nach Tweet einer Kölner Schülerin: "Man lernt nur für die Schule, nicht für das Leben"

Bildungsdebatte nach Tweet einer Kölner Schülerin : "Man lernt nur für die Schule, nicht für das Leben"

Auch 140 Zeichen können eine Bildungsdebatte auslösen. Eine 17-Jährige aus Köln hat via Twitter eine Diskussion losgetreten über das, was Schüler heutzutage lernen sollten. Aber was lernen Schüler denn wirklich?

Vor einer Woche schrieb die 17-jährige Kölner Gymnasiastin Naina bei Twitter: "Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen." Der Streit, wie lebensnah unsere Schulen sind, ist eine Art Evergreen der Pädagogik – seit der Römer Seneca vor fast 2000 Jahren klagte: "Man lernt nur für die Schule, nicht für das Leben."

Freilich steckte damals die Bildungsverwaltung noch in den Kinderschuhen – im Jahr 2015 legt das Schulministerium fest, was Gymnasiasten können sollen. Die Frage, ob sich der Unterricht in weltfremdem Gelaber verliert, richtet sich deshalb in erster Linie an die Lehrpläne. Und die beschreiben nicht mehr wie früher einzelne Inhalte, sondern Ziele.

Über "Verständnis von der Demokratie" verfügen

"Kompetenzorientierung" heißt das im Schuldeutsch. Hintergrund für die Neuausrichtung ist vor allem die Verkürzung des Gymnasiums auf acht Jahre – die Schulen müssen sich auf exemplarisches Lernen beschränken. Die Schüler sollen Strategien erarbeiten, die ihnen bei ähnlichen Fragen helfen.

Das Gymnasium soll eben keine verkappte Werkbank sein und streng nach praktischer Verwertbarkeit sortieren. In den Worten des Schulministeriums: "Der Unterricht soll zur Auseinandersetzung mit komplexen Problemstellungen anleiten und zu abstrahierendem, analysierendem und kritischem Denken führen."

In Politik/Wirtschaft zum Beispiel sollen Neuntklässler "über ein Verständnis von der Demokratie" verfügen und "grundlegendes Wissen im Bereich der internationalen Politik" besitzen. Sie sollen soziale Sicherungssysteme erklären können, Strategien gegen Fremdenfeindlichkeit kennen sowie über Chancen und Risiken des Unternehmertums Bescheid wissen – unter anderem.

"Business at School" oder "Was kostet das Leben?"

Das ist viel, viel Verschiedenes, auch sehr allgemein; von Miete und Versicherungen ist keine Rede. Wie konkret der Unterricht wird, obliegt den einzelnen Gymnasien. Nainas Ursulinenschule etwa nimmt an dem Projekt "Business at School" teil, bei dem Schüler eigene Geschäftsideen entwickeln.

Am Kölner Montessori-Gymnasium spricht man in Politik unter dem Motto "Was kostet das Leben?" über Konten, Kredite, Verträge – und, ja, über Mieten und Versicherungen.

Naina hat ihr Twitter-Konto stillgelegt – wegen der heftigen Reaktionen. Zitat: "Dieser Hass hier ist so heftig, ihr widert mich an."

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(fvo)
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