Vier Häuser öffnen an den Tagen der Architektur ihre Pforten

Tag der Architektur : Die Tage der Architektur im Kreis

Neben dem Dassendonkshof in Kranenburg öffnen in Kleve zwei Objekte und in Uedem ein Einfamilienhaus beim Tag der Architektur am kommenden Wochenende, 29. und 30. Juni, ihre Pforten für Interessierte.

Stararchitekt Hans Kolhoff, der vor Jahren mit dem Klever Architekturbüro Mühlhoff in Leipzig die Landeszentralbank baute, brachte jüngst das Problem gesichtloser Investoren-Bauten auf den Punkt: „Am Ende wird immer weggespart, was die architektonische Qualität ausmacht, nämlich wie sich Funktion und Konstruktion dem Betrachter darbieten“, sagt er im Interview. Es zählt wohl letzten Endes nur, dass jeder Profit mit dem Bau machen kann. Und dann wird oft - und das nicht nur in den Zentren - ein Entwurf aus der „Schublade“ gezogen, der schon mal für Schneppenbaum gut war und dann wohl auch nach Kleve passt - oder umgekehrt. Die diskutierte „Qualität“ der vielen Neubauten in Kleve führt inzwischen dazu, dass einerseits die Offenen Klever einen Negativpreis für schlechte Architektur ausloben wollen und andererseits geplante Bauvorhaben seitens der Politik eingefangen werden oder von der Bauverwaltung per Veränderungssperre aufgehalten werden müssen. Der Diskussion über ihre Bauten stellen sich am Tag der Architektur, Samstag und Sonntag, 29. und 30. Juni, Bauherren und Planer im ganzen Land. Im Kreis Kleve sind es vier Objekte: der Dassendonkshof in Kranenburg (wir berichteten), ein Einfamilienhaus in Uedem und zwei Projekte in Kleve.

Neubau Netto-Markt mit zehn Stadthäusern: Christian Thieme entwarf das Dorf auf dem Dach für die M. und U. Tjaden GbR in Kleve. Schon die Fassade des Netto-Marktes bricht mit üblichen Einkaufsmarkt-Outfits. „Senkrechte Lisenen, horizontale Klinkerbänder und willkürlich über die Fläche verteilte Betonschmucksteine, die sich an das benachbarte Industriedenkmal anlehnen, unterscheiden den Bau von üblichen Großmärkten“, sagt Thieme. Die senkrechten Lisenen ragen über die Dachkante hinaus und bilden die Pfeiler für die Geländer des Platzes oben auf dem Dach. Dort liegen vier ein- und zweigeschossige Stadthäuser, die als Holzkonstruktionen aufs Dach gesetzt wurden, darin zehn Wohnungen. Jede der Wohnungen hat einen eigenen individuellen Eingang, große Fenster blicken auf die Stadt oder über den Bahnhof hinweg in die Landschaft. Die Grundrisse der kleineren und auch deshalb vergleichsweise günstigen Wohnungen sind offen. Auf der „Straße“ zwischen den Häusern trifft man sich, auf dem Gemeinschaftsbereich-Platz steht ein Baum. Oben die hellen modernen Wohnhäuser, darunter der aufwendig ausgearbeitete Bau eines Einkaufmarktes und daneben das Industriedenkmal. Die Wiesenstraße 24 präsentiert sich jetzt als Ort, der nicht austauschbar ist. Und innovativ: „Wir waren bundesweit eine der ersten, die so etwas verwirklicht haben“, sagt Thieme.

Wohnhaus für zwei Paare mit Gemeinschaftsbereich: Der Auftrag war einfach: Ein Wohnhaus für zwei Paare in der Stadt. Doch es war überhaupt nicht einfach, das zu finden, berichtet der Klever Architekt Jürgen van der Louw über den Wunsch, gemeinsames Leben und Wohnen in der Stadt verwirklichen zu können, in abgeschlossenen Wohnbereichen mit einem offenen Gemeinschaftsteil. Dann fanden Bauherr und Architekt ein altes Gründerjahre Haus an der Heldstraße. Man hätte es abreißen können - aber es kam anders. Van der Louw bewahrte die Fassade des alten Hauses und ordnete die Grundrisse drinnen neu, nahm dem Haus aber das Dach. Rechts daneben setzte er einen Neubau. Verbunden werden beide, Alt- und Neubau, durch den zurückliegenden Eingangsbereich, hinter dem sich auch der Gemeinschaftsteil für die beiden Paare befindet. Der Gemeinschaftsbereich wird von einer Wandscheibe gegen Einblicke von vorne geschützt und öffnet sich nach hinten großzügig verglast in den Garten. Er ist mit den jeweiligen Wohnbereichen rechts und links über eine Tür verbunden. „Der Neubau antwortet auf den Altbau“, sagt van der Louw. Will sagen: Der Architekt setzt neben die beiden erhöhten Etagen des Gründerjahrebaus nicht drei neue Etagen, sondern zwei, nimmt die Fensterhöhen auf und auch der Sockel wird fortgeführt. Im Neubau ist im Erdgeschoss ein großer Wohnbereich, der sich zum Garten hin öffnet. „Wurde das Haus zunächst noch diskutiert, konnte es inzwischen auch seine Kritiker überzeugen. Es ist ein spannungsvolles Gesamtwerk, das nun den innerstädtischen Raum an diesem Ort prägt“, sagt van der Louw.

Einfamilienhaus in Uedem: Von außen wirkt es mit niederrheinischem Klinker und mit Stehfalz-Zink verblendeten Dachüberstand wie eines von vielen, doch der großzügig verglaste Zwerggiebel verspricht mehr: Gleich hinter dem Eingang öffnet sich das Einfamilienhaus in Uedem über zwei Etagen und fängt viel Licht ein. Der Grundriss ist offen und trotzdem teilbar: Stahl-Glas-Tür-Anlagen trennen die Wohnbereiche  und lassen viel Tageslicht in die Räume. Links liegt ein separater Gästebereich, rechts die Küche und oben die Schlaf- und Arbeitsräume. „Der Klinker ist niederrheinische Bau-Tradition, die dunkelgraue Farbe der Fenster und Fugen wurden aufeinander abgestimmt, so dass es ein homogenes Ganzes ergibt“, sagt Architektin Beate Kempkens, die das Erdgeschoss auch für eine spätere behindertengerechte Lösung vorbereitete.

Der Tag der Architektur lade ein, mit Bauherren und Planern zu diskutieren, sagt Christof Rose, Sprecher der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen (AKNW). Die AKNW zeigt in diesem Jahr an den Tagen der Architektur 177 Architekturprojekte in 88 Städten. Es sind Projekte, die sich der Diskussion stellen, eine Auswahl oder eine Jury gab es wie auch in den vergangenen Jahren nicht. Insgesamt ist das zum Tag der Architektur erschienene Katalogbüchlein aber deutlich dünner. „Der Bauboom ist so groß, so dass viele Büros einfach keine Kapazitäten für den Tag der Architektur haben“, sagt Rose.

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