Köln: Viereinhalb Jahre Haft für Ebay-Täter

Haftstrafe für eBay-Angreifer : „Geh da jetzt rein, sonst steche ich dich ab!“

Vor dem Kölner Landgericht ist ein 59-Jähriger zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Er war über eine Frau hergefallen und hatte sie lebensgefährlich verletzt. Sie hatte ihn in ihre Wohnung gelassen, weil er sich auf ihre Ebay-Verkaufsanzeige gemeldet hatte.

Dietmar H. sitzt der Frau, die er Ende August vergangenen Jahres in Todesangst versetzt und lebensgefährlich verletzt hat, an diesem letzten Verhandlungstag im Landgericht Köln gegenüber. Anschauen wird er die 41-Jährige den ganzen Vormittag nicht, seine Reue und seine Scham hat die Strafkammer ihm abgenommen. 25.000 Euro hat der 59-Jährige als Wiedergutmachung bezahlt. Doch das Leben von Clara O. (Name geändert) und ihrer Familie ist seit jenem Tag komplett verändert. Verzeihen kann sie dem Täter nicht.

Dietmar H. kam an jenem Tag zu ihr, weil er angeblich ein Kinderbett kaufen wollte, das die zweifache Mutter bei Ebay-Kleinanzeigen angeboten hatte. Er hatte mehrere Frauen angerufen, fand Clara O.s Stimme interessant und war neugierig, wie sie aussieht. Die Staatsanwaltschaft hatte ihn wegen Raubes angeklagt, im Laufe des Verfahrens stellte sich aber heraus, dass es H. nie um Geld ging. Als er die Wohnung der Frau betrat, hatte er Nylonstrümpfe, ein Messer und Kabelbinder bei sich. Sein Plan war, die Frau zu zwingen, die Strümpfe anzuziehen und vor ihr zu masturbieren. „Er wollte Macht, Kontrolle und Dominanz ausüben“, sagt der Vorsitzende Richter.

Sie warf das Messer aus dem Fenster

Clara O. wollte H. gerade zeigen, wie er das Kinderbett zusammen bauen muss, als er sie angriff. Doch die Frau wehrte sich. Sie schrie und schlug und trat, war in völliger Panik kurz davor, aus dem offenen Fenster der Wohnung im ersten Stock zu springen, dachte dann aber an ihre kleine Tochter, die bald aus der Schule nach Hause kommen sollte. H. wollte die Frau immer wieder ins Bad drängen, sich mit ihr dort einschließen, damit die Nachbarn ihre Schreie nicht hörten. „Geh da jetzt rein, sonst steche ich dich ab!“, sagte er. Erst da bemerkte sie das Messer in seiner Hand, er stach zu, verletzte sie schwer. Clara O. schaffte es trotzdem, ihm das Messer zu entreißen und es aus dem Fenster zu werfen. Unten auf der Straße wurden der Postbote und ein Taxifahrer aufmerksam. Mit einem Nachbarn gelang es ihnen, den flüchtenden Täter zu überwältigen.

Viereinhalb Jahre soll H. nun wegen besonders schwerer sexueller Nötigung und gefährlicher Körperverletzung in Haft. Die Staatsanwaltschaft hatte sieben Jahre und neun Monate Gefängnis gefordert. Clara O. hatte im Prozess gesagt: „Ich bin zerstört durch die Tat.“ Sie leidet unter Angst-und Panikattacken, ist nicht mehr ausgelassen und unbekümmert wie früher, sondern still, verunsichert und zurückgezogen, wie der Vorsitzende sagt.

Die wichtigsten Gründe für die Tat sind offenbar in der Kindheit des Täters zu finden, der keine Berufsausbildung hat und zuletzt als Fahrer gearbeitet hatte. Schon früh entwickelte er ein Ohnmachtsgefühl gegenüber Frauen, wie das Psychiatrische Gutachten im Prozess deutlich machte. Dietmar H. wuchs bei seiner gewalttätigen Mutter auf, die als Prostituierte arbeitete und keine Rücksicht darauf nahm, ob der Zehnjährige mitbekam, was sie in der Wohnung tat. Als „Christine“ trug sie eine blonde Perücke – der Angeklagte sagte, die blonden Haare und die Stimme von Clara O. hätten ihn an seine Mutter erinnert. Seine alte Wut und die Ohnmacht seien da wieder hochgekommen. „Er hat sie auf das Opfer projiziert“, sagt der Vorsitzende in der Urteilsbegründung.

Ermittler entdeckten Vergewaltigungs-und Tötungsvideos auf H.s Computer. Die zeigten zwar seine sexuelle Perversion, dass er Clara O. vergewaltigen und töten wollte, lasse sich allerdings nicht klar feststellen, sagt der Richter. Zumal H. seit Jahren impotent und seit einer Erkrankung schwerbehindert ist. Er soll auch vor dieser Tat schon Frauen angerufen und obszön beleidigt haben, die Ermittlungen dazu laufen noch. Seine drei Kinder haben sich von ihm abgewendet, er ist zweimal geschieden.

Clara O. leidet unter einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung. „Auch ihr Mann und die Kinder sind beeinträchtigt“, sagt der Vorsitzende. „Das gesamte Familienleben ist durch die Tat aus den Angeln gehoben worden.“ Dietmar H. will das Urteil nicht akzeptieren. Seine Verteidiger kündigten schon Revision an.

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