Köln: Rizin in Wohnung gefunden - Tunesier soll Bio-Waffe gebaut haben

Giftwaffen-Labor mitten in Köln entdeckt: CIA gab offenbar entscheidenden Hinweis auf Sief Allah H.

Mitten in Köln soll ein Mann wochenlang an einer Bio-Waffe gebastelt haben. Sicherheitskräfte fanden in seiner Wohnung das Gift Rizin. Schon eine geringe Dosis kann tödlich sein. Der entscheidende Tipp kam wohl von der CIA.

Wer ist der Verdächtige?

Sief Allah H. lebt mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern in einem 18-stöckigen Mehrfamilienhaus in Köln-Chorweiler. Nach Angaben der Ermittler ist er 29 Jahre alt und tunesischer Staatsangehöriger. In Ermittlerkreisen hieß es, H. sei Ende 2016 nach Deutschland eingereist. Der Generalbundesanwalt wollte das nicht bestätigen.

Wie ist der Stand der Ermittlungen?

Der Tunesier soll vorsätzlich eine biologische Waffen hergestellt haben. Nach Erkenntnissen der Ermittler beschaffte er sich die erforderlichen Materialien ab Mitte Mai. Zum Beispiel habe er bei einem Internethändler 1000 Rizinussammen und eine elektrische Kaffeemühle erworben, sagte ein Sprecher der Generalbundesanwaltschaft. Anfang Juni habe Sief Allah H. angefangen, aus den Materialien das Gift Rizin herzustellen.

Was war der Plan?

Sief Allah H. soll sich die notwendigen Materialien für eine Rizin-Bombe bestellt haben und dabei einer Anleitung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gefolgt sein. Das berichtet das Magazin „Spiegel“. Der Generalbundesanwalt erklärt dazu, dass der 29-Jährige möglicherweise eine „schwere staatsgefährdende Gewalttat“ vorbereitet habe. Es handle sich aber um einen Anfangsverdacht. Ob der Tunesier einen islamistisch motivierten Anschlag begehen wollte, sei „nicht abschließend geklärt“. Anhaltspunkte für eine „konkretisierte Anschlagplanung“ gebe es bisher nicht. Laut „Focus“ stufen die Sicherheitsbehörden den Tunesier als Kämpfer der Terrormiliz IS ein.

Wie flog der Plan auf?

Der 29-Jährige soll zunächst unauffällig in Deutschland gelebt haben. Die Sicherheitsbehörden hätten aber einen Hinweis aus den USA erhalten, schreibt die „Bild“-Zeitung. Demnach soll der US-Geheimdienst CIA die Online-Einkäufe des Kölners bemerkt haben. Sief Allah H. sei dann observiert worden. Am Dienstag wurde er festgenommen. NRW-Innenminster Herbert Reul (CDU) rechtfertigte diese Strategie gegenüber unserer Redaktion so: „Es muss in solchen Situationen immer wieder abgewogen werden, ob man noch abwarten kann, um mehr Erkenntnisse zu sammeln oder ob man Gefahr abwenden und schnell handeln muss.“ Spezialkräfte durchsuchten in Schutzanzügen und mit Atemschutzmasken die Wohnung der Familie in Köln-Chorweiler. Dabei fanden sie das Rizin. Am Mittwoch erließ der Bundesgerichtshof Haftbefehl gegen Sief Allah H..

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Wie gefährlich ist Rizin?

Es wird aus dem Samen des Wunderbaumes gewonnen und ist „eine extrem giftige Substanz“, sagt der Toxikologe Fritz Sörgel von der Universität Duisburg-Essen. Eine geringe Dosis könne schon innerhalb von 48 bis 72 Stunden tödlich sein. Betroffene würden an Organversagen sterben. Das Gift könne über die Luft verbreitet werden, dann werde es eingeatmet, es könne aber auch ins Essen gemischt oder direkt ins Blut gespritzt werden. 1000 Samen könnten ausreichend, um zum Beispiel eine Menschenmenge in einem Raum zu vergiften.

Was sind die Symptome?

Die ersten Anzeichen einer Vergiftung sind zum Beispiel Fieber, Übelkeit und Bauchschmerzen. „Das ist das Teuflische an Rizin, dass eine Vergiftung nicht sofort zu erkennen ist.“ Eine spezifische Therapie gebe es nicht. Es könne nur versucht werden, die Organfunktionen solange aufrecht zu erhalten, bis der Körper das Gift abgebaut habe. Das Robert Koch-Institut (RKI) stuft Rizin als „potenziellen biologischen Kampfstoff“ ein. Handel und Umgang mit der Reinsubstanz sind nach dem Chemiewaffen-Übereinkommen von 1997 beschränkt.

Gab es schon Rizin-Anschläge?

Vor einigen Wochen wurden in Frankreich zwei Brüder festgenommen. Die jungen Männer ägyptischer Herkunft sollen nach Angaben des französischen Innenministeriums einen Anschlag entweder mit Sprengstoff oder mit Rizin vorbereitet haben. Sörgel erinnert auch an den Fall von Georgi Markow. Der bulgarische Journalist wurde 1978 in London mit Rizin vergiftet, indem ihm mit einem Regenschirm in die Wade gestochen wurde - die Spitze des Regenschirms war mit dem Gift präpariert worden. In Deutschland sei ihm dagegen noch kein Fall bekannt, sagt Sörgel, der seit mehr als 30 Jahren als Toxikologe arbeitet. Vielen Fernsehzuschauern ist das Gift auch durch die TV-Serie „Breaking Bad“ bekannt, weil Hauptcharakter Walter White versucht, mit Rizin einen Drogenhändler umzubringen.

Wie reagiert NRW?

Im Umfeld des Innenministeriums heißt es, Behörden des Staatsschutzes hätten die Ermittlungen übernommen. Wahrscheinlich, aber nicht sicher ist, dass es Behörden des Bundes sind. NRW-Innenminister Herbert Reul sagte unserer Redaktion: „Ich bin ungeheuer froh, dass Bundesbehörden, Landesbehörden, Verfassungsschutz und Polizei so gut zusammengearbeitet haben und Informationen weiter gegeben wurden.“ Die Kölner Polizei habe „klug, professionell, aber auch schnell gehandelt“.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Polizei findet verdächtige Substanzen in Wohnung in Köln

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