Kleve: Zerstörung der Stadt Kleve vor 70 Jahren

Kleve : Zerstörung der Stadt Kleve vor 70 Jahren

Am 7. Oktober 1944 schien das Ende der einstigen Perle des Niederrheins gekommen: 335 britische Bomber zerstörten die Stadt. Zur Stunde des Angriffs werden morgen die Glocken läuten, Samstag Gedenkkonzert in der Stiftskirche.

Die Brände in den Ruinen und in den verschütteten Kellern schwelten noch tagelang. Rauch stand über der Stadt, die Trümmer türmten sich Etagen hoch. Im "Stadtkern befindet sich mindestens alle 20 Meter ein Bombentrichter", erinnerte sich Alfons Konnertz 1952 in der RP. Als Konnertz versuchte, sich einen Weg durch die Stadt zu bahnen, waren die Türme der Stiftskirche ausradiert, von der Burg stand nur noch ein Stumpf, an manchen Straßenkreuzungen wusste der Klever nicht mehr, wo er sich befand. Die Häuser waren zerstört, die Straßen von Ziegel- und Schuttbergen verschüttet, die alten Wege versperrt, eine Orientierung oft nicht mehr möglich.

Morgen vor 70 Jahren, am 7. Oktober 1944, wurde das alte Kleve ausgelöscht. Um 13.40 Uhr kündeten "Christbäume" - jene Leuchtzeichen am Himmel, mit denen die Ziele markiert wurden - dass die Kreisstadt hinter dem Reichswald Angriffsziel war. 335 viermotorige britische Bomber, 89 Lancaser- und 246 Halifax-Maschinen, warfen 1728 Tonnen Spreng- und 4,5 Tonnen Brandbomben auf die Stadt. 463 Klever Bürger kamen bei dem Angriff ums Leben. Wie Maria Schubert, gerade 37 Jahre alt, oder Maria Leigraf, 35 Jahre, Gustav Schubert, 54 Jahre oder Johannes Linders, 37 Jahre. Bürger aus Kellen, deren Namen dort jetzt auf den Steinstelen des neuen Mahnmals an die Opfer gemahnen. Konnertz erinnerte sich: "Die Reste des Pastorats, unter dem Propst Küppers verschüttet liegt, hatten gerade Feuer gefangen, und der Rest des noch stehenden Dachstuhls stürzte brennend ein. Das Lyzeum lag ganz am Boden."

"Es dauerte nur etwas mehr als eine halbe Stunde, um Kleve auszulöschen", schreibt Wiltrud Schnütgen in "Rund um den Schwanenturm". Einer der Halifax-Bomber war in den Burgturm gestürzt, sein Heck lag in der ebenfalls völlig zerstörten reformierten Barockkirche. Von der Stiftskirche standen nur noch die Umfassungsmauern, die Unterstadtkirche war zerstört, die noch neue Christus-König-Kirche war eine Ruine. Gegen Kriegsende gab es im gesamten Stadtgebiet nur noch 178 Wohnungen, schreibt Wiltrud Schnütgen. Kleve war zu 80 Prozent zerstört, steht in der Gesamtliste der am schwersten zerstörten Städte in Deutschland an elfter Stelle, bei den Klein- und Mittelstädten an fünfter Stelle. Es schien vielen der am Abend aus der brennenden Stadt flüchtenden Menschen, dass Kleve aufgehört hatte, zu existieren. Zeitzeugen wie Bernard Wilm dokumentierten die Zerstörung unter Einsatz ihres Lebens: Das Fotografieren war verboten. Dabei sollte die Stadt nur wenige Monate später am 7. Februar 1945 ein zweites Mal angegriffen und endgültig fast vollends zerstört werden. Beide Angriffe galten der Vorbereitung einer Bodenoffensive durch den Reichswald, mit der die Alliierten in einer Zangenbewegung ins Ruhrgebiet vorstoßen wollten. Doch die für den 8. Oktober 1944 angedachte Operation "Gatwick" wurde abgeblasen.

Nur fünf Jahre nach Kriegende konnte schon das Richtfest des Schwanenturms gefeiert werden. Die Stadt erstand auf altem Grundriss neu. Bis heute erinnern Kriegslücken in der Silhouette mancher Straße an die Zerstörung, liegen immer noch Blindgänger im Boden.

Wie jedes Jahr wird auch morgen das Geläut der Klever Kirchen zur Stunde des Angriffs an die Zerstörung erinnern. Die Klever Singgemeinde führt Dvoraks "Stabat Mater" am Samstag, 12. Oktober um 18 Uhr in der Klever Stiftskirche als eines von drei Konzerten auf. Dort wird auch Bürgermeister Theo Brauer sprechen. Ab 15 Uhr öffnet der Projektraum Bahnhof 25 seine interaktive Ausstellung zum Gedenktag. Um 18 Uhr ist eine Lesung, um 19 Uhr singt ein A-Capella-Quartett aus Kleve.

(RP)
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