Köln: Sieben Angeklagte sollen Opfer wie Sklaven behandelt haben

Prozess in Köln : „Wie einen Sklaven behandelt und erniedrigt“

Sieben junge Frauen und Männer müssen sich in Köln wegen Freiheitsberaubung verantworten. Sie sollen einen 25-Jährigen tagelang eingesperrt und wie einen Sklaven behandelt haben.

Zehn Minuten hält Timo P. (Name geändert) es aus. Er beantwortet alle Fragen des Vorsitzenden Richters. Dann stockt der 25-Jährige, er senkt seinen Kopf, legt beide Hände aufs Gesicht und sagt leise: „Es funktioniert gar nicht.“ Der Prozess vor dem Kölner Landgericht wird erst einmal unterbrochen.

Vier Monate ist es her, dass Timo P. die sieben Angeklagten zuletzt gesehen hat. In einer Wohnung in Köln-Ehrenfeld, er war zum ersten Mal dort. Er wollte sich mit Sarah S. treffen, einer 30 Jahre alten Frau, die er über Facebook kennengelernt hatte. Doch mit ihr warteten zwei weitere Frauen und vier junge Männer, sie sind zwischen 16 und 34 Jahre alt. Fast alle waren zum Tatzeitpunkt obdachlos. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen unter anderem Freiheitsberaubung, Raub und Körperverletzung vor. Sie sollen Timo P. eingesperrt, geschlagen und gedemütigt haben, fünf Tage lang. Die ganze Zeit über bekam er nichts zu essen, sie gaben ihm laut Anklage nur Wasser, fesselten ihn mit Paketband an einen Stuhl und schlossen ihn in einem Zimmer ein. Timo P. ist Epileptiker und arbeitet in einer Behindertenwerkstatt. Die Angeklagten sollen ihn „wie einen Sklaven behandelt und erniedrigt haben“, wie es in der Anklage heißt.

Sechs der sieben Angeklagten legen am Dienstag Geständnisse über ihre Verteidiger ab. „Sie treten den Vorwürfen der Anklage nicht entgegen“, lassen die Anwälte das Gericht wissen. Sie geben zu, Timo P. am 3. Februar dieses Jahres zuerst sein Handy, seine Turnschuhe, seine Uhr, seine Kappe und Kopfhörer abgenommen zu haben. Sie schlugen und traten ihn gegen Kopf und Oberkörper, zwangen ihn dazu, nackt die Wohnung zu putzen, Wäsche zu waschen, Müll zu sortieren. Sie fotografierten ihn, nachdem sie ihn dazu gebracht haben, einen Damenslip über den Kopf zu ziehen und einen Bikini anzuziehen. Timo P. machte aus Angst vor weiteren Schlägen alles mit. Nachts musste er sich auf eine Isomatte neben das Katzenklo legen.

Timo P.s Leben ist seit der Tat ein anderes. „Es ist schwer geworden einzuschlafen“, sagt er. „Ich habe Angst, dass nachts jemand zur Tür reinkommt oder mich schlägt. Oder dass wieder jemand einen Wasserschlauch auf mich hält.“ Auch das haben die Angeklagten getan, sie haben ihn mit eiskaltem Wasser abgespritzt. Er spricht leise und versucht, sich auf die Fragen des Vorsitzenden zu konzentrieren, dabei knetet er nervös seine Hände.

Nach fünf Tagen gelang ihm damals im Februar schließlich die Flucht. Als er allein in der Wohnung war, hatte er es geschafft, sich zu aus den Fesseln zu befreien. Er sammelte sämtliche Decken zusammen, die er finden konnte, knotete ein Seil daraus und seilte sich aus einem Fenster im zweiten Stockwerk ab.

Nachdem er am Dienstag den Gerichtssaal verlassen hat, raucht er vor dem Gebäude eine Zigarette. „Alles kommt wieder hoch“, hatte er dem Vorsitzenden gesagt. „Ich habe Albträume und höre Stimmen.“ Noch wartet er auf einen Therapieplatz, um alles verarbeiten zu können. Das Motiv der Angeklagten ist noch unklar.

Ende Juni will die 15. Große Strafkammer ein Urteil verkünden. Eine der inhaftierten Angeklagten, 18 Jahre alt, ist im achten Monat schwanger, sie schäme sich für die Tat, sagt sie am Dienstag unter Tränen. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

Mehr von RP ONLINE