Köln: WDR holt Zeitzeugen per App ins Klassenzimmer

„Es war die Hölle“: App holt Weltkriegs-Zeitzeugen ins Klassenzimmer

Mit einer App können Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus ihr Leben für Schüler virtuell erlebbar machen – und per Holografie im Geschichtsunterricht erscheinen. In Köln stellte der WDR das Projekt vor.

Anne Priller-Rauschenberg kann die Angst noch fühlen, die sie hatte, als Köln im Mai 1942 von britischen Bombern angegriffen und großflächig zerstört wurde. Mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter versteckte sich die damals Zwölfjährige im Bunker. „Es war die Hölle. Ich erinnere mich an Feuer, Hitze, kein Essen, keinen Schlaf, nur Angst“, sagt sie am Montag im Werkraum des Genoveva-Gymnasiums in Köln-Mülheim. „Die heiße Luft im Hals war grauenhaft, der ganze Funkenflug. Wenn heute Schneeflocken fallen, das waren damals Funken.“

Sie kann das erzählen, als sei es gestern gewesen, sagt sie. „Das ist alles wie eingebrannt.“ Und so lange sie kann, will die 88-Jährige ihre Geschichte weitergeben. „Das darf nicht verloren gehen.“ Sie erzählt vor allem Jugendlichen unermüdlich vom Zweiten Weltkrieg und besucht regelmäßig Schulen. „Die Schüler müssen aufmerksam bleiben, damit das, was wir erlebt haben, nicht wieder passiert“, sagt sie.

Die Kölnerin und weitere Zeitzeugen können nun noch mehr Zuhörer erreichen: Die vom WDR entwickelte App „WDR AR 1933-1945“ holt sie über Smartphone oder Tablet direkt in den Geschichtsunterricht – oder ins Wohnzimmer. Die Kameras der Geräte nehmen die Umgebung auf, die App setzt dann eine Holografie hinein - Anne Priller-Rauschenberg erscheint in einem Sessel sitzend dann etwa mitten im Klassenzimmer. „Ermöglicht wird das durch eine Technik aus dem Bereich der Augmented Reality, die zwischen realem Raum und virtuellen Bildern eine Verbindung schafft“, sagt Maik Bialk, Leiter der WDR-Redaktion Doku und Digital. Zwei Jahre lang hat er mit seinem Team an der Entwicklung der App gearbeitet. An dem Verfahren war auch die Hochschule Düsseldorf beteiligt.

Anne Priller-Rauschenberg mit App-Entwickler Maik Bialk (l.) und WDR-Intendant Tom Buhrow. Foto: dpa/Federico Gambarini

„Es gibt viele Dokumente aus der Zeit, aber wir wollten das Erleben auf andere Art und Weise darstellen“, sagt er. Vor allem suchte das Team nach einer Form, die bei Jugendlichen funktioniert. Die Videos sind drei bis vier Minuten lang, sie zeigen auch den Funkenflug, die Bomber und das zerstörte Köln. „Wir wollten sie aber nicht überfrachten“, sagt Bialk. Die App soll das Interesse der Schüler wecken, sie berühren. „Im besten Fall beschäftigen sie sich dann weiter mit dem Thema, wollen ihr Wissen mit Büchern vertiefen.“

Michael Rudolph leitet das Genoveva-Gymnasium und ist überzeugt von der App: „Wir müssen gegen das Vergessen angehen und schauen, wie wir die Schüler dazu bringen, zu sagen: Das interessiert mich.“ Lurian und Burak, 17 und 18 Jahre alt, besuchen die Oberstufe der Schule. Sie haben die Videos schon gesehen. „Die App ist viel cooler als ein trockenes Geschichtsbuch, weil wir einen besseren Einblick bekommen, was die Menschen erlebt und gefühlt haben“, sagt Lurian. Sein Klassenkamerad sagt: „Wenn man historische Ereignisse von Zeitzeugen hört, kann man eine viel größere Empathie entwickeln, weil die Geschichten sehr berührend sind.“

250.000 Euro hat der WDR in die Entwicklung und die technische Umsetzung der App gesteckt. „Früher hätte man einen Fernseher ins Klassenzimmer gerollt und eine 45-minütige Doku abgespielt. Das funktioniert aber heute nicht mehr“, sagt WDR-Intendant Tom Buhrow. „Wir stehen am Anfang einer Zeit ohne Zeitzeugen. Es ist eine wichtige Aufgabe, das, was sie zu sagen haben, zu konservieren.“

Die App „WDR AR 1933-1945“ kann für iOS kostenlos heruntergeladen werden, die Version für Android folgt im März. Sie wird ab dem 19. Februar auf der Bildungsmesse Didacta in Köln vorgestellt. Drei Geschichten von Zeitzeugen wurden bisher produziert. Nach und nach kommen weitere hinzu, unter anderem haben die Dokumentarfilmer zwei Freundinnen von Anne Frank in Israel besucht.

Mehr von RP ONLINE