Köln: IS-Anhänger steht wegen versuchten Totschlags vor Gericht

Prozess gegen IS-Anhänger in Köln : „Wenn ich gewollt hätte, hätte ich ihn geschlachtet“

Er bezeichnet sich selbst als Kämpfer der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ und gesteht vor dem Kölner Landgericht, einen Bekannten beinahe getötet zu haben. Reue zeigt Mohamed J. nicht - im Gegenteil.

Als Polizisten am 9. Oktober 2018 einen Mann im Kölner Stadtteil Kalk suchten, der gerade einen anderen mit einem Messer beinah getötet hatte, entdeckten sie ihn im Nebenraum einer Moschee in der Taunusstraße. Mohamed J. saß auf seinen Knien in dem Gebetsraum, mit geschlossenen Augen, das blutverschmierte Klappmesser neben sich. „Er war seltsamerweise ganz ruhig und entspannt“, sagt einer der Polizeibeamten am Montag im Zeugenstand des Kölner Landgerichts. „Es wirkte nicht so, als er hätte er gerade auf jemanden eingestochen.“

Genauso abgeklärt gibt sich Mohamed J. am ersten Prozesstag. Der 31-jährige Tunesier muss sich wegen versuchten Totschlags verantworten. Der Mann, den er niedergestochen hat, wurde notoperiert und hat überlebt. Er sitzt ihm am Montag in Saal 32 gegenüber, verlässt den Saal aber später, als der Angeklagte über die Tat spricht.

„Das ist nicht mein Anwalt“

Mohamed J. steht nicht auf, als die Richter und Schöffen der 21. Großen Strafkammer den Saal betreten, er setzt auch seine schwarze Kopfbedeckung nicht ab - und würdigt seinen Pflichtverteidiger keines Blickes. „Das ist nicht mein Anwalt“, sagt er. „Ich bin IS-Kämpfer und akzeptiere nur die Gesetze der Scharia. Ich verteidige mich selbst.“ Auf Anweisung des Vorsitzenden Richters nimmt er seine Kappe ab.

Der Angeklagte gibt die Tat zu. Achtmal soll er auf sein 28 Jahre altes Opfer eingestochen haben, an fünf bis sechs Stiche erinnert er sich, sagt Mohamed J. Er habe den Mann bewusst nicht getötet. „Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich ihn geschlachtet“, sagt er. „Wenn ich jetzt zurück denke, hätte ich ihm den Kopf abschneiden und mit dem Kopf nach Hause gehen sollen.“ Er habe ihm aber damals „eine Chance“ geben, das Opfer lediglich „erziehen“ wollen. Die Kammer versucht durch stundenlanges Nachfragen, eine Antwort auf die Frage nach dem Motiv zu bekommen. Der Angeklagte behauptet, das Opfer habe gesagt, wie er selbst der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ anzugehören. „Da habe ich sein Foto auf Facebook veröffentlicht, weil er ein Lügner ist“, sagt der Angeklagte. „Daraufhin hat er mich beschimpft und ich habe ihn geschlagen.“

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das spätere Opfer Angst vor polizeilichen Ermittlungen hatte. Der Mann soll illegalen Geschäften nachgegangen sein – den Prozess verfolgt er zwar als Nebenkläger, sitzt aber derzeit selbst in Untersuchungshaft, nach Aussage seiner Anwältin wegen Diebstahls.

Der Angeklagte redet sich zeitweise um Kopf und Kragen, sein Verteidiger kann nur dabei zusehen. Er habe zwar noch nie jemanden getötet, sagt Mohamed J., „das mache ich aber, sobald ich wieder frei bin. Ich liebe und ehre den IS. Ich habe vor nichts Angst.“ Am Tattag habe er eine Auseinandersetzung „Mann gegen Mann“ mit dem Kontrahenten gesucht, der habe aber ein Pfefferspray gezogen. „Dann habe ich das Messer in ihn reingesteckt.“

Ein Taschenmesser und einen Elektroschocker habe er ohnehin immer bei sich gehabt. „Die Polizei hatte mir ein Militärmesser abgenommen. In diesem Land habe ich keine Rechte, also schütze ich mich selbst“, sagt Mohamed J.

Ein Urteil wird Mitte Mai erwartet.

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