1. NRW
  2. Städte
  3. Köln

Köln: Rapper soll Rocker beinahe getötet haben

Rapper Yamin wegen versuchten Mordes vor Gericht : „Ich habe gebetet, dass er nicht stirbt“

Was trieb einen sogenannten Gangsta-Rapper dazu, auf einen Rocker einzustechen, ihn fast zu töten? Im Prozess vor dem Kölner Landgericht kann der angeklagte Musiker Yarim die Frage nicht beantworten.

Der Prozess gegen den Kölner Rapper Yamin hat am Donnerstagmorgen noch nicht begonnen, da werden sämtliche verfügbaren Justizbeamte auf dem Flur gebraucht: „Ich töte dich!“ brüllt ein Zwei-Meter-Mann, dessen komplettes Gesicht tätowiert ist. Die Beamten kreisen ihn ein. Ein anderer hatte ihm ins Gesicht geschlagen – beide wollten den Prozess als Zuschauer verfolgen, müssen das Justizgebäude dann aber verlassen. Die Polizei kommt, sie zeigen sich gegenseitig wegen Körperverletzung an.

Der so genannte Gangsta-Rapper, 27 Jahre alt, klein, mit schwarzem Hemd und akkurat rasiertem Drei-Tage-Bart, muss sich wegen versuchten Mordes verantworten. Die Tat ist durch ein Video belegt, das eine Überwachungskamera in einem Kiosk im Kölner Stadtteil Zollstock aufgezeichnet hat. Die Aufnahmen zeigen, wie Yamin mit großer Wucht von hinten mit einem Messer auf Ercan P. (Name geändert) einsticht. Der bricht zusammen, rafft sich noch einmal auf und folgt Yamin nach draußen. Der Rapper stellt sich kurz darauf der Polizei.

  • Köln : Rocker-Prozess: Sechs Hells Angels verurteilt
  • Prozess um Fall einer verletzten 19-Jährigen : "Bitte hilf mir! Ercan bringt mich um!"
  • Prozess in Düsseldorf : Hells-Angels-Rocker bestreitet vor Gericht Vergewaltigung seiner Freundin

Der 37 Jahre alte Mann – mutmaßlich Mitglied der Hells Angels – verlor bei der Tat im Oktober vergangenen Jahres dreieinhalb Liter Blut, schwebte in Lebensgefahr und musste zweimal notoperiert werden. Ein Stich in seine Augenbraue traf einen Sehnerv, er kann seit der Tat auf dem linken Auge nichts mehr sehen. Im Prozess tritt der Rocker als Nebenkläger auf. Als der Angeklagte Platz genommen hat, fixieren sich beide mit Blicken. Die Anwältin von Ercan P. legt ihre Hand auf seinen Arm und redet beruhigend auf ihn ein.

„Ich konnte keinem Tier etwas tun“

Bevor Yamin sich zur Tat äußert, hat Ercan P. das Gericht schon verlassen, er habe Kopfschmerzen. Yamin hatte zuvor aber über seinen Verteidiger schon mitteilen lassen, dass er bereit sei, ein Schmerzensgeld zu zahlen und er die Tat bereue. Später sagt er: „Ich konnte vorher keinem Tier etwas zu Leide tun, ich habe im Knast geweint und gebetet, dass er nicht stirbt.“ Ercan P. habe drei Kinder, „das hätte ich mir niemals verzeihen können“, sagt er.

Doch warum ging er mit einem Messer mit 15 Zentimeter Klinge hinterrücks auf den Rocker los?

„Ich wollte ihm eine Abreibung verpassen“, sagt er. Er sei wütend gewesen, gar nicht bei sich, hätte Angst gehabt. Er versucht dem Vorsitzenden Richter zu erklären, wie es ist „sich Einbildungen zu schieben“. Er habe zu viel gekokst in der Zeit, auch gekifft, hätte einen regelrechten Verfolgungswahn entwickelt – sogar vor seiner eigenen Familie habe er Angst gehabt. „Ich konnte das Essen meiner Verlobten nicht essen, weil ich dachte, sie hätte es vergiftet.“

Am Tattag sei er auf dem Weg ins Musikstudio gewesen, habe kurz am Kiosk gestoppt, um „eine Capri-Sonne zu kaufen“. Ercan P. und ein paar andere Bekannte waren dabei, Stühle nach draußen zu räumen, Yamin half, bekam dann wieder Wahnvorstellungen, wie er sagt. „Hinten war eine Baustelle, ich hatte plötzlich das Gefühl, sie reden hinter meinem Rücken über mich und wollen mich dort begraben“, sagt er. Dann habe er „zufälligerweise in seinen Rücken gestochen.“ Das Messer habe er wegen seiner „Realitätsschwankungen“ schon seit zwei Tagen bei sich gehabt, um sich im Notfall verteidigen zu können.

Opfer stand vor kurzem selbst vor Gericht

Nach einem Motiv fragt der Vorsitzende Richter an diesem ersten Prozesstag vergeblich. Der Angeklagte erzählt noch etwas von einem Rap-Video, das er gedreht habe und worüber sich einige der Rocker geärgert hätten, weil er sie angeblich darin „verraten hätte“. Doch niemand scheint ihn explizit bedroht zu haben – in der Realität zumindest nicht, womöglich aber in seiner Vorstellung. Was in seinem Kopf abgegangen sei, sagt er, wünsche er nicht seinem größtem Feind.

Das Opfer war vor einiger Zeit selbst angeklagt in einem Prozess um Drogenhandel im Rockermilieu und war dort zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden.

Am kommenden Dienstag wird der Prozess mit seiner Zeugenaussage fortgesetzt. Ein Urteil ist für Ende August geplant.