Köln: Ferienwohnungen statt Mietwohnungen - wie Köln gegen Abzocker kämpft

Missbrauch von Mietwohnungen : Kölner kämpfen gegen illegale Ferienunterkünfte

Obwohl in Köln Wohnraum knapp und teuer ist, gibt es Vermieter, die ihre Mehrfamilienhäuser ausschließlich Touristen anbieten. Die Stadt kriegt das Problem nur langsam in den Griff.

In dem mehrstöckigen Mehrfamilienhaus in der Kölner Südstadt sollen laut Klingelschild nur drei Parteien leben. Die Hälfte aller Briefkästen trägt keinen Namen. Um ins Haus zu gelangen, braucht es keinen Türschlüssel, sondern einen Pin-Code.

Erfahrene Reisende kennen solche Installationen. Vermieter von Ferien-Apartments benutzen den Einlass-Mechanismus via Zugangscode gerne, um ohne viel Aufwand verschiedene Gästegruppen ins Haus zu lassen. Nur: In Köln sind viele solcher Ferien-Apartments eigentlich als dauerhaft genutzter Wohnraum eingeplant. Die kommerzielle Vermietung an Touristen für wenige Tage muss von der Stadt genehmigt werden. Dennoch, so schätzt der Kölner Mieterverein, werden bis zu 7000 Wohnungen ohne Genehmigung und somit illegal an Reisende vermietet.

Die Initiative plakatierte den Fall im gesamten Stadtviertel. Foto: Clemens Boisserée

In den vergangenen Tagen machte die Nachbarschaftsinitiative „Bezahlbares Wohnen für alle“ auf einen solchen Fall aufmerksam. Im gleichermaßen beliebten wie teuren Severinsviertel soll ein Wohnhaus mit mehreren Wohnungen von einem Investor erst gekauft und den Mietern anschließend gekündigt worden sein. Seither, so der Vorwurf, werden die Wohnungen an Feriengäste und Party-Touristen vermietet. Besonders an den Wochenenden hat die Initiative „ganze Gruppen junger Menschen mit Rollkoffern“ ins Haus einziehen und weniger später wieder ausziehen sehen.

Glaubt man dem Klingelschild an der Tür des Mehrfamilienhauses, leben dort unter anderem zwei Männer. Beide werden im Handelsregister als Geschäftsführer einer  Immobilienmanagement GmbH erfasst – gegründet im April 2018 zum „Verwalten, Vermieten, Vermarkten und Bewirtschaften von Immobilien“. Sitz des Unternehmens ist das besagte Wohnhaus in der Südstadt. Laut Handelsregister wohnen die beiden Geschäftsführer allerdings in Bergheim und Duisburg. Der Versuch einer Kontaktaufnahme unserer Redaktion blieb ohne Erfolg.

Die Kölner Stadtverwaltung hat ihrerseits den Besitzer der Immobilie kontaktiert, nachdem sich die Meldungen über unrechtmäßige Nutzung mehrten. „Der Eigentümer hat Unterlagen vorgelegt, denen nach das gesamte Gebäude an einen Mieter vermietet wurde“, heißt es dazu. Dass es sich bei diesem Mieter um die GmbH handelt, und diese die Wohnungen an Touristen weitervermietet, wollte die Stadt nicht bestätigen.

Die Buchung einer Wohnung im Mehrfamilienhaus über „booking.com“. Foto: Clemens Boisserée

Ungewöhnlich wäre dieses Vorgehen nicht. Für viele Immobilienunternehmen ist die Vermietung an Touristen lukrativer, als die ohnehin hohen Kaltmieten in einem beliebten Viertel wie der Kölner Südstadt. So finden Interessenten unter anderem auf „booking.com“ eine Unterkunft ganz in der Nähe des von der Initiative kritisierten Gebäudes. Kostenpunkt: mindestens 85 Euro pro Nacht. Bei einer Ortsbesichtigung fällt auf, dass es an der angegeben Adresse einen Hintereingang ins besagte Mehrfamilienhaus gibt. Ein Buchungsbeleg, der unserer Redaktion vorliegt, zeigt außerdem, dass die Vermieter für die Bezahlung nur Bargeld akzeptieren – ein ungewöhnliches Vorgehen in der Tourismusbranche.

Dass dieses Gebaren nun öffentlich ist, scheint nicht allen zu gefallen. Lars Wentzke ist Sprecher der Nachbarschaftsinitiative und gibt an, am Wochenende von Unbekannten bedroht worden zu sein. „Drei Männer haben mich verfolgt, mich auf die Wohnungen angesprochen und mir Prügel angedroht“, erklärt Wentzke. Einschüchtern lassen will er sich aber nicht, dafür sei das Problem zu ernst. „Wohnraum für Geringverdiener, Obdachlose, Geflüchtete oder Studenten ist knapp. Gleichzeitig beobachten wir, dass immer Ferienwohnungen auf dem Markt auftauchen“, sagt Wentzke. Allein in der Südstadt seien es momentan derer 50.

Lars Wentzke geht mit der Nachbarschaftsinitiative gegen Ferienwohnungen in Köln vor. Foto: Boisserée, Clemens
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Auch aus anderen Stadtteilen wurden Fälle bekannt, ein besonders extremer erst vor zwei Wochen: Im Stadtteil Deutz hatte ein Drittunternehmen Zimmer in einem privaten Studentenwohnheim gemietet. Diese wurden anschließend über Internet-Portale an Touristen weitergegeben – für 209 Euro pro Nacht. Die Stadt nahm die Ermittlungen auf.

Denn Schlafplätze – nicht nur für Studenten – werden in Köln dringend benötigt. Stadtweit müssten nach Angaben des „Instituts der deutschen Wirtschaft“ jährlich 8000 neue Wohnungen entstehen, um den Bedarf zu decken. Im vergangenen Jahr wurden aber gerade mal 2200 Neubauten fertig. Am Donnerstag soll sich nun der Sozialausschuss mit dem Problem des Wohnraum-Missbrauchs beschäftigten.

Eigentlich versucht die Stadt schon seit einigen Jahren gegen illegale Ferienwohnungen vorzugehen. Im Juli 2014 verabschiedete sie die sogenannte Wohnraumschutzsatzung. Die sieht unter anderem vor, dass Wohnungen nur dann an Feriengäste vermietet werden dürfen, wenn die Vermieter selbst dort weiterhin leben. Ermittelt das Amt für Wohnungswesen einen Verstoß gegen solche Auflagen, droht dem Eigentümer eine Geldbuße von bis zu 50.000 Euro.

Der Aufwand für solche Verfahren mehrt sich. Bislang sind in der Domstadt jedoch lediglich vier Sachbearbeiter und zwei Fahnder mit den Fällen betraut. Nun soll die Wohnungsaufsicht zusätzliche fünf Sachbearbeiter- und drei Ermittlerstellen erhalten. So sollen Verstöße zukünftig „schneller und umfassender geahndet werden“, sagt eine Stadt-Sprecherin unserer Redaktion.

Für Stadtteil-Bürgermeister Andreas Hupke (Grüne) ist diese Maßnahme längst überfällig. Er spricht im Zusammenhang mit den aktuellen Zuständen von einer „Bankrott-Erklärung der Stadtverwaltung“, die das Problem „jahrelang verschlafen hat“.

Dabei ist die Jagd nach ungenehmigten Touristen-Apartments gleichermaßen notwendig wie einträglich: Seit Juli 2014 wurden Bußgelder in Höhe von 316.000 Euro verhängt. In zwei aktuellen Fällen wurden bereits Bußgelder erhoben, in 22 weiteren Fällen läuft das Verfahren noch – dazu soll auch der Fall aus der Südstadt gehören.

(cbo)
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