Kleve: Zeitung zum Hören

Kleve: Zeitung zum Hören

Seit 35 Jahren liest das Niederrhein-Echo Sehbehinderten die Nachrichten der Region vor - erst über Kassette, heute auch im Internet. Doch mit der Zeit gehen dem Klever Verein die Abonnenten aus. Das liegt auch am Krieg.

Eine letzte Korrektur am Mischpult, dann schiebt Arthur Hebben den Regler mit dem weißen Aufkleber nach oben. Weiß, das ist die Farbe von Redakteur Werner Kuhnen. Auf der anderen Seite der Scheibe macht der sich bereit. Rückt das Mikro am Kragen zurecht, greift zum Papierstapel, zückt die erste Nachricht. Grünes Licht. Im Büro an der Boschstraße beginnt die Aufnahme für Ausgabe 1835: "Ich begrüße Sie ganz herzlich zum Niederrhein-Echo am 6. Dezember." Kurze Pause, dann spricht Kuhnen den ersten Artikel ins Mikro. "Gestern wurde die Bronze für das neue Stadtmodell Kleve aus dem Schamott-Stein geschält ..."

Hebben, in der Schicht heute Aufnahmeleiter, und sein Team aus mehr als 30 Ehrenamtlichen treffen sich jeden Mittwoch in unterschiedlicher Besetzung im AV-Studio der Kisters-Stiftung in Kleve. Dort sprechen sie lokale Nachrichten aus dem Kreis Kleve ein - für Blinde, Sehbehinderte und alle, deren Augen im Alter zu schlecht geworden sind für die Lektüre am Frühstückstisch. "Und natürlich für alle, die keine Lust zum Lesen haben", ergänzt Hebben und lacht.

Für 48 Euro im Jahr - das deckt gerade so die Produktionskosten - kann jeder den Dienst abonnieren und erhält zum Wochenende eine frisch gebrannte CD mit den Meldungen der vergangenen Woche. Mikrofone und Studio stellt die Kisters-Stiftung gratis zur Verfügung. "Wir lesen alles aus den regionalen Medien vor, was wir in der Woche zuvor als wichtig erachtet haben: von lokaler Politik über Polizeiberichte bis hin zu Bildungs- und Wirtschaftsthemen", sagt Hebben, während er die Aufnahme von Kuhnen hört.

Eine Ausgabe könne so auch schon mal 90 Minuten lang sein. "Die Hörer können allerdings jederzeit zwischen den verschiedenen Themen hin und her schalten."

Bereits im 1982 ging der Verein Niederrhein-Echo zum ersten Mal auf Sendung, als "Wochenzeitung zum Hören". Eingesprochene Nachrichten aus der Region für Kriegsblinde, das war die Idee. "Mittlerweile hat sich unser Klientel verändert", sagt Margret Esser, Vorsitzende. "Viele von denen leben nicht mehr. Unsere Zielgruppe ist heute im Altenheim und hat aufgrund von Schlaganfällen und Diabetes das Augenlicht verloren."

Doch längst nicht jeder, der am Samstag alles Wichtige aus Rheinischer Post, Neue Rhein Zeitung oder Niederrhein Nachrichten hört, ist alt und kommt aus Kleve. "Ein Abonnent ist erst 25, ein anderer wohnt in Stuttgart und will gern die Nachrichten aus seiner alten Heimat hören", sagt Esser. Vor 35 Jahren hatte das Projekt knapp 100 Abonnenten, die einmal pro Woche eine Kassette vom Niederrhein-Echo bis zum Briefkasten geliefert bekamen. Heute sind es noch 24 - und das obwohl der Bezug der Nachrichten in den Jahren immer wieder vereinfacht wurde. "Wer will, kann die Nachrichten im Internet direkt von unserem Server streamen oder sich die Wochenzeitung aufs Handy oder einen USB-Stick laden", erklärt Hebben. Dazu arbeitet der Klever Verein mit einem Unternehmen aus dem niedersächsischen Holzminden zusammen, das sich auch um den Vertrieb per Post kümmert. Nach knapp zwei Stunden nimmt Kuhnen das Mikro vom Hemdkragen. Die neue Ausgabe ist fertig - zumindest fast. Hebben muss jetzt noch die Aufnahmen prüfen, eventuell kleine Versprecher rausschneiden und alles nach Holzminden schicken. Zwei Tage später können dann wieder 24 Menschen Zeitung hören. Die sind übrigens zufrieden mit dem Niederrhein-Echo: "Wir haben mal eine Umfrage unter den Hörern gemacht", sagt Hebben. "Heraus kam: Wir sollen alles so lassen, wie es ist". Nur mehr Hörer zu finden, darüber würde man sich im AV-Studio in der Boschstraße freuen.

Wer das Niederrhein-Echo abonnieren möchte oder selbst Artikel einsprechen will, kann sich bei Margret Esser melden, Telefon 02824 2247 oder bei Johannes Intveen, Telefon 02821 9570

(atrie)