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Einsturz des Stadtarchivs 2009 in Köln: Prozess ist gestartet

Prozess beginnt : Wer hat Schuld am Einsturz des Kölner Stadtarchivs?

Chronik des Einsturzes des Kölner Stadtarchivs 2009

Zwei Menschen starben 2009 beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Der mögliche Grund: ein Fehler beim Bau der neuen U-Bahn. Am Mittwoch startet der Prozess gegen fünf Angeklagte - die Zeit drängt.

  • Was passierte am 3. März 2009?

Gegen viertel vor drei am Nachmittag des 3. März 2009 verbreitete sich die Nachricht vom Einsturz des Historischen Stadtarchivs an der Severinstraße in Köln. Erst eine Woche nach der Katastrophe stand endgültig fest, dass zwei Menschen in den Trümmern ums Leben gekommen waren: Der 17-jährige Kevin K. und der 24-jährige Khalil G.

An der Severinstraße wurde damals die Nord-Süd-Linie der Kölner U-Bahn ausgebaut. Dazu war eine Baugrube an der Straße vor dem Stadtarchiv ausgeschachtet worden. Innerhalb von Minuten strömten am diesem Nachmittag rund 5000 Kubikmeter Erde, Kies und Wasser in diese Baugrube - verursacht durch einen Fehler in der Wandkonstruktion der Baugrube, so heißt es in der Anklage der Kölner Staatsanwaltschaft. Dadurch stürzte das Stadtarchiv ein.

Die Archiv-Mitarbeiter konnten sich damals retten, weil sich der Einsturz durch Geräusche ankündigte. Augenzeugen berichteten, Bauarbeiter hätten kurz vor dem Einsturz Anwohner durch Rufe gewarnt. Schon bald nach dem Einsturz kam der Verdacht auf, die U-Bahn-Bauarbeiten könnten die Ursache sein. Der Turm der St.-Johann-Baptist-Kirche musste bereits seit 2004 durch Stahlträger abgestützt werden, weil er sich in Folge des U-Bahn-Baus geneigt hatte.

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  1. Wer muss sich ab Mittwoch vor Gericht verantworten?

Die Staatsanwaltschaft Köln hat ursprünglich gegen sieben Personen wegen des Stadtarchiv-Einsturzes ermittelt: fünf Mitarbeiter der beteiligten Baufirmen, darunter zwei Bauarbeiter, und zwei Mitarbeiter der Kölner Verkehrsbetriebe. Auf der Anklagebank werden am Mittwoch aber nur fünf Personen sitzen. Das Verfahren gegen einen der Bauarbeiter wurde Anfang Januar eingestellt, weil er eine lebensbedrohliche Herzerkrankung hat. Ein weiterer Angeklagter war im vergangenen Jahr gestorben.

  1. Was wird ihnen vorgeworfen?

Die Staatsanwaltschaft wirft allen fünf Angeklagten fahrlässige Tötung und Baugefährdung vor. Der Bauarbeiter soll zusammen mit seinem Kollegen beim Ausheben der Grube schon im September 2005 auf ein Hindernis gestoßen sein, das sie der Bauleitung aber nicht meldeten. Stattdessen sollen sie mit dem Ausheben fortgefahren sein.

Dabei soll um das Hindernis herum eine sogenannte "Erdplombe" entstanden sein, so steht es in der Anklageschrift. Diese gab am 3. März 2009 plötzlich nach, sodass große Mengen Wasser, Erdreich und Sand in die Baugrube eindrangen. Dadurch wurde dem Stadtarchiv und den umliegenden Gebäuden der stabile Grund entzogen und sie stürzten innerhalb weniger Minuten ein. Den übrigen Angeklagten wird zudem vorgeworfen, die Baugrube nicht sorgfältig genug kontrolliert zu haben.

Die beteiligten Baufirmen haben sich in der Arbeitsgemeinschaft ARGE organisiert. Sie treten den Anklagevorwürfen entgegen. Nach ihrer Darstellung wurde der Einsturz durch einen sogenannten hydraulischen Grundbruch verursacht. Dabei kommt es durch einströmendes Grundwasser zu einer plötzlichen Bodenbewegung unter der Erde. Ein Wissenschaftler der RWTH Aachen hatte bereits im September 2008 auf die Gefahren eines "hydraulischen Grundbruchs" beim Kölner U-Bahn-Bau hingewiesen.

  1. Wie lange wird der Prozess dauern?

Das Kölner Landgericht hat zunächst 126 Verhandlungstage bis 2019 angesetzt. Das Gericht steht unter Zeitdruck, denn am 2. März 2019 greift nach zehn Jahren die Verjährungsfrist. Wird bis dahin kein Urteil gefällt, bleibt die Schuldfrage ungeklärt.

  1. Warum beginnt der Prozess erst jetzt?

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft haben so lange gedauert, weil die Beweissicherung schwierig war. Speziell ausgebildete Taucher haben zum Beispiel zentimeterweise die Baugrubenwand nach Löchern abgesucht. Auch die Gutachten, auf denen die Anklage teilweise basiert, sind umfangreich.

  1. Was ist mit den Archiv-Dokumenten passiert?

Rund 30 Regalkilometer Archivalien lagen damals unter den Trümmern. Mit Mühe und viel Zeit gelang es, rund 95 Prozent des Bestandes zu bergen. Die Restaurierung ist aber noch lange nicht abgeschlossen. Unter den Dokumenten sind mittelalterliche Akten und Urkunden und der Nachlass des Schriftstellers Heinrich Böll. Laut Stadtarchiv-Leiterin Bettina Schmidt-Czaia kann das noch 30 Jahre dauern. Derzeit wird in Köln am Eifelwall ein neues Archivgebäude gebaut.

(heif)