WM-Titel 1954 in Kleve gefeiert

Public Viewing 1954: Rudelgucken oder gar kein Fußball

Das Konzept Public Viewing ist nicht neu. Im Jahr 1954 hatte kaum jemand einen Fernseher, so schauten die meisten in der Kneipe. Auch die Materborner Wirtschaft Coenders lud seinerzeit zum Rudelgucken ein. Die Wirtstochter Marianne Thissen erinnert sich.

„Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt! Tor! Tor! Tor!“ – diese Worte prägten das „Wunder von Bern“, den Deutschen WM-Sieg 1954 maßgeblich. Für Marianne Thissen, heute 76 Jahre alt, sind diese Worte noch immer omnipräsent. Besonders dann, wenn erneut eine Weltmeisterschaft Fußball-Deutschland fesselt.

Thissen erlebte das erste kollektive „Wir-Gefühl“ der Nachkriegszeit mit zwölf Jahren in der Materborner Kult-Kneipe Coenders ihrer Eltern Jupp und Mine. „Das war ein Vorläufer des heutigen Public-Viewings“, sagt Thissen. Ist der Fernseher heute in wohl jedem Wohnzimmer obligatorisch, war er damals noch eine echte Rarität und für den Privathaushalt kaum zu finanzieren. „Wir hatten 1954 bei Coenders den ersten Schwarz-Weiß-Fernseher extra für die Weltmeisterschaft gekauft. Solche gab es nur in Kneipen oder den Schaufenstern von Elektronikgeschäften“, erklärt die Gastwirtstocher.

Um Fußball zu schauen, musste man sich also mit anderen zusammentun – das Rudelschauen war alternativlos. Mehr als 100 Fans, in erster Linie Vereinsmitglieder von Siegfried Materborn, kamen zum Endspiel am 4. Juli ´54 in der Traditionskneipe zusammen, obwohl der neue Saal der Gaststätte noch nicht fertiggestellt war. Die Fenster wurden mit blauen Platten zugenagelt und aus dem Platzhaus von Siegfried Materborn Bänke und Tische geholt, die auf Steigerbrettern und Platten aufgebaut wurden. Beleuchtet war die Kneipe nur spärlich. Um das Fernsehbild überhaupt sehen zu können, wurde das Licht gar ausgeschaltet. Nur in der Halbzeitpause konnten sich die Fußballbegeisterten orientieren.

„Als Helmut Rahn das Tor schoss, fielen alle übereinander her und feierten in Ekstase. Die Stimmung war einfach unglaublich“, so Thissen. Während ihr Vater am Apparat noch die Verbindung stabilisierte, fielen sich die Deutschland-Fans in die Arme. „Das Fernsehbild war damals noch kaum größer als eine DIN-A-4-Seite. Aber ich saß auf der Theke und hatte die beste Aussicht. Es war wie im Kino“, sagt Thissen, während sie ihren Kopf nach oben neigt, um zu demonstrieren, wie man auf den kleinen Bildschirm weit nach oben blickte. „Da konnte man schon einmal einen steifen Nacken bekommen“, fügt sie an.

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Bis heute schwelgt sie mit ihrem Ehemann gerne in Erinnerungen und blättert in ihren Fotoalben. „Ich bin in der Wirtschaft, mit dem Rudelgucken und dem Fußball bei Siegfried Materborn aufgewachsen“, erklärt sie. Jede WM habe sie nach 1954 in der Kneipe geschaut; jahrzehntelang bei Coenders, später im Haus Ida, das bis heute weiterhin von ihrer Tochter Silke betrieben wird.

Erstmalig aber verfolgte sie das Sportgroßereignis in diesem Jahr vor dem heimischen Fernseher. Viele Leute brauche sie heute nicht mehr um sich, ohnehin verfolgen die meisten Menschen die schönste Nebensache der Welt heute lieber vor dem eigenen Bildschirm in kleiner Runde. Das „Wir-Gefühl“ hätte in diesem Jahr kaum aufkommen können, meint Thissen – dafür waren die Leistungen der Jogi-Elf in Russland schlicht zu dürftig. Doch nicht nur die Kulisse des Fernsehens, auch der sportliche Held ist heute ein anderer: „Natürlich haben wir alle Helmut Rahn angehimmelt, schließlich hat er uns zum Titel geschossen. Mittlerweile mag ich Thomas Müller besonders, da er so witzig und charmant ist.“

Das Finale am Sonntag aber werde sie wieder in der nur wenige Meter entfernten Gaststätte schauen. „Ich tippe auf England“, sagt sie. Mit der Erfahrung von 17 Weltmeisterschaften hat ihre Prophezeiung natürlich Gewicht.