„Der Pitter gehört zu Köln wie der FC“ Ein Leben für den Dicken Pitter

Köln · Im Südturm des Kölner Doms hängt eine der größten Glocken der Welt, und die wird dieses Jahr 100 Jahre alt. Markus Lang hat das Prachtstück jeden Tag im Blick. Mitunter werden er und die Glocke sogar verwechselt.

Köln: Dicker Pitter wird 100 Jahre alt
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Ein Leben für den Dicken Pitter im Kölner Dom

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Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Vor der größten Glocke des Kölner Doms stand bis vor einiger Zeit ein Schild mit dem Hinweis, dass man an dieser Stelle Geld für den Dicken Pitter spenden könne. Da Markus Lang (44), der den Glockenstuhl überwacht, eine nicht gerade schmale, sondern nachgerade stattliche Erscheinung ist, kam es mitunter vor, dass sich Besucher an ihn wandten und sich erkundigten: „Sind Sie der Dicke Pitter?“ Doch der Dicke Pitter, das ist nicht der Wächter des Glockenstuhls, sondern es ist die Glocke selbst - die Petersglocke, für Kölner nur der Dicke Pitter. Dieses Jahr wird sie 100 Jahre alt.

Eine andere Frage, die Markus Lang auch immer wieder gestellt wird: „Sind Sie der Glöckner vom Kölner Dom?“ Nein, sagt er dann, er ist nicht Quasimodo, und er läutet auch nicht die Glocken. Das geschieht alles automatisch auf Knopfdruck. Aber er ist durchaus derjenige, der die Glocken den ganzen Tag im Blick hat. Ganz falsch ist das also auch nicht mit dem Glöckner.

Der Glockenstuhl ist eine schmiedeeiserne Konstruktion im Südturm des Doms, die nicht mit dem Mauerwerk verbunden ist, denn sonst würde ein Festgeläut die Wände vibrieren lassen. Der Dicke Pitter hängt dort fett und schwarz in der Mitte, und um ihn herum baumeln wie seine Kinder die kleineren Glocken. Wobei „kleiner“ hier relativ ist: Jede für sich ist ein Koloss. Schon wenn eine von ihnen kurz zur Viertelstunde anschlägt, durchzuckt es die Besucher.

Manche Leute glauben, dass sie den Pitter in Gang setzen können, wenn sie Geldstücke in einen davor stehenden Automaten einwerfen und dann kräftig an einer Kurbel drehen. Aber das ist ein Missverständnis. Der Automat wirft nur Souvenirmünzen aus. Der Dicke Pitter präsentiert sich den Besuchern immer nur in unbeweglicher Starre. Alles andere wäre auch gefährlich - gefährlich für die Ohren der Besucher.

Der Dicke Pitter läutet also lange nicht jeden Tag. Aber an Ostern oder Weihnachten, wenn Päpste sterben oder Kriege enden, dann rumort es im Turm. Dann beginnt die Petersglocke zu schwingen, erst nur langsam, dann immer stärker und höher, bis sie schließlich mit ihren 24 Tonnen Bronze an den Klöppel stößt und jenen dumpfen, festlich-melancholischen Ton erzeugt, der einen richtigen Kölner instinktiv innehalten lässt.

Wenn der Dicke Pitter erst einmal in Fahrt gekommen ist, kann man sich ihm nur noch mit Ohrenschützern nähern. Es sei schon „ein erhabenes Gefühl“, diese Masse dann in Bewegung zu erleben, sagt Markus Lang. Der Pitter ist ein Riese. Klotzen statt kleckern, hat da irgendwann jemand gedacht - und dieser Jemand war Konrad Adenauer.

Als Oberbürgermeister von Köln setzte sich der spätere erste Bundeskanzler nach dem Ersten Weltkrieg dafür ein, Ersatz für die verlorene Kaiserglocke zu schaffen. Die war 1918 kurz vor Kriegsende zu Kanonen umgeschmolzen worden - worüber man in Köln gar nicht so traurig war, weil sie keinen guten Klang gehabt hatte. Der Dicke Pitter dagegen wurde zum Meisterstück des thüringischen Glockengießers Heinrich Ulrich. 1923 wurde er gegossen, ein Lichtblick im Jahr der Hyperinflation.

Lang, der eigentlich gelernter Radio- und Fernsehtechniker ist, arbeitet schon seit 2004 im Dom. „Ich gehöre hier zum Inventar“, sagt er. Erst war er einer von den Domschweizern, die in der Kathedrale für Ordnung sorgen, dann wurde er Mitarbeiter der Turmbesteigung. Seitdem sagt er den Touristen, wo die Glocken hängen. Er hat gut zu tun, sagt er. Vor allem im Sommer. Dann kommt es sogar vor, dass Besucher - meist junge Leute - versuchen, sich über Nacht im Turm einschließen zu lassen. „Aber wir kennen mittlerweile alle Ecken. Das ist nicht mehr so einfach.“

533 Stufen sind es bis ganz nach oben zur Aussichtsplattform. Eine oft gestellte Frage: „Gibts denn hier keinen Aufzug?“ Doch, den gibt es. Aber nur für Mitarbeiter. Auf dem letzten Stück zur Turmspitze bekommen es manche Besucher mit Höhenangst zu tun. „Domschwindel“ nennt man das hier. Jetzt zur Karnevalszeit tauchen sogar Kostümierte auf, einige von ihnen alkoholisiert. Die werden dann gebeten, nüchtern noch einmal wiederzukommen.

Markus Lang ist gebürtiger Kölner. Mit der damit verbundenen Autorität sagt er: „Der Pitter gehört zu Köln wie der FC.“

(kag/dpa)
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