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Köln: Besuch von Recep Tayyip Erdogan versetzt Stadt in Ausnahmezustand

Türkischer Präsident Erdogan in Köln : „Ihn einmal sehen - und wenn es nur sein Auto ist“

Erdogan eröffnet die Ditib-Moschee in Köln

Für Staatspräsidenten gilt die höchste Sicherheitsstufe. Das bekam am Samstag ganz Köln zu spüren: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan weihte die Kölner Zentralmoschee ein. Seine Anhänger warteten seit dem Morgen - und die Gegner kamen an der Deutzer Werft zusammen.

Der Herr im Anzug und mit der türkischen Nationalflagge ist früh aufgestanden am Samstag, um möglichst nah an Recep Tayyip Erdogan ranzukommen. Aber nicht früh genug. Auf der Inneren Kanalstraße ist ab der Ecke Subbelrather Straße schon am Morgen alles abgeriegelt. Während der Mann versucht, eine Polizeibeamtin zu überreden, ihn durchzulassen, stoppt eine Frau im Volvo an der Absperrung und ruft: „Was ist hier los? Alles für den Diktator?“ Der Mann dreht sich fassungslos um und brüllt: „Was redest du denn da?“

Der Besuch des türkischen Staatspräsidenten fordert die Kölner Polizei in einem ihrer größten Einsätze. Ein Bezirksbeamter sagte einige Tage vorher: „Wer nicht gerade beide Beine amputiert bekommt, ist im Dienst.“ Unterstützung bekommen die Beamten von Hundertschaften aus anderen Bundesländern, Scharfschützen positionieren sich auf den Dächern rund um die Moschee, ein Wasserwerfer steht den ganzen Tag bereit. Zwölf Motorradpolizisten eskortieren die Staatslimousine mit den beiden türkischen Fähnchen an der Motorhaube am späten Nachmittag vom Flughafen Köln/Bonn nach Ehrenfeld. 3000 Beamte sind an diesem Tag in Köln. Für Staatspräsidenten gilt die höchste Sicherheitsstufe, mehrere Autobahnen, der Luftraum und der Schiffsverkehr auf dem Rhein werden zeitweise gesperrt, auch der Bahnverkehr in Köln wird unterbrochen.

Kölns Polizeipräsident Uwe Jacob hatte am Freitag an Erdogans Anhänger appelliert: "Meine Bitte: Das türkische Fernsehen überträgt live. Bitte sehen Sie sich die Zeremonie zu Hause auf der Couch an. Da sehen Sie mehr als vor Ort." Die Stadt Köln hatte am Freitagabend eine geplante Außenveranstaltung mit bis zu 25.000 Menschen an der Moschee wegen Sicherheitsbedenken abgesagt. Am Samstag dann veröffentlicht die Stadt eine Meldung und weist noch einmal darauf hin: "Niemand wird auch nur in die Nähe der Moschee kommen. Ein Einlass ist nur mit einer Einladung möglich." 500 Gäste hatte der Islamverband Ditib zur Einweihung seiner Zentralmoschee eingeladen.

Mehmet Yildiz aus Stuttgart und seine drei Kumpels haben sich nicht davon abbringen lassen, nach Köln zu kommen. „Wir haben in Ehrenfeld im Auto gepennt – zu viert. Heut morgen waren wir die Ersten hier an der Moschee“, sagt der 22-Jährige. Polizisten verwiesen die vier Freunde dann aus dem Sicherheitsbereich der Moschee. Hinter dem Absperrgitter stehen sie nun aber in Reihe Eins. „Wir Türken sind ein Volk, wir halten zusammen, da gibt es kein Schwarz-Weiß-Denken“, sagt Yildiz. Er ist in Deutschland geboren, aber „will Erdogan zeigen, dass wir hier sind, ihn unterstützen“. Erdogan sei ein guter Präsident, habe viel für die Türkei getan.

Diese junge Frau aus Hamm wartet auf Erdogan. Foto: RP Online/Claudia Hauser

Auch andere junge Türken hier denken so. Eine 29-jährige Altenpflegerin aus Hamm etwa sagt: „Ich werde wegen meines Kopftuchs oft schief angeschaut. Das finde ich einfach schade.“ Erdogan tue viel Gutes für die Türkei. Sie nennt die mehrspurigen Straßen, „das ist natürlich nur ein Beispiel“. Ihre Freundin, 21 Jahre alt, wirkt aufgeregt, als warte sie auf den Auftritt eines Popstars. „Ich will Erdogan einmal sehen“, sagt sie. „Und wenn es nur sein Auto ist.“ Der türkische Staatschef stehe für Frieden, sagt sie. Dass es drüben auf der anderen Rheinseite viele Erdogan-Gegner gibt, weiß sie. „Jeder kann seine eigene Meinung haben, ich möchte für meine nicht angegriffen werden.“ Dann wird sie übertönt von den Gesängen der anderen. An den vielen Absperrungen rund um den Sicherheitsbereich kommen letztlich etwa 20.000 Menschen zusammen, wie die Polizei am Abend mitteilt.

An der Deutzer Werft haben sich vor allem kurdische und linke Erdogan-Gegner unter dem Motto „Erdogan not welcome“ versammelt. Doch statt der erwarteten 7000 Demonstranten sind es am Ende nur 2000. Auch eine Kundgebung der Alevitischen Gemeinde am Ebertplatz bleibt mit einigen hundert Teilnehmern überschaubar.

Einige wenige Gegendemonstranten stehen in der Nähe der Moschee zwischen den Anhängern Erdogans. Es bleibt aber friedlich, bis auf ein paar emotional aufgeladene Diskussionen. „Wie kann man diesen Despoten unterstützen?“, fragt einer. In einer Seitenstraße nahe der Moschee stehen ein Mann und eine Frau am Fenster. Sie haben auf ein großes Pappschild „Dictators not welcome“ geschrieben.

Deutliche Ansage dieser Anwohner in Ehrenfeld. Foto: RP Online/Claudia Hauser

Ehrenfelds Bezirksbürgermeister Josef Wirges, der wie Oberbürgermeisterin Henriette Reker eine Einladung der Ditib ausgeschlagen hat, spaziert den ganzen Samstag durch sein Viertel, um mit den Menschen zu sprechen - den türkischen Nationalisten und den Erdogan-Gegnern. „Wir sind hier in Köln-Ehrenfeld nicht eine Außenstelle der türkischen Republik“, sagt er. Er habe sich immer eingesetzt für den Bau der Moschee und sich gegen Rechtsextremisten vor das Gotteshaus gestellt. Die Abschottung der Ditib missfällt ihm, wie er sagt. Der Verein lasse sich zu sehr lenken von der türkischen Regierung. „Ganz ehrlich: Die jungen Leute, die hier demonstrieren, die leben doch gar nicht in der Türkei, die wissen doch gar nicht, was es heißt, dort im Knast zu sitzen. Dagegen ist die JVA Köln-Ossendorf eine Kuranstalt.“ Die Ditib-Moschee sei ein „absolutes Highlight“, worauf Köln stolz sein könne, sagt der 65-Jährige. „Aber sie sollte ein Ort des interreligiösen und kulturellen Dialogs sein.“

Ehrenfelds Bezirksbürgermeister Josef Wirges an der Moschee. Foto: RP Online/Claudia Hauser

Am Nachmittag stehen die Mannschaftswagen der Polizei Stoßstange an Stoßstange auf der Inneren Kanalstraße. Manche sind noch verdreckt vom Einsatz im Hambacher Forst. Ein Hubschrauber kreist über dem Gelände. Türkische Sicherheitskräfte versuchen entlang der Straße eigene Absperrungen mit Flatterband einzuziehen - Polizisten stoppen die Aktion. Nach langem Warten geht dann alles ganz schnell: Die Eskorte stoppt mehr als eine Stunde später als geplant neben der Moschee, Erdogan und seine Gefolgschaft verschwinden durch einen Nebeneingang im Gebäude. Seine Fans kriegen nichts davon mit. Die Altenpflegerin aus Hamm wird noch nicht mal sein Auto zu sehen bekommen.