Eröffnung der Ditib-Moschee in Köln-Ehrenfeld: „Als hätte Erdogan die Moschee okkupiert“

Eröffnung der Ditib-Moschee in Ehrenfeld : „Als hätte Erdogan die Moschee okkupiert“

Im Kölner Stadtteil Ehrenfeld ist die Stimmung vor dem Besuch des türkischen Staatspräsidenten gespalten. Der Bezirksbürgermeister empfindet das Verhalten der Ditib als Geringschätzung - und spricht von „unserer Moschee“.

Ulas Saglam sitzt mit einem Glas Wasser im Café des Ehrenfelder Hostels „Weltempfänger“ und versucht, nicht über Politik zu sprechen. Es bringt ihn zu sehr in Rage, sagt er. „Und wenn ich ‚Pro Erdogan‘ höre, laufe ich weg.“ Saglam arbeitet in dem Backpacker-Hotel nahe der Moschee, der 38-Jährige stammt aus der Türkei, kann Karnevalssongs wie „Et Meiers Kättche“ von den Bläck Fööss auswendig, fühlt sich aber weder deutsch noch türkisch.

„Das teile ich mit den älteren Türken, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen“, sagt er. Er interessiert sich nicht für Religion, spielt Schlagzeug in einer Band und zeigt den Hostel-Gästen aus den USA, England und Asien gern die schönsten Seiten Kölns. Die Moschee gehört für ihn nicht dazu. „Ich mag sie einfach nicht.“ Er mag aber auch andere Gotteshäuser nicht, auch wenn er den Gästen zuliebe schon siebenmal auf den Kölner Dom gestiegen ist.

Ulas Saglam arbeitet in der Nähe der Moschee in einem Hostel. Foto: RP Online/Hauser

Drüben an der Moschee spachteln Handwerker Risse und Löcher an der Betontreppe zu und kärchern den Vorplatz mit einem Hochdruckreiniger. Wenn der Staatschef der Türkei kommt, soll alles perfekt sein. Recep Tayyip Erdogan wird die Zentralmoschee der Türkisch-Islamischen Union Ditib am Samstag einweihen. Der Islamverband hat via Facebook mobilisiert, alle „deutschen und türkischen Freunde“ zur Eröffnung eingeladen. Die Kölner Polizei rechnet mit bis zu 25.000 Erdogan-Anhängern. Platz in einem eigens eingerichteten Sicherheitsbereich gibt es aber nur für 5000 Menschen, eine Ausweichfläche will die Polizei im Grüngürtel einrichten.

Vorbereitungen für die Eröffnung der Ditib-Moschee in Köln-Ehrenfeld. Foto: RP Online/Hauser

„Da stehen dann Tausende Menschen und schwenken die türkischen Nationalflaggen“, sagt der Ehrenfelder Bezirksbürgermeister Josef Wirges. „Das wirkt so, als würden sie die Eröffnung einer Außenstelle der Diyanet (türkische Religionsbehörde, d.Red.) feiern – das ist aber nicht so.“ Die Moschee sei mit Unterstützung der Kölner Stadtgesellschaft gebaut worden. „Und jetzt entsteht der Eindruck, als hätte Erdogan sie okkupiert, das ist schon irre.“ Wirges ist seit 21 Jahren Bürgermeister in dem multikulturellen Stadtteil, der auch das „Kölsche Brooklyn“ genannt wird. Er sagt „unsere Moschee“, wenn er über die Kölner Zentralmoschee spricht. „Der Bau ist ein absolutes Highlight, darauf können wir stolz sein“, sagt der 65-Jährige. „Aber was nutzt das schönste Gebäude, wenn die inneren Werte sich mehr oder weniger aufgelöst haben? Das, wofür der Bau steht, der ein Ort des interreligiösen und kulturellen Dialogs sein sollte.“

Wirges denkt, dass die Ditib sich nie richtig lösen konnte von der türkischen Regierung. Der Verband bezeichnet sich zwar als unabhängig, ist aber der türkischen Religionsbehörde in Ankara unterstellt, auch finanziell. „Ich denke die zunehmende Abschottung ist auch der Tatsache geschuldet, dass viele Mitarbeiter Angst haben.“

„Viele haben sich vor die Moschee gestellt“

Wirges hat zwar am Mittwochabend noch eine Einladung zur Eröffnung bekommen, er wird aber nicht teilnehmen – auch Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet werden nicht kommen.

Wirges sagt: „Ich habe gesagt, dass ich ein Grußwort sprechen will, aber das will der Ditib-Vorstand unter keinen Umständen. Die lassen sich instrumentalisieren von der türkischen Regierung.“ Er fühlt sich vor den Kopf gestoßen, da er sich immer für den Bau der Moschee eingesetzt hat. Im November 2009 wurde die Grundsteinlegung gefeiert. Im Vorhinein gab es immer wieder Demos gegen Rechtsextremisten, die gegen den Moschee-Bau aufwiegeln wollten. „Viele haben sich im Sinne der Religionsfreiheit vor die künftige Moschee gestellt.“ Er selbst habe Morddrohungen von Rechten bekommen damals. „Mir macht Sorgen, dass die Situation nun neues Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten schwemmt.“

Der Riss, den der Besuch Erdogans verursacht, ist in der Venloer Straße spürbar. Linksliberale wie Ulas Saglam befürworten den Protest gegen den türkischen Präsidenten – unter dem Motto „Erdogan not welcome“ wollen Tausende am Samstag an der Deutzer Werft am Rheinufer demonstrieren, unter ihnen viele kurdische Gruppen. Manche Ladenbesitzer in Ehrenfeld haben Angst, dass ihnen Erdogan-Gegner die Schaufenster einwerfen. Ein älterer Mann meint: „Ich geh nicht vor die Tür am Samstag.“ Der Besitzer eines türkischen Imbisses in der Nachbarschaft des Hostels sagt: „Naja, Erdogan ist unser Präsident, ist doch was Schönes, dass er Köln besucht.“ Er ist einer von etwa 60 Prozent der Türken, die außerhalb der Türkei leben, aber Erdogan gewählt haben und hinter der türkischen Regierungspartei AKP stehen. „Mir geht es aber vor allem um die anderen 40 Prozent“, sagt Bürgermeister Wirges. „Die wollen in Ruhe in Ehrenfeld leben und sich nicht gängeln lassen von der türkischen Regierung.“ Viele hätten Angst. „Die sagen dann entweder, dass sie sich auf den Präsidenten freuen – oder sie sagen gar nichts.“

38.000 Menschen leben in Ehrenfeld, schon in den 1960er Jahren auch viele türkischstämmige Menschen, die in den Industriebetrieben arbeiteten. „Viele haben sich irgendwann Wohnungen und Häuser im Viertel gekauft, da war das Gefühl, angekommen zu sein“, sagt Wirges. Als der Wunsch der Ditib aufgekommen sei, eine würdevolle Moschee zu bauen, habe er einen Beirat mitbegründet, in dem Vertreter der Stadtgesellschaft vertreten waren, unter anderem der frühere Oberbürgermeister Fritz Schramma. „Damit die Akzeptanz des Baus unserer Moschee erhöht wird“, sagt Wirges. Der Beirat existiert zwar noch, Sitzungen finden aber nur noch sporadisch statt. „Wenn die Ditib so weitermacht, hat sie bald keine Fürsprecher mehr“, sagt Wirges.

Ulas Saglam wird am Samstag wieder im Hostel arbeiten. Die Polizei konnte den Betreibern und ihm noch nicht sagen, wie die 50 neuen Gäste vom Hauptbahnhof in die Venloer Straße kommen sollen. Die Moschee wird zur Sicherheitszone. Ausnahmezustand in Ehrenfeld, „bis Erdogan wieder abrauscht mit seinem Tross“, wie Wirges sagt.

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