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Köln: Enthüllungen zur PR-Strategie Kardinal Woelkis​

Kölner Kardinal erneut in der Kritik : Enthüllungen zur PR-Strategie Kardinal Woelkis

Tagelang hat der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki geschwiegen. Dabei ist ausgerechnet das Thema Kommunikation Stein des Anstoßes im Erzbistum Köln. Schon wieder.

Dass der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki vor allem „Fehler in der Kommunikation“ gemacht habe, stellte bereits Papst Franziskus fest, als er vor gut einem Jahr die Vorgänge rund um die Missbrauchsaufarbeitung in Deutschlands mitgliederstärkster Diözese untersuchen ließ. Da steckte das Erzbistum schon mehrere Monate in einer veritablen Vertrauenskrise. Die neuesten Enthüllungen einer Tageszeitung dürften das erklärte Ziel Woelkis, Vertrauen zurückzugewinnen, erst einmal in weite Ferne gerückt haben.

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hatte am Freitag über die PR-Strategie der Kölner Bistumsleitung rund um das Thema Missbrauchsaufarbeitung berichtet. Die Zeitung zitierte aus Unterlagen von externen Kommunikationsberatern, für die das Erzbistum 820.000 Euro zwischen 2019 und 2021 ausgab. Eines der Papiere von Ende 2020 ist mit „Wie 'überlebt' der Kardinal bis März 2021“ überschrieben. Die Zeitung hat ein Foto des Dokuments veröffentlicht. Dieses ist mit Logo und Layout des Erzbistums gestaltet.

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Den Recherchen zufolge sollte Woelki auf Anraten der PR-Fachleute dem renommierten Kirchenjournalisten Daniel Deckers von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ per Telefonanruf exklusive Informationen versprechen und ihn so vom „Gegner“ zum „glaubwürdigen Befürworter“ machen. Deckers bestätigte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ einen Anruf Woelkis. Er habe dessen Angebot aber abgeschlagen.

Des Weiteren hätten die Kommunikationsexperten Woelki und seinem damaligen Generalvikar Markus Hofmann geraten, vor einem angedachten Gutachter-Wechsel im Oktober 2020 den Betroffenenbeirat des Erzbistums auf ihre Linie zu bringen. Bei einer bevorstehenden Sitzung mit den Betroffenen sollten sie „Emotionen, Glaubhaftigkeit und Echtheit“ zeigen und „Joker“ in der Rückhand haben - etwa das Angebot, Woelki werde sich für zügigere Anerkennungszahlungen für Missbrauchsopfer einsetzen.

Am 30. Oktober 2020 gab das Erzbistum gemeinsam mit dem Betroffenenbeirat bekannt, die bereits fertige erstellte Missbrauchsuntersuchung einer Münchner Anwaltskanzlei werde wegen methodischer Mängel nicht wie vorgesehen veröffentlicht. Stattdessen würden neue Gutachter beauftragt. Er sei „sehr dankbar“, dass die Betroffenen ihm ihr Vertrauen entgegenbrächten, lässt sich Woelki in der Pressemitteilung zitieren. „Die Perspektive der Betroffenen ist handlungsleitend für unser weiteres Vorgehen.“

Nur kurze Zeit später zogen sich die ersten Mitglieder aus dem Betroffenenbeirat zurück. Schnell sei ihnen klar geworden, dass sich die Bistumsspitze schon vor der Sitzung für den Gutachter-Wechsel entschieden hatte, sagten einige der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Denn das Erzbistum habe schon vorher Unterlagen mit der neu beauftragten Kanzlei ausgetauscht. Sie, die Betroffenen, seien in der Sitzung überrumpelt worden und fühlten sich ein zweites Mal missbraucht.

Die nun veröffentlichten Enthüllungen scheinen die Mutmaßungen von damals zu bestätigen. Wie einen „dressierten Schimpansen“ habe ihn die Bistumsleitung durch die Manege geführt, klagte der ehemalige Sprecher des Betroffenenbeirats Patrick Bauer am Wochenende. Sein früherer Amtskollege Karl Haucke forderte Woelkis Rücktritt.

Auch die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Kerstin Claus, zeigte sich empört. Die PR-Berater verteidigen indes das Vorgehen. „Die Bedürfnisse des Betroffenenbeirats nach Transparenz und Konsequenz waren stets handlungsleitend für die von uns empfohlene Strategie“, teilte Kommunikationsexperte Torsten Rössing mit.

Das Erzbistum sei „richtigerweise“ darin bestärkt worden, „dass eine Entscheidung in der Sache nicht ohne den Betroffenenbeirat erfolgen kann und sollte, da dessen Stimme gewichtig ist und die Stimme der Betroffenen, sowie deren berechtigtes Bedürfnis nach Transparenz keineswegs übergangen werden sollte“, ergänzte der Medienanwalt Carsten Brennecke.

Zur Sache Daniel Deckers erklärte Brennecke, es sei „gängiges Tagesgeschäft“, Journalisten exklusive Hintergrundinformationen zu geben, über die diese „dann meist sehr gerne berichten - oft ohne offen zu legen, woher die Information kommt“. Ob ein Journalist die Informationen verwerten möchte oder nicht, sei seine Entscheidung. Ähnlich äußerte sich Rössing.

Wie eng die eigene Kommunikationsabteilung des Erzbistums mit den externen Beratern zusammenarbeitete, ist unklar. Ende 2020 jedenfalls trennte sich Woelki von seinem damaligen Mediendirektor Markus Günther. Kirchenkreisen zufolge hatte er dem Kardinal von dem Gutachter-Wechsel abgeraten. Überhaupt gab es in der Medienabteilung der Erzdiözese seit Woelkis Amtsantritt im September 2014 zahlreiche Umbesetzungen. Der derzeitige Pressesprecher Jürgen Kleikamp soll Insidern zufolge direkt dem Erzbischof zuarbeiten und kaum eine Anbindung an die Abteilung haben.

Tagelang haben Woelki und das Erzbistum zur PR-Enthüllung offiziell geschwiegen. Aus „vertraulichen Papieren“ berichte die Erzdiözese grundsätzlich nicht, hieß es zunächst lediglich. Bis Redaktionsschluss lag keine Stellungnahme vor.

Dieses Nichts-Sagen stieß vor allem innerhalb der Kirche auf Kritik. Gleich drei hohe Kirchenvertreter - die Stadtdechanten Robert Kleine in Köln, Wolfgang Picken in Bonn und Bruno Kurth in Wuppertal - forderten eine Erklärung Woelkis. Picken sieht das Erzbistum auf einen „neuen Tiefpunkt“ zusteuern, während Kurth vor einem massiven Schaden für das „ehrliche Bemühen“ um Missbrauchsaufarbeitung in den Gemeinden warnt. Kleine betont, das Erzbistum und der Kardinal dürften sich jetzt keine Kommunikationsfehler mehr leisten. Sollte Woelki die PR-Strategie tatsächlich gebilligt haben, so Kleine, würde dies „einer moralischen Bankrotterklärung“ entsprechen.

(bsch/kna)