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Kleve: Zwei Jahrtausende Ketzer und Kirche

Kleve : Zwei Jahrtausende Ketzer und Kirche

Dissidenten, Verfolgung und Inquisition: Dr. Daniela Müller von der Universität Nimwegen legt mit ihrem Buch "Ketzer Kirche" den ersten Band der Reihe "Christentum und Dissidenz" vor. Das Thema bewegt vor allem die jüngere Forschung.

Als Inquisitor Bernardo Gui in die Abtei der Benediktiner im Apennin reist, geht dort die Angst um. Nicht weniger als die Vorwürfe der Hexerei und Ketzerei hat er im Gepäck. Jean-Jacques Annauds Verfilmung von Umberto Ecos Klassiker "Der Name der Rose" darf in keiner guten Filmsammlung fehlen - und wirft ein Schlaglicht auf einen der berühmtesten Inquisitoren des Mittelalters. Denjenigen, die Gui zeitlebens verfolgte, und über die er das sogenannte "Handbuch der Inquisition" verfasste, hat sich jetzt Prof. Dr. Daniela Müller, Inhaberin des Lehrstuhls für Kirchengeschichte und Kanonisches Recht und Geschichte des Christentums an der Radboud Universität Nimwegen in einem Buch, gewidmet.

"Ketzer und Ketzerinnen begleiten mich nun seit mehr als 30 Jahren", schreibt Müller in ihrem Vorwort. Eine umfassende Gesamtdarstellung habe die Wissenschaft bisher aber nicht leisten können. Das liege nicht zuletzt an der selektiven Quellenlage. Mit "Ketzer und Kirche - Beobachtungen aus zwei Jahrtausenden" legt Daniela Müller jetzt den ersten Band der Reihe "Christentum und Dissidenz" vor. "Wenn es um Dissidenten oder Ketzer im Mittelalter geht, gilt noch immer vorherrschend die Meinung, dass ab dem 11. Jahrhundert die Häresie, also die von einer kirchlichen Autorität festgestellte Abweichung von einem als allgemein christlich angenommenen Glaubensgut in Westeuropa zu einer Art ,Massenphänomen' wurde, welches die Stellung und die Macht der römischen Kirche massiv bedrohte", schreibt Müller. Dieses Bild verdanke man in erster Linie der Perspektive der zeitgenössischen kirchlichen Chronisten. Eine Perspektive, die vermehrt von Historikern hinterfragt wird. Haben die Kirchenmänner des Mittelalters das Schrecken, das sie fürchteten, gar erst erschaffen?

"Die Frage nach dem Dissidenten im Mittelalter stellt sich somit schnell als methodische Herausforderung dar", erklärt die Autorin. Dies zeige sich vor allem am Beispiel der Katharer, also jener Gruppe, der sich auch Bernardo Gui im ersten Kapitel seines Inquisitions-Handbuchs widmet. Katharer sind als christliche Glaubensbewegung überliefert, die im Hoch- und Spätmittelalter in Süd- und Zentraleuropa nachzuweisen ist. "Gab es denn überhaupt eine Katharer-Bewegung oder handelt es sich nicht eher um ein Konstrukt von angstbesessenen Theologen und Inquisitoren?", fragt Daniela Müller.

Die neue Reihe, die die Autorin mit ihrem Band einleitet, untersucht, wie sich Mehrheit und Minderheit zueinander verhalten. "Wird die Norm immer von der Mehrheit und die Abweichung immer von der Minderheit vertreten?" Auch wenn der Band historische Beispiele aus der leidvollen Geschichte der Dissidenten vorstellt, so sei dieser Mechanismus keinesfalls eine Sache der Vergangenheit. Das unbebilderte Buch der Lehrstuhlinhaberin liest sich auf wissenschaftlichem Niveau spannend, muss aber als Beitrag zur Forschung verstanden werden. Von den Grundlagen über das antike Erbe geht es über die Katharer als Ketzer zu rechtlichen Aspekten. Das Werk führt ein ins Thema, bietet einen Überblick über den Stand der aktuellen Forschung und macht Lust auf die kommenden Beiträge der neuen Reihe.

(lukra)