Thema Inklusion: Fußballmannschaft in Materborn als Vorzeigeprojekt.

Materborn : „Jeder darf sich wie der Beste fühlen“

In Kleve-Materborn gibt es ein Vorzeigeprojekt: die Inklusions-Nachwuchsmannschaft von Übungsleiter Sebastian Eul.

Wer sich montagabends der Platzanlage des SV Siegfried Materborn nähert, darf keine Scheu vor kunterbuntem, beinahe chaotischem Treiben haben. 25 Kinder toben lautstark herum, Fußbälle fliegen wild über den Platz, Kinder laufen Huckepack übers Feld, andere zelebrieren Klatschspiele. Der Anlass: Eine fröhliche Gruppe von Nachwuchskickern im Alter zwischen drei und zehn  Jahre findet sich dann zur Trainingseinheit ein. Doch diese Mannschaft ist keine wie jede andere: Siegfried Materborn hat vor wenigen Wochen das erste Inklusionsteam der Kreisstadt ins Leben gerufen. „Bis vor einem halben Jahr war uns überhaupt nicht klar, dass es eine solche Mannschaft im Kinderfußball gar nicht gibt. Eine Mannschaft also, in der Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam spielen“, sagt Vereinsvorsitzender Markus Maas. So hätten viele der Kinder, die sich nun für das Materborner Vorzeigeprojekt angemeldet hätten, sonst schlichtweg keinen Fußballverein gefunden. „Das geht natürlich nicht. Kinder wollen sich bewegen, egal welchen Hintergrund sie haben. Dafür wollen wir die Plattform bieten“, sagt Maas im Gespräch mit unserer Redaktion weiter. Das Inklusionsprojekt zieht weite Kreise: Kinder aus Kranenburg, Bedburg-Hau oder Goch seien mit dabei.

Fixpunkt der Mannschaft ist ihr Trainer: Sebastian Eul. Der 34-Jährige ist Leiter der Klever Kindertagesstätte „Regenbogen“ und von Kindesbeinen an im Fußball unterwegs. Jahrelang kickte er in den höchsten Spielklassen des nordrhein-westfälischen Amateurfußballs, noch immer trainiert er in Bocholt einen Bezirksligisten. Dort kämpft er gegen den Abstieg. Viel wichtiger aber ist dem Familienvater eine andere Mission: die Inklusion. „Je früher man Kindern Inklusion als Selbstverständlichkeit beibringt, desto einfach ist der Umgang für sie“, erklärt er. Dass Eul für sein Projekt Siegfried Materborn ausgewählt hat, sei alles andere als zufällig. „Materborn steht für gute Jugendarbeit und für gewisse Grundwerte“, erklärt Eul. Er selbst sei Vater eines Kindes ohne Einschränkung. Dennoch sagt er: „Es kann alle Eltern treffen, dass sie ein Kind bekommen, das in manchen Dingen von Natur aus benachteiligt ist.“ Durch seine Arbeit als Nachwuchs-Übungsleiter wolle er vermitteln, dass das keine Bürde ist. Immerhin sei jedes Kind einzigartig. „Und es würde mir im Herzen weh tun, wenn ich einen Sohn hätte, der nur, weil er etwa Trisomie 21 hat, keinen Verein finden würde“, sagt Sebastian Eul. Seine bloße Anwesenheit scheint für Freude in den Kinderaugen zu sorgen. Die Nachwuchssportler hängen sich an seine Beine, zeigen ihm ihre neuesten Tricks: „Ey´ guck mal“, hört Eul immer wieder, während einer seiner Schützlinge versucht, sichtlich aufgeregt, mit dem Ball in der Luft zu jonglieren. „Ganz stark, weiter so“, entgegnet der Übungsleiter. Klar ist: Wie häufig der Ball nun in der Luft gehalten wird, ist Eul egal. Zuspruch erfahren die Kinder bei ihm immer. „Bei uns gilt: Jeder darf sich wie der Beste fühlen. Leistungsdruck gibt´s hier nicht. Wer Spaß hat, hat gewonnen“, sagt er weiter. Kinder, fügt Maas an, wüssten bereits früh, worauf es ankommt. Schließlich sei Fußball ein Mannschaftssport. „Die Kinder wissen, dass sie nur weiterkommen, wenn sie zusammen spielen und an einem Strang ziehen. Einzelkämpfer werden es im Fußball nicht weit schaffen“, sagt Maas.

Noch ist das Projekt ein junges. Bisher sei die Resonanz von Kindern, Eltern und Betreuern durchweg positiv. Doch ob es langfristig erfolgreich ist, hängt auch davon ab, wie tolerant sich andere Klubs aufstellen. Immerhin ist es im Jugendfußball unüblich, dass die Altersspanne wie in Materborns Aufgebot sieben Jahre beträgt. Normalerweise finden sich immer nur zwei Jahrgänge in einer Mannschaft zusammen. „Damit sich die Kinder weiterentwickeln können, müssen sie irgendwann auch auf andere Mannschaften treffen, etwa bei einem Bambini-Turnier. Da hoffen wir auf Toleranz für unser Modell“, sagt der Kindergärtner. Wer sich die Trainingseinheit der Schwarz-Gelben genau ansieht, stellt fest: Eben diese Toleranz scheint bei den Kindern in der DNA zu stecken. Ein Beispiel: Ein junges Mädchen, offenbar mit dem Down-Syndrom, stellt sich als Torwärtin zwischen die Pfosten. Sofort schießen die Jungs, Marke „Rowdy“, einen Deut weniger schnell. Es scheint, als verstünden sie sofort, was zu tun ist: Der Ball braucht nicht blitzschnell in die Maschen fliegen, deutlich mehr Stil hat ein platzierter Schuss. Tore, das steht außer Frage, sind auch bei der ersten Klever Inklusionsmannschaft das Ziel. Der Weg dahin aber ist ein besonderer.

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