Köln: Missbrauchsfall in NRW weitet sich aus

Kinderporno-Ermittlungen in NRW weiten sich aus : „Ein Missbrauchsverfahren solchen Umfangs hatten wir in Köln noch nicht“

Sie sollen ihre eigenen Kinder sexuell missbraucht und Videos der Taten mit Hunderten anderen in Handy-Chats geteilt haben. Sechs Männer wurden festgenommen, doch die Ermittlungen stehen erst am Anfang.

Als Kölns Polizeipräsident Uwe Jacob am Mittwochnachmittag vor die Presse tritt, sagt er: „Es ist das eingetreten, wovon wir alle gehofft hatten, dass es nicht eintreten wird.“ Innerhalb weniger Tage hat sich der Missbrauchsfall von Bergisch Gladbach derart ausgeweitet, dass das Ermittler-Team von 20 auf mehr als 130 Polizeibeamte aufgestockt wurde. „Es gibt weitere Opfer schwersten sexuellen Missbrauchs“, sagt Jacob. Acht Kinder zwischen elf Monaten und elf Jahren sind die bisher bekannten Opfer – es ist zu befürchten, dass es noch mehr werden.

Und auch die Zahl der Beschuldigten dürfte sich weiter erhöhen. Nachdem am Dienstagabend ein 38-Jähriger in Krefeld festgenommen worden war, durchsuchte die Polizei in der Nacht zwei Wohnungen in Aachen und Viersen und nahm einen 39 Jahre alten Mann in Aachen fest. Dort leben seine Kinder, er selbst hat eine Wohnung in Viersen. Der Mann aus Krefeld hatte die Beamten in ersten Vernehmungen auf die Spur dieses Mannes gebracht. In beiden Fällen werden die Voraussetzungen für Haftbefehle noch geprüft. Innerhalb einer Woche wurden nun sechs Männer festgenommen, fünf kommen aus NRW, einer aus Hessen. Sie alle sind verdächtig, teilweise ihre eigenen Kinder und Stiefkinder schwer sexuell missbraucht zu haben. Es gibt Videos und Bilder der Taten, die in Handy-Chats getauscht wurden. Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer spricht von „einer bisher unbekannten Anzahl von Personen“, die in diesen Chats miteinander in Kontakt standen.

Die Ermittler der Sonderkommission „Berg“ sichten die Bilder und Videos und werten sie aus. Es sind Tausende Daten, die Polizei spricht von mehr als drei Terabyte Bildmaterial. Polizeipräsident Jacob sagt: „Allein auf einem Handy haben wir 469 Chats entdeckt mit 113.000 Nachrichten.“ Ein einzelner Beamter bräuchte etwa 100 Tage, um allein dieses Handy auszuwerten. 1800 Teilnehmer haben in diesen Chats kommuniziert – viele anonym. „Wir müssen jeden einzelnen überprüfen“, sagt Jacob. Für die Beamten sei die Arbeit eine besondere Belastung. „Wir haben jede Menge Sexspielzeug sichergestellt und Fesselmaterialen, wir haben auch Liebesbriefe in Kinderhandschrift gefunden – die Täter sind besonders perfide vorgegangen“, sagt Jacob. Bremer spricht wegen der Menge der Dateien von einer „Mammutaufgabe“ für die Ermittler, die derzeit im Schichtdienst an der Aufklärung arbeiten.

Der erste bekannte Tatort wurde übers Wochenende gerade ein zweites Mal durchsucht. Es ist das Haus eines 42 Jahre alten Familienvaters in Bergisch Gladbach. Die Ermittler haben sowohl das Gebäude als auch den Garten und ein Gartenhaus mit Hilfe von Datenspürhunden erneut abgesucht. Die speziell ausgebildeten Hunde waren erst im Oktober von NRW-Innenminister Herbert Reul vorgestellt worden. „Sie waren jetzt schon sehr erfolgreich“, sagt Jacob. Die Spürhunde haben Datenträger in erheblichem Umfang gefunden, wie Oberstaatsanwalt Bremer bei der Pressekonferenz sagt. „Die Datenträger enthalten beweiserhebliches, kinderpornografisches Material.“ Auch diese Auswertung sei aber noch nicht abgeschlossen. Die Hunde sollen nun auch alle anderen mutmaßlichen Tatorte durchsuchen. Es sind ehemalige Rauschgiftspürhunde, die darauf trainiert wurden, Handys, USB-Sticks und andere Datenträger aufspüren zu können.

Nach den ersten Festnahmen von vier Männern zwischen 26 und 42 Jahren in der vergangenen Woche in Bergisch Gladbach, Langenfeld, in Wesel und in Wiesbaden hatte die Kölner Polizei den Fall wegen seiner Komplexität übernommen. Alle Verfahren, die eingeleitet werden, sollen bei der Zentral- und Ansprechstelle  Cybercrime der Kölner Staatsanwaltschaft gebündelt bearbeitet werden. Der Täterkreis konzentriert sich zwar im Moment auf Nordrhein-Westfalen, mit Ausnahme des Manns aus Hessen; doch in den Chats gebe es etwa auch Nachrichten in nicht-deutscher Sprache, wie Jacob sagt. Auch die Verfasser dieser Nachrichten müssen nun identifizert werden.

„Ein Missbrauchsverfahren solchen Umfangs hatten wir in Köln noch nicht“, sagt Jacob. Und die Ermittlungen stehen noch ganz am Anfang.

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