Köln: Die schwierige Suche nach den Erben

Köln: Die schwierige Suche nach den Erben

Erbenermittler brauchen Geduld: Wie Detektive wälzen sie unermüdlich alte Dokumente und kontaktieren Behörden in aller Welt. Denn immer öfter finden Nachlasspfleger keine direkten Angehörigen von Verstorbenen.

Vor Dirk Zeiseler auf dem Tisch liegt eine meterlange Papierrolle, deren Ende bis auf den Boden hinunterreicht. Die Rolle besteht aus vielen einzelnen Blättern, die aneinandergeklebt wurden. In grauen Kästchen stehen darauf Namen, Geburts- und Todesdaten sowie Angaben zum Familienstand. Es ist der Stammbaum eines Verstorbenen, dessen Erben Zeiseler sucht. Und das ist gar nicht so einfach. Denn auf dem Schreibtisch des Historikers landen nur die schwierigen Fälle, in denen Nachlasspfleger nicht mehr weiterkommen, weil der Verstorbene keine direkten Angehörigen hat oder diese unbekannt sind.

Experten rechnen damit, dass Erbenermittler in den kommenden Jahren immer mehr Fälle auf den Tisch bekommen werden. Denn laut einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Postbank wird es eine regelrechte Erbschaftswelle geben. Demnach werde künftig mehr als jede fünfte Erbschaft einen Wert von mehr als 100 000 Euro haben. Außerdem sollen in zwei von drei Erbfällen Immobilien einen Teil des Nachlasses bilden, so die Experten. Das Problem: Oft fehlt von den Angehörigen der Verstorbenen jede Spur. Denn eine steigende Zahl von Menschen lebt vereinsamt und ohne Kontakt zu Angehörigen. In solchen Fällen ist es die Aufgabe von Zeiseler und seinen Kollegen von der Gesellschaft für Erbenermittlung (GEN), die Erben zu finden.

"Wir verfolgen auch ganz viele Spuren, die im Nichts verlaufen", sagt Hartwig Köser, der als Jurist und Historiker für GEN arbeitet. In alten Adress- oder Kirchenbüchern suchen er und seine Mitstreiter nach Hinweisen auf Angehörige - die manchmal über die ganze Welt verstreut sind. Das habe historisch bedingte Gründe. "Durch Auswanderungswellen, aber auch durch Heirat oder die Weltkriege sind viele Menschen in die USA ausgewandert. Daneben haben viele Fälle, mit denen wir uns beschäftigen, einen Bezug zu Gebieten, die im heutigen Polen liegen", erläutert Zeiseler. Für diesen Job brauche man unendlich viel Geduld. Dabei erlebe man das ganze Spektrum menschlicher Beziehungen, "zerrissene Familien, aber manchmal auch richtige Zusammenführungen", ergänzt Köser.

Ohne historische Kenntnisse und die Beherrschung des Lateins wären die Erbenermittler in ihrem Berufsalltag aufgeschmissen. "Man muss sich mit den alten Namen von Orten und Gebietsgrenzen auskennen und außerdem alte Schriften lesen können", erklärt Zeiseler. "Latein ist außerdem nützlich, um katholische Kirchenbücher zu lesen." Manchmal muss er so tief in der Vergangenheit der Verstorbenen wühlen, dass er sich Seiten aus den Kirchenbüchern abfotografieren und zuschicken lassen muss. Sie seien neben alten Adressbüchern und Urkunden der Standesämter die wichtigsten Quellen, um Erben in aller Welt zu finden.

  • Überraschung inklusive : Was bei Testamentseröffnungen wichtig ist

Jeder Auftrag für die Erbenermittler ist auch ein Risiko. Denn nur, wenn sie die Erben aufspüren, werden sie bezahlt. Mit den Erben schließen sie eine Erfolgshonorarvereinbarung ab. Diese beinhaltet, dass der Erbe - wenn er gefunden wird - einen gewissen Prozentsatz an Provision an die Ermittler zahlt. "Der Wert beträgt zwischen 25 und 33 Prozent des Erbes", sagt Zeiseler. Oftmals müssen die Ermittler für den Erfolg jeden Stein umdrehen. Köser zieht ein altes Adressbuch aus dem Regal. "Düsseldorf 1927" steht darauf. "Wenn man nach ungewöhnlichen Namen sucht, können die Bücher helfen", erklärt er und schlägt bei F auf. Unter dem Namen "Feindegen, Wilhelm" steht die Berufsbezeichnung "Schleifer" sowie eine Adresse im Stadtteil Hamm. Köser nimmt ein Adressbuch von 1931 zur Hand. "Silberarbeiter" steht nun bei dem gleichen Namen, auch der Wohnort ist gleich geblieben. Mit Hilfe von Adressbüchern aus verschiedenen Jahren verfolgt er, ob eine Person umgezogen ist. "Unsere Ermittlungen können sich manchmal über Jahre hinziehen", berichtet Köser.

Doch das sei es wert: Köser etwa fand die Nichte eines Erblassers aus der Nähe von Essen in Australien. Ihre Mutter war dorthin ausgewandert und die Tochter wusste nichts von den Cousins und Cousinen in Europa. "Es gab dann ein großes Treffen zu Ostern", sagt Köser.

Ein anderer Fall führte Zeiseler nach Brasilien. Der Erbe war kurz vor dem Ersten Weltkrieg ausgewandert, schrieb aber zwischendurch an seine Schwester in Berlin. Er starb 1949. Nach und nach fand Zeiseler vor Ort heraus, dass er eine Frau indianischen Ursprungs geheiratet und mit ihr zwei Töchter bekommen hatte. Schließlich gelang es, 17 Enkel und Urenkel zu finden. Mit dem Erlös aus dem Verkauf des geerbten Grundstücks in Berlin kam die in ärmlichen Verhältnissen lebende Familie unerwartet zu Geld.

(RP)
Mehr von RP ONLINE