Konzertbericht aus Köln „Verdamp lang her“ — mit Wolfgang Niedecken zurück in die 80er

Köln · Es war eine Zeitreise in die 80er-Jahre: Wolfgang Niedeckens Kölschrock-Band BAP schuf damals den Soundtrack der jungen Babyboomer-Generation. Und das Publikum ist immer noch textsicher, wie es nun beim Konzert des 72-Jährigen in Köln bewies.

Wolfgang Niedecken von BAP in Köln auf „Zeitreise 81/82“
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Wolfgang Niedecken und BAP in Köln auf „Zeitreise 81/82“

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Foto: dpa/Oliver Berg

„Verdamp lang her“, singt Wolfgang Niedecken, und „Verdamp lang her“ singen seine Fans im historischen Kölner Sartory-Saal. Beim größten aller BAP-Erfolge sind hier alle ganz textsicher. „Verdamp lang her“ - so könnte man den ganzen Abend überschreiben, denn kein Titel, der hier gespielt wird, ist jünger als 40 Jahre. Zur Begeisterung der Fans bringt die 1976 gegründete Kölschrock-Band nochmal alle Titel der beiden Durchbruchsalben „für uzzzeschnigge!“ und „von drinne noh drusse“. Verdamp lang her.

„Zeitreise 81/82“ lautet der Titel der ausverkauften Livekonzerte in dieser Woche. Nächstes Jahr folgt eine Tournee durch die ganze Republik mit Abstechern ins benachbarte Ausland. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Sache ein großer Erfolg wird. Denn es geht um weit mehr als ein Konzert. Es geht um eine Reise in die eigene Jugend.

Das Durchschnittsalter der hier Versammelten bewegt sich um die Pensionsgrenze. Viele Männer ohne Haupthaar, einige mit weißem Rauschebart. Vielleicht haben auch nicht alle damit gerechnet, dass dies ein Drei-Stunden-Konzert ohne Bestuhlung ist. Martin (57) aus Mülheim an der Ruhr hat an diesem Nachmittag Home Office gemacht und ist dann nach Köln abgebraust. Wie so viele hier ist er ein Fan der ersten Stunde: „Ich hab im Matheunterricht immer das BAP-Logo in meine Hefte gezeichnet. Die hab ich heut noch.“

Die Stücke sind leicht anders arrangiert, aber doch immer dicht an den Originalen. Von der ursprünglichen BAP-Besetzung ist nur Niedecken noch mit dabei. Der Mann auf der Bühne ist mit seinem Publikum gealtert. Die Babyboomer, für die er den Soundtrack ihres Lebens geschrieben hat, können sich in ihm wiedererkennen. Er hat Erfolge gelandet, aber er musste auch die eine oder andere Durststrecke durchstehen. Er hat beziehungsmäßig nochmal neu angefangen, aber jetzt sind auch die beiden Töchter aus der zweiten Ehe aus dem Haus. Einmal war es ganz knapp, da hatte er einen Schlaganfall. Aber er hat sich wieder berappelt und jetzt steht er hier auf der Bühne mit Vollbart und wallender grauer Mähne. 72 Jahre alt und noch immer sehr präsent. Ja, er teilt mit den Babyboomern auch den Leistungswillen, den man dieser Genetration so oft nachsagt.

Das ist Wolfgang Niedecken
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„Kristallnaach“, „Müsli Män“, „Schöne Jross“, „Do kanns zaubere“... Zwischen den Titeln plaudert Niedecken über die Zeit, in der sie entstanden. Anfang der 80er Jahre war das. Ost-West-Konflikt, Nato-Doppelbeschluss, Friedensbewegung, Hofgarten-Demo. Die größte Hassfigur der Linken damals war US-Präsident Ronald Reagan. Im Abstand von vier Jahrzehnten stellt sich so manches etwas anders dar.

„Der ganz naive Pazifismus ist dann doch irgendwie auf der Strecke geblieben“, räumt Niedecken ein, und die zustimmende Reaktion des Publikums zeigt, dass er damit nicht allein steht. Insgesamt fällt die politische Bilanz ernüchternd aus. Klar, die „Atomkraft? Nein danke“- Aufkleber, die damals neben der weißen Friedenstaube auf blauem Grund an jedem dritten Auto klebten, die sind inzwischen überflüssig geworden. Aber sonst?

Kurz vor 23 Uhr. „Die Lieder sind wie früher, aber der Rücken macht nicht mehr mit“, klagt Thomas (65) aus Düsseldorf, der sich vor dem Saal auf einen Stuhl gesetzt hat. Die große Mehrheit singt und klatscht aber noch immer mit. Martin aus Mülheim wirkt glücklich. „Es war eine Reise in die Vergangenheit wie bei meinem ersten BAP-Konzert in der Vestlandhalle in Recklinghausen“, sagt er. „Es war ein Abend voller Erinnerungen.“

(top/dpa)
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