Köln: Streit um den Grüngürtel entbrannt

Streit um Adenauers Erbe : Soll der 1. FC Köln auf dem Grüngürtel Fußballfelder bauen?

Konrad Adenauer hat den Kölnern ein Wald- und Wiesenband um die Innenstadt hinterlassen: den Grüngürtel. Der sorgt jetzt für heftigen Streit, denn der FC will Fußballfelder darauf bauen - Bürgerinitiativen halten dagegen.

Die Kölner lieben ihren Dom, ihren Karneval und ihr Kölsch. Aber wenn man gerade die Jüngeren mal fragen würde, was ihnen im Alltag in der Stadt am wichtigsten ist, dann käme wohl sehr oft die Antwort: der Grüngürtel. Das ist ein Band von Park-, Wald- und Wiesenstücken, das sich im Halbkreis um das Stadtzentrum legt. An schönen Sommertagen ist es dort so voll wie im Freibad. Doch jetzt ist ein erbitterter Kampf um die grüne Lunge entflammt. Und dabei steht eine andere Kölner Ikone in der Kritik: der FC.

Der Bundesligist will auf der Gleueler Wiese mitten in dem Landschaftsschutzgebiet Kunstrasenplätze für den trainierenden Nachwuchs und ein modernes Leistungszentrum bauen. Jahrelang köchelte das Thema auf kleiner Flamme vor sich hin. Doch in diesem Jahr hat sich die Situation im Zuge der Klimadebatte mächtig aufgeheizt. Der Grüngürtel, von dem der Architekt Albert Speer junior (1934-2017) einmal sagte, dass er das Potenzial zum „Central Park für die Kölner Bürger“ besitze, ist zum Politikum geworden.

Die Bürgerinitiative „Grüngürtel für alle“ spricht von einem „weltweit einzigartigen Naturraum“. Fakt ist, dass der Grüngürtel - aufgeteilt in einen Inneren und einen Äußeren - auf eine einzigartige Geschichte zurückblickt: Als westlichste deutsche Metropole war Köln zur Kaiserzeit zu einer gepanzerten Festung ausgebaut worden. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde dieser Militärring 1920 - also vor fast genau 100 Jahren - gesprengt. Danach kam Oberbürgermeister Konrad Adenauer die zündende Idee: Der spätere Bundeskanzler ließ auf dem ehemaligen Todesstreifen einen Grasteppich ausrollen - der Grüngürtel entstand. Adenauers Vision: Auch arme Kölner, die keine Reisen machen konnten, sollten hier die Natur erleben - aber auch Sport treiben.

Heute bangt Adenauers gleichnamiger Enkel um das Erbe seines Großvaters. Bei den Ausbauplänen des FC handele es sich um eine „Todsünde gegen die Gesundheit der Kölner“. Konrad Adenauer: „Die Raupe FC wird nie zufrieden sein und immer weiter "Grün" fressen, wie die Vergangenheit zeigt.“ So wie er denken viele. Rita Hahn nutzt das Gelände nach eigenen Worten fast jeden Tag als Spaziergängerin: „Was mich am meisten an den Ausbauplänen des FC stört, ist, dass hier ein Stück Natur in Stadtnähe zerstört wird, um den Interessen eines Profi- Fußballvereins zu dienen.“ Die Wiese habe an Hitzetagen eine wichtige Abkühlungsfunktion für die angrenzenden Stadtteile, ergänzt Friedmund Skorzenski, Vorstandssprecher der Bürgerinitiative.

Der 1. FC Köln versteht die Welt nicht mehr. „Wir wollen kein Atomkraftwerk bauen, sondern Fußballplätze. Und wir wollen auch nicht den Grüngürtel zerstören“, sagt FC-Sprecher Tobias Kaufmann. Den betrachte auch der FC als „kölsches Kulturgut“. Es gehe hier um nicht mehr als eine einzige Wiese. „Diese Wiese wird nicht oder nur kaum genutzt.“ Und Tatsache sei nun mal, dass sich hier seit 1953 die Vereinszentrale befinde, das Geißbockheim. Das Trainingsgelände sei aber inzwischen viel zu klein. Ein Ausweichen auf einen anderen Standort sei praktisch kaum möglich und auch nicht sinnvoll: „Wir finden es sehr wichtig, dass unsere Profis auf dem Gelände am Geißbockheim weiter auf die elfjährigen Nachwuchsspieler treffen und umgekehrt.“ Und zwischen zwei Standorten hin- und herzupendeln, sei ja nun auch nicht gerade klimafreundlich.

Wie sehr das Thema die Kölner elektrisiert, zeigt sich daran, dass mehr als 7000 von ihnen eine schriftliche Eingabe dazu gemacht haben - das ist die mit weitem Abstand höchste Zahl in der Stadtgeschichte. Ein Beschluss des Stadtrats in der Sache ist vorerst nicht in Sicht, der Grüngürtel dürfte nächstes Jahr das große Kommunalwahlthema werden. Die parteilose Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker - die unter anderem von den Grünen unterstützt wird - ist bereits umgeschwenkt: Sie war zunächst für den Ausbau, jetzt ist sie dagegen. „Ich würde mir wünschen, dass wir im Einvernehmen mit dem FC einen anderen Platz finden“, sagte sie. Eine Mehrheit im Stadtrat unterstützt allerdings bisher die FC-Pläne.

So stehen sich beide Seiten frontal gegenüber. „Es geht soweit, dass der Streit einzelne Familien spaltet“, berichtet Skorzenski von der Bürgerinitiative. Er sei entschlossen, notfalls den Klageweg zu beschreiten - bis in die oberste Instanz. Dabei habe er rein gar nichts gegen den Verein - im Gegenteil: „Ich habe an meinem Auto doch auch einen FC-Aufkleber drauf.“

(ham/dpa)