Fußball : Der Prinz vom Bresserberg

Umut Akpinar steht wie kaum ein anderer für den 1. FC Kleve. Den Status hat er sich in 19 Jahren als Spieler und Trainer erarbeitet.

. Umut Akpinar öffnet die Haustür und lacht über beide Ohren. „Ich habe mich auf das Gespräch gefreut“, sagt er. Der Übungsleiter wirkt aufgeräumt, der Scheitel sitzt, das Hemd ist glattgebügelt. Ein ungewohnter Anblick, sonst ist er mit seinem Rot-Blauen Trainingsanzug verheiratet. Akpinar führt ins Wohnzimmer, wo die Geräuschkulisse pendelt zwischen New Yorker Central Park und Frankfurter Börse: An der Decke kreischen drei Wellensittiche um die Wette, auf dem Fernseher laufen in Dauerschleife Nachrichten des Fußballbezahlsenders. Soeben wurde Heiko Herrlich bei Bayer Leverkusen entlassen, Peter Bosz wird sein Nachfolger. Ob Bosz der Richtige sei, könne er noch nicht sagen. „Damit habe ich mich noch nicht so richtig befasst“, sagt der 41-Jährige. Die Vögel, die bemerke er kaum mehr. Ohnehin seien die nur laut, wenn Gäste da sind. Akpinar kam als Sohn türkischer Eltern mit drei Jahren aus Bad Drieburg nach Emmerich. Er besuchte die Realschule und machte eine Lehre bei der Maschinenfabrik Probat-Werke, wurde Energieelektroniker, noch heute arbeitet er in dem Familienunternehmen. Er heiratete seine Frau Yasemin und wurde Vater zweier Kinder: Ilkay (12) und Kaan (8). „Ich bin ein Familienmensch, meine Frau und die Kinder stehen für mich an erster Stelle“, sagt er. Daheim wird Türkisch und Deutsch gesprochen. Umut Akpinar redet nicht gerne über Umut Akpinar. Dann verschränkt er die Arme. Viel lieber spricht er über seine Mannschaft, den 1. FC Kleve, Borussia Dortmund, Lucien Favre, Marco Reus, Hans Noy, Fabio Forster oder den Charakter der Oberliga. So sprudelt es auch erst dann richtig aus ihm raus, wenn es um die schönste Nebensache der Welt geht. Niemals mit flapsigen Sprüchen oder Pauschalisierungen, immer mit bedachten Analysen. Dann öffnet er seine Arme.

Der Spieler Umut Akpinar war der Leader im defensiven Mittelfeld, er dirigierte seine Mitspieler und folgte jeder Einladung zum körperlichen Zweikampf. Bei seinem Herzensverein Borussia Dortmund wäre Thomas Delaney sein Pendant. Laufen lernte er im Fußball bei Rheingold Emmerich, spielte sechs Jahre lang in der Jugend für den VfL Rhede, die Debüt-Saison im Senioren-Fußball gelang ihm bei Eintracht Emmerich in der Bezirksliga. 1996 meldete sich dann Hans Noy für den VfB Kleve 03. In der Schwanenstadt erlebte er turbulente Jahre, euphorische Aufstiege und einen schmerzhaften Abstieg, auch die desaströse Insolvenz. An einen Abgang dachte er dennoch nie, er habe seinem Verein etwas zurückgeben wollen. „Ich habe Partien gegen Traditionsklubs wie Union Solingen oder kfc Uerdingen gespielt, stand in Lokalderbys gegen Viktoria Goch und in Tests gegen Schalke 04 und Galatasaray Istanbul auf dem Platz. Das vergisst du nie wieder“, sagt er. Was bleiben wird: die Erinnerung an 600 Partien im Rot-Blauen Dress und die enge Freundschaft zu Hans Noy, der bis heute einer seiner größten Förderer und Berater ist. Weist man Akpinar darauf hin, dass es kaum jemanden gebe, der so stark mit dem Schwanenstädter Verein identifiziert werde wie er, lacht er verlegen. „Das Umfeld ist toll. Sportlich und finanziell hat sich dann alles ergeben“, sagt er. Eine neunzehnjährige Ära ist im schnelllebigen Fußball-Zirkus aber alles außer Zufall.

Der Trainer Umut Akpinar war Frühstarter. „Noch als Spieler habe ich gemerkt, dass ich Trainer werden will. Das war mit 26 oder 27 Jahren“, sagt der ehemalige Spielführer. Eine Verletzung setzte ihn damals außer Gefecht, weshalb er bei Klaus Berger hospitierte, ihn bei der Vorbereitung der Trainingseinheiten begleitete und eigene Ideen in die anschließende Analyse einbrachte. Das gleiche Potential sehe er heute auch bei seinem Kapitän Fabio Forster. Vor zwei Jahren übernahm Akpinar die Klever Zweitvertretung. „Das war eine perfekte Möglichkeit zum Einstieg und ein gutes Sprungbett“, sagt das FC-Urgestein. Nur eine Spielzeit später trennte sich der Fusionsklub nach Jahren der emotionalen Achterbahnfahrt von Chefcoach Thomas von Kuczkowski. So war es fast selbstverständlich, dass Akpinar sein Nachfolger an der Seitenlinie werden würde. „Mit Georg Kreß, Klaus Berge, Arie van Lent, Fred-Werner Bockholt und Horst Riege habe ich tolle Trainer gehabt. Von allen habe ich etwas mitgenommen.“

Der Landesliga-Trainer Umut Akpinar sorgte sofort für frischen Wind in der Getec-Arena. Die Sommervorbereitung war intensiv, die Spieler erhielten klare Regeln und eine schlüssige Spielphilosophie. Sie folgten ihm. „Autorität kann man sich nicht erarbeiten. Die hat man oder nicht“, sagt Akpinar. Über Jahre hinweg war der Klub an seinem fieberhaften Aufstiegs-Streben gescheitert. „Daher wollten wir das „A“-Wort nicht in den Mund nehmen, sondern nur von Spiel zu Spiel denken“, sagt Akpinar mit süffisantem Lächeln. „Von Woche zu Woche hart arbeiten“, „Von Spiel zu Spiel denken“, „Die Tabelle ausblenden“. Jeder im Umfeld des FC wurde mit den Mantren des Cheftrainers konfrontiert. Natürlich blickte auch er auf die Tabelle, rechnete auch er aus, wann der Aufstieg perfekt sein könnte, informierte auch er sich nach dem Abpfiff über die Ergebnisse der Konkurrenz. Doch mit seinen gebetsmühlenartigen Wiederholungen sorgte er für Ruhe im Verein. Damit ebnete er den Weg für eine Saison mit sensationellen 82 Punkten und den langersehnten Aufstieg in die Oberliga. „Das habe ich immer noch nicht so richtig realisiert“, sagt der ehemalige Regionalligaspieler. Statt gegen Arminia Klosterhardt oder den SV Hö.-Nie. geht es mittlerweile gegen Schwarz-Weiss Essen oder den VfB Homberg.

Der Oberliga-Trainer Umut Akpinar hat mit seinem Team als Aufsteiger eine starke Halbserie hingelegt. Die Rot-Blauen überwintern auf dem sechsten Rang. Und Umut Akpinar hat seine Floskeln weiterentwickelt: „Jeder Gegner ist stark“, „Man darf sich keinen Fehler erlauben“, „Wir wollen schnellstmöglich den Klassenerhalt perfekt machen“. Das Budget von Sportchef Georg Kreß gab es im Sommer nicht her, namhafte Spieler zu holen. Stattdessen wurde Akpinar zum „Bessermacher“ seiner Spieler, er hat das Team und jeden Einzelnen weiterentwickelt. Taktisch passt sich der Fußballlehrer noch flexibler dem Kontrahenten an, stellt auch während der Begegnung um. Doch auch der Druck ist gewachsen. Der Deutsch-Türke ist lauter auf der Trainerbank geworden, setzt mit Auswechselungen zur Pause Zeichen und wirft gelegentlich Wasserflaschen wutentbrannt zu Boden. Das sind die einzigen Momente, in denen der immer kontrolliert auftretende Emmericher emotional wird. Im Umgang mit seinen Spielern findet er aber nach wie vor eine gute Balance zwischen Fordern und Fördern. Er duldet Disziplinlosigkeiten nicht, hat aber ein Gespür dafür, wann Spieler Pausen brauchen. So gab er seinen Akteuren nach dem diesjährigen Totensonntag eine Woche trainingsfrei, um einen regelrechten Endspurt hinlegen zu können. Seine Maßnahme fruchtete, noch gelöster spielte die Elf um Levon Kürkciyan final auf. „Ich bin nie sauer, höchstens mal enttäuscht“, sagt er. Ein enttäuschter Akpinar: die Höchststrafe für seine Kicker.

Der Familienvater Umut Akpinar will in den eigenen vier Wänden ein Vorbild sein. „Alles an Papa ist cool“, sagt der 12-jährige Ilkay. Seine Söhne spielen beide Fußball, wollen natürlich Profis werden, Druck will der Vater aber nicht aufbauen. Zwar gebe er Tipps, doch ob sie in seine Fußstapfen treten oder nicht, sei unwichtig. Wichtig sei nur die Schule. Dennoch sagt er: „Ich kann mit meinen Jungs den ganzen Tag über Fußball reden. Von der F-Jugend bis zur Champions League begeistert uns alles.“ Immer, wenn seine Tatkraft nicht beim 1. FC gefragt ist, begleitet er Kaan zum Training bei Rheingold Emmerich. Dass der Sachverstand im Hause Akpinar nicht rar gesät ist, beweist Ilkay, als er über das Spiel von Borussia Dortmund gegen die Borussia aus Mönchengladbach spricht. Er fährt mit seinem Vater und seinem Bruder fast zu jedem Heimspiel der Schwarz-Gelben. Nun hat er gesehen, wie Jadon Sancho, Paco Alcacer und Marco Reus 80.000 Anhängern im Signal-Iduna-Park drei Punkte schenkten. Und Ilkay sinniert über „Räume“, die Gladbach herschenkte, über „Tiefe im Spiel“, die die Außenbahnspieler Dortmunds kreierten, er spricht über einen verdienten Sieg Dortmunds, über „ängstliche Gäste“. Sein Vater strahlt und nickt. Es sitzt Experte neben Experte. Manchmal wirkt es, als sei es Akpinar nicht geheuer, so im Fokus der Öffentlichkeit und der Lokalpresse zu stehen. Er legt Wert auf Loyalität. Abheben kann „Mister 1. FC Kleve“ kaum. Der Erfolg fliegt ihm nicht zu, vielmehr arbeitet er hart dafür. Sein Tag beginnt um fünf Uhr in der Früh, um sechs Uhr beginnt die Schicht, nachmittags macht er sich auf den Weg zum Training. Drei Mal in der Woche dauern seine Tage so von fünf Uhr morgens bis 22 Uhr abends. Dazu kommen die Spiele am Sonntag. „Das ist manchmal hart. Aber sonntags, auf dem Rasen, weiß man, wofür man es macht. Es ist mein Anspruch, immer perfektionistisch und hart zu arbeiten.“ Diesen Geist hat er am Bresserberg verbreitet.

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