Kurden-Demo in Köln: "Es ist schwer, uns zu provozieren"

Kurden demonstrieren in Köln : "Die Leute hier auf der Straße wollen keinen Krieg"

Rund 15.000 Kurden sind in Köln auf die Straße gegangen, um gegen die türkische Militäroffensive in Nordsyrien zu demonstrieren. Die Polizei löste die Versammlung auf, weil Teilnehmer immer wieder verbotene Fahnen zeigten.

Pia steht am Samstagvormittag neben ihrer Mutter Gönül am Kölner Hansaring und schaut sich die Menschen an, die kurdische Fahnen schwenken und Transparente hochhalten. Auf denen steht "Shame on you, Europe!" oder "Keine deutschen Waffen für Erdogans Machenschaften!" Die Vierjährige kann die Slogans noch gar nicht lesen. Sie hört nur die Rufe der Demonstranten: "Deutsche Panzer raus aus Kurdistan!" Pia fragt ihre Mutter: "Warum schreien die denn alle so?" Die antwortet: "Weil sie es schlimm finden, dass weit weg von hier Kinder umgebracht werden."

Die 41-Jährige ist mit ihrer Freundin Cigdem und fünf Kindern in die Innenstadt gekommen, um mit etwa 15.000 anderen Kurden gegen die türkische Militäroffensive in Nordsyrien zu demonstrieren. "Die Kinder sollen mitkriegen, was passiert", sagt sie. Um nicht zu sehr ins Gedränge zu geraten, bleiben die Frauen am Rande des Demozugs stehen. Vor Beginn der Demonstration hatte die Polizei Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Türken oder zwischen gewaltbereiten Demonstranten und den Einsatzkräften befürchtet.

Schon am Morgen hatten sich die ersten Demonstranten auf dem Ebertplatz versammelt. Eigentlich sollte der Protestzug um 11 Uhr starten. Doch es ging erst gegen 12.30 Uhr los - über den Hansaring bis zur Magnusstraße und über die Burgmauer zurück zum Ebertplatz.

Weil etliche Kurden immer wieder Fahnen mit dem Bild des inhaftierten PKK-Anführers Abdullah Öcalan hoch hielten, gab die Polizei zunächst keine Erlaubnis zum Start des Aufzugs. Schon im Vorhinein waren "kistenweise Fahnen" beschlagnahmt worden, wie ein Sprecher sagte. Außerdem stellte die Polizei Fahnen und Transparente in einem Auto an der Route der Demonstranten sicher.

Der kurdische Dachverband und Demo-Veranstalter Nav-Dem wird vom Verfassungsschutz beobachtet, weil er der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe stehen soll.

Flankiert von insgesamt 2000 Polizeibeamten ziehen die Demonstranten am Mittag schließlich los. Zuvor hatte die Polizei damit gedroht, zwei Hundertschaften in die Menge zu schicken, um sämtliche verbotenen Symbole sicherzustellen. Die Einsatzleitung entscheidet sich aber dafür, die Fahnen während der Demo aus dem Verkehr zu ziehen. Unter den Pfiffen und Buh-Rufen der Demonstranten gehen Hundertschaftsbeamte also immer wieder dazwischen, beschlagnahmen Fahnen und nehmen die Personalien der Träger auf.

Vereinzelt zünden Demonstranten Pyrotechnik. Etwa 100 vermummen sich, sie gehören laut Polizei der linksautonomen Szene an. Doch insgesamt bleibt die Lage ruhig. Eigentlich hatte die Einsatzleitung mit Anhängern einer radikalen kurdischen Jugendbewegung und sehr viel mehr Linksautonomen gerechnet, doch bis zum Nachmittag blieb es friedlich.

Viele Geschäfte am Eigelstein und auf dem Hansaring haben am Samstag nicht aufgemacht — aus Angst vor Krawallen. Eine Apothekerin am Ebertplatz sagt: "Für uns stand das nicht zur Debatte, wir haben auf." Immer wieder kommen Demonstranten in die Apotheke, einer hat sich den Fuß verstaucht, einem anderen ist ein Stück Zahn abgebrochen. "Aber die meisten fragen, ob sie unsere Toilette benutzen oder ihr Handy aufladen dürfen", sagt die Apothekerin. Die schickt sie wieder weg.

Über Lautsprecher appellierten die Veranstalter an alle Teilnehmer: "Lasst euch bitte nicht provozieren!" Auch Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker hatte schon am Freitag darum gebeten, die Demonstranten mögen "ausschließlich friedlich die eigene politische Ansicht artikulieren".

Faysal Barlak ist am Samstagmorgen aus Krefeld nach Köln gekommen. "Es ist sehr schwer, uns zu provozieren", sagt der 36-Jährige und lacht. Er trinkt Kaffee an einem Kiosk am Zugweg und hält das Großaufgebot der Polizei für übertrieben. "Wir sind friedliche Leute. Hier gehen Familien mit und viele kleine Kinder. Die Leute, die hier heute auf der Straße sind, wollen keinen Krieg — sie haben einfach keinen Bock mehr, von anderen regiert zu werden." Viele Kurden würden sich große Sorgen um ihre Verwandten machen. Vor einer Woche war die türkische Armee in die syrische Region Afrin einmarschiert.

Demonstration wird aufgelöst

Es ist kurz nach 14.30 Uhr, als die Polizei sich dazu entschließt, die Demo noch vor der Rückkehr zum Ebertplatz aufzulösen. "Es gab immer wieder Verstöße gegen das Versammlungsgesetz, immer wieder wurden verbotene Symbole gezeigt", sagt ein Sprecher. Zwei Teilnehmer kommen in Gewahrsam, weil sie Fahnen mit verbotenen Motiven verteilt haben sollen. Die Versammlung sollte dann "kontrolliert aufgelöst" und die Demo-Teilnehmer, die aus ganz Deutschland angereist waren, zu ihren Bussen begleitet werden.

Faysal Barlak aus Krefeld am Rande der Demo in Köln. Foto: Claudia Hauser

Ganz ruhig blieb es aber dann doch nicht: Zwischen einzelnen kurdischen Demonstranten und der Polizei ist es noch nach dem Abbruch des Protestzuges zu Rangeleien gekommen. Mehrere Hundert Menschen sind auf einem Platz in der Nähe des Hauptbahnhofs zusammengekommen, um dort doch noch eine Abschlusskundgebung zu halten, schilderten Augenzeugen. Eine Polizeisprecherin sagte, Demonstranten hätten Fahnen auf Beamte geworden, und es habe körperliche Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Polizisten gegeben. Die Beamten hätten Pfefferspray eingesetzt.

In der Nordstadt setzt sich am frühen Nachmittag langsam ein zweiter Trupp in Bewegung: Mehrere Radfahrer in rot-weißer Kluft radeln auf dem gesperrten Ring in Richtung Aachener Straße. Der 1. FC Köln spielt gegen Augsburg.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Köln: Kurden demonstrieren gegen türkische Angriffe

(hsr)
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