Lokalsport : Zurück ins Leben gekämpft

Der 13. März bedeutete für Kevin Clewes einen tiefen Einschnitt. Im Ligaspiel seines Vereins SV Asperden trug der Fußballer eine schwere Hirnverletzung davon. Rund neun Monate später und nach längeren Therapien befindet sich der 26-Jährige auf dem besten Wege der Genesung.

Es war alles wie immer, als sich Kevin Clewes, Fußballer des SV Asperden, auf das Topspiel der Kreisliga B 2 am 13. März dieses Jahres gegen den SV Issum II vorbereitete. Es war ein vorentscheidendes Match im Kampf um den Aufstieg. Der damals 25-Jährige wollte in dieser Begegnung unbedingt als Sieger vom Platz gehen, um mit dem SV Asperden eine gute Chance zu haben, in der darauffolgenden Saison im Kreisliga-Oberhaus anzutreten. "Kevin wollte immer schon gewinnen. Er hat das damals auch gesagt und sich auf das Spiel gefreut", sagt seine Mutter Ute etwas mehr als neun Monate später.

Clewes wärmte sich an jenem Sonntagnachmittag im März gemeinsam mit seinen Mitspielern auf. "Wir haben ein Dreieck gebildet, in dem wir verschiedene Übungen gemacht haben. Das war auch an diesem Tag vor dem Spiel gegen Issum so", berichtet Clewes. Es ist das Letzte, an das sich der gelernte Dachdecker heute noch erinnern kann.

Nur 20 Minuten nach dem Anpfiff bekam Clewes den Ball aus kurzer Distanz unvermittelt und mit voller Wucht so unglücklich gegen die Schläfe, dass er "kerzengerade", wie ihm später erzählt wurde, zu Boden stürzte. Noch auf dem Asperdener Sportplatz erkannten die Sanitäter den Ernst der Lage. Clewes hatte schwere Verletzungen seines Gehirns davongetragen und rang mit dem Tod. Nach einem mehrtägigen künstlichen Koma, einer längeren Aufwachphase und monatelangen Therapien ist er heute aber auf einem guten Weg, wieder komplett zu genesen.

Unmittelbar nach dem Vorfall konnte seine Familie das nur hoffen. Seine Mutter Ute Clewes wurde damals noch vom Sportplatz aus informiert. "Mir wurde gesagt, dass er einen schweren Sportunfall hatte. Da habe ich aber an Knochenbrüche oder so etwas gedacht. Als ich aber am Sportplatz eintraf, lag er schon im Rettungswagen, und ich konnte ihn nicht mehr sehen. In diesem Moment habe ich zum ersten Mal realisiert, dass es etwas Schwerwiegendes sein muss", sagt Ute Clewes.

Der junge Fußballer wurde umgehend in eine Spezialklinik nach Nimwegen gebracht, wo die Ärzte zunächst nicht sagen konnten, wie es um ihn steht. "Er hatte vier Blutungen im Gehirn, deren Ausmaße die Ärzte zum damaligen Zeitpunkt nicht abschätzen konnten. Wir mussten tagelang einfach nur warten", so die Mutter. Für sie, Kevins Bruder und auch seine Freundin Sandy, die, obwohl sie nicht mit auf die Intensivstation durfte, regelmäßig ins Nimwegener Krankenhaus fuhr, eine sehr belastende Situation, in der sie für jegliche Hilfe aus der Familie dankbar waren.

Nach vier Tagen im künstlichen Koma konnten alle zum ersten Mal aufatmen. "Da haben die Ärzte die Medikation, die Kevin im künstlichen Koma hielt, reduziert", berichtet Ute Clewes. Trotzdem war weiterhin Vorsicht geboten, denn keiner konnte zunächst sagen, ob oder welche Schäden der heute 26-Jährige zurückbehalten wird. "Das dauerte noch ein paar Tage", so seine Mutter, die viel mit ihrem Sohn in dieser Aufwachphase, in der er, wie Ute Clewes sagt, in einem "Wachkoma-Zustand" war, gesprochen hat: "Ich hatte das Gefühl, dass ihm das gut tat, auch wenn er nicht wirklich reagieren konnte."

In der ersten Zeit war sie die Einzige, die zu ihrem Sohn durfte. Seine Freunde und Mannschaftskollegen des SV Asperden hatten sich zwar immer wieder bei ihr erkundigt, doch auch nachdem er nach zehn Tagen in der Nimwegener Spezialklinik in die LVR-Klinik nach Bedburg-Hau verlegt wurde, durften sie ihn noch nicht besuchen. "Ich habe gemerkt, dass er zu der Zeit einfach sehr viel Ruhe brauchte. Als Mutter fühlt man das", begründet Ute Clewes.

Zu Hause erledigte die Familie noch während Kevin Clewes' Aufenthalt in Bedburg-Hau alles Organisatorische, so dass er direkt im Anschluss an einer Früh-Reha-Maßnahme in Hattingen teilnehmen konnte. "Uns wurde geraten, dass er die schnellstmöglich macht, um das Gehirn wieder zu trainieren", erläutert Ute Clewes, deren Sohn in der Anfangszeit dieser Reha im Rollstuhl sitzen und auch das Laufen erst wieder neu erlernen musste. "Das hat ihm zu Beginn sehr zugesetzt", berichtet die Mutter, immer noch berührt von den Ereignissen. Schließlich sei ihr Sohn zuvor ein sehr sportlicher Mensch gewesen.

"Ich habe es geliebt, zu rennen und Fußball zu spielen", sagt Kevin mit bewegter Stimme.

Schon früh hat er angefangen, das zu tun, was er bis heute liebt. Erst als Bambini beim TSV Nieukerk, später bei Viktoria Goch. Als Senior gehörte er zum Kreisliga A-Team des Uedemer SV, ehe er zur Spielzeit 2014/2015 zum SV Asperden wechselte und dort zunächst für die zweite Mannschaft im Einsatz war. "Da waren meine Freunde und ich wirklich mit Leib und Seele dabei", erinnert sich Kevin Clewes rund anderthalb Jahre später. Zur vergangenen Saison 2015/16 wechselte er - nachdem zwei seiner besten Freunde das Reserve-Team verließen - zur ersten Mannschaft in die Kreisliga B. Auch da wollte der beliebte und gute Mittelfeldspieler nur eines: Mit dem Ball über das Spielfeld rennen und gewinnen.

Auch heute ist das noch sein Traum, der im März dieses Jahres aber zu platzen drohte. Als Kevin Clewes sich allerdings nach und nach erholte, sein Erinnerungsvermögen langsam wiederkam, und er den ersten Schock überwunden hatte, kehrte er zu alter Stärke zurück. "Ich merkte irgendwann: Da geht noch was. Und da war mein Ehrgeiz plötzlich wieder da", so der gelernte Dachdecker, den das Geschehene - auch wenn er selbst wenige bis gar keine Erinnerungen daran hat - immer noch sichtlich mitnimmt. Mit eisernem und bewundernswertem Willen kämpfte er sich durch alle anstehenden Therapien, die seine Sprache und auch seine Motorik betrafen, und zurück ins Leben.

Damit er motiviert blieb, ließen sich seine Familie und Freunde zuvor allerdings einiges einfallen. So schrieben sie den Fußball-Bundesliga-Club Borussia Dortmund an, schilderten diesem die Geschichte und erhielten eine Antwort des Vereins. Auch die Mannschaft des SV Asperden schickte Kevin Clewes ein eigens arrangiertes Bild, auf dem sie ein Tuch mit der Aufschrift "Wenn Fußball zur Nebensache wird. Gute Besserung, Kevin" in den Händen halten. Außerdem schenkten sie ihm ein Trikot des BVB's mit Kevin Clewes' Rückennummer 11, seinem Namen und den Autogrammen der gesamten Asperdener Mannschaft. Dieses trug der 26-Jährige, der seine Mitspieler beim Saison-Abschlusstraining in Asperden besuchte und beim Trainingsspiel - auch wenn er noch ein wenig wacklig auf den Beinen war - den Anstoß machte, häufig in seiner Reha.

Nach der ersten Früh-Reha kurz nach dem Vorfall folgten für den Gocher noch zwei weitere Rehabilitationsmaßnahmen - die letzte schloss er erst vor wenigen Tagen im Dezember ab. Sie alle hatten großen Erfolg. "Kevin ist noch nicht ganz so, wie er früher war. Das merkt man, wenn man ihn kennt. Aber ich glaube, wenn man ihn vorher nicht kannte, merkt man gar nicht mehr, wie krank er war", sagt Mutter Ute.

Die Ärzte schätzen, dass Kevin Clewes noch ungefähr ein halbes Jahr braucht, um wieder ganz der Alte zu sein. Dann will er jedoch endlich komplett zur Normalität zurückkehren und seine Meisterschule zum Dachdecker-Meister abschließen, die eigentlich schon zwei Monate nach dem Unfall im März zu Ende gewesen wäre.

Im Anschluss daran möchte der 26-Jährige dann unbedingt wieder auf dem Fußballplatz stehen und mit dem Ball am Fuß rennen. Dabei sollen seine Gegner ebenso keine Chance haben, wie es die Folgen dieses tragischen Sportunfalls in den vergangenen neun Monaten gegen ihn hatten.

(pets)
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